Schridde: „Es läuft einiges schief im System“

29.03.2013 | 18:33 |   (Die Presse)

Stefan Schridde hat die Internet-Plattform „Murks? Nein, danke!“ gegründet. Mit konkreten Beispielen versucht er geplanten Verschleiß nachzuweisen.

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Die Presse: Ein häufiges Argument lautet: In einem freien Markt kann Ihr Verdacht nicht stimmen. Enttäuschte Kunden wechseln ja den Anbieter.

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Stefan Schridde: Das ist ein großer Irrtum! Erstens: Der Markt ist nicht frei, weil die Transparenz fehlt. Der Kunde, dem ein Produkt kaputtgeht, glaubt, er sei ein Pechvogel: Das war eben ein Montagsprodukt, ein Ausnahmefehler. Er kann das nicht auf einen Serienfehler zurückführen. Zweitens: Wenn es im Regal nur die großen Marken X und Y gibt, bleibt es bei Kundenwanderungen zwischen beiden Firmen. Wer mit X unzufrieden war, kauft das nächste Mal Y und umgekehrt. Das stört die Hersteller nicht, in Summe bleibt es gleich.

Sie verschweigen die Premiumprodukte mit langen Garantiezeiten. Wer dafür mehr zahlen will, kann es ja tun.

Dummes Zeug! Natürlich gibt es Nischen, von Produzenten, die nur im Fachhandel verkaufen. Der hohe Preis hat aber zunächst mit der Qualität nichts zu tun. Materialkosten machen nur etwa ein Fünftel der Gesamtkosten aus. Das meiste davon betrifft Vorprodukte, bei denen das Material wieder nur einen kleinen Teil ausmacht. In Summe geht es um maximal fünf Prozent, die über die Qualität entscheiden. Was die Waschmaschine von Miele besser macht als die von Bauknecht, rechtfertigt nicht, dass sie dreimal so viel kostet.

Sie betrachten nur einen Bauteil. Aber alle Komponenten sind auf die geplante Gebrauchsdauer ausgelegt. Geht nicht der eine kaputt, dann eben ein anderer.

Wir nehmen zum Beispiel Handmixer auseinander. Dann sieht man: Für die Haltbarkeit ist ein einziger Teil entscheidend. Nicht das tolle Design des Gehäuses, nicht der Motor, nicht die Besen, sondern nur das Zahnradgetriebe – das ist die Schwachstelle, die als Erstes kaputtgeht. Da kann man nicht sagen: Der Kunde ist zu gierig, dafür etwas mehr zu zahlen.

Wenn Sie recht haben: Warum packt dann kein einziger Ingenieur aus?

Es ist schwierig auszupacken. Ich führe viele Gespräche. Ein Ingenieur aus Hamburg hat eine Plattform geschaffen, auf der man sich anonym austauschen kann. Einer, der Elektroplatinen plant, sagt mir: Wir könnten die locker so machen, dass sie zehn Jahre länger halten - kostenneutral. Ich sage nicht: Alle Hersteller sind böse. Aber es läuft einiges schief im System. Wir sind keine Wegwerfgesellschaft. Die Menschen wollen, dass wir nachhaltig produzieren und handeln.

Zur Person

Stefan Schridde studierte BWL, arbeitete 25 Jahre in Führungsfunktionen und lebt heute als freiberuflicher Berater in Berlin. Mit „Murks? Nein, danke!“ hat er ein Onlineportal für Verbraucherschutz geschaffen, das die Diskussion über geplanten Verschleiß neu belebt. [Murks? Nein, danke!]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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