Niedermeyer verspielt sein drittes Leben

02.04.2013 | 18:31 |  MATTHIAS AUER (Die Presse)

Die legendäre Elektronikkette ist insolvent. Nach dem Rückzug des Gründers Helmut Niedermeyer wurde das Unternehmen zum chronischen Sanierungsfall. Jede zweite Filiale sperrt zu, 279 Mitarbeiter verlieren den Job.

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Wien. Sein ganzes Leben hat Helmut Niedermeyer einem einfachen Ziel verschrieben: „Oben bleiben!“ Mehr zählt für den ehrgeizigen Wiener, der 1957 die Film- und Fotokette Niedermeyer gegründet hat, eigentlich nicht. Und solange der geborene Verkäufer und Hayek-Jünger seine Finger im Spiel hatte, lief es mit seiner blau-gelben Elektrokette auch noch gut.

Doch spätestens in den Neunzigerjahren wurde Niedermeyer langsam, aber sicher zum chronischen Sanierungsfall. Das jüngste Kapitel des Abstiegs wurde erst am Dienstag geschrieben: Niedermeyer ist insolvent. Beim Handelsgericht Wien liegt der Antrag auf ein „Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung“. Früher hieß das noch weniger elegant: Zwangsausgleich.

 

„Nur tun, was Spaß macht“

Augenscheinlich wurden die Probleme der Elektrokette, nachdem Sohn Christian Niedermeyer im Jahr 1989 die Führung des Unternehmens übernommen hatte. Die Konkurrenz der Großen wie Saturn unterschätzt, die Nischen der Kleinen, wie Brillen und Hörgeräte, verpasst, das Internet komplett verschlafen, lautet die magere Bilanz. Niedermeyer wurde zu einem Händler, der eigentlich alles hatte, aber doch nie das, was man gerade brauchte. Jahrelang schrieb die Kette rote Zahlen. Gerade ein Jahrzehnt hielt sich Christian Niedermeyer im Chefsessel, denn das Lebensverständnis des Elektronikerben war diametral zu den Grundfesten seines Vaters: „Ich habe kein schlechtes Gewissen, mit 47 Jahren aufzuhören zu arbeiten und nur noch zu tun, was mir Spaß macht“, gab der Lebemann zu Protokoll, als er sich um die Jahrtausendwende endgültig aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte.

Kolportierte 29 Mio. Euro kassierte er zuvor von der Deutschen Telekom für sein angeschlagenes Unternehmen. Der Plan der Deutschen, das dichte Niedermeyer-Filialnetz zu nutzen, um das Handygeschäft der Tochter T-Mobile anzukurbeln, schlug fehl. Und damit der erste Sanierungsversuch.

Nur fünf Jahre später machte Erhard Grossnigg einen Anlauf, die Kette wiederzubeleben. Sein Konzept: Eine Hochzeit mit dem damals ebenfalls strauchelnden Cosmos sollte einen Elektroriesen schaffen, der es mit Saturn und Mediamarkt aufnehmen konnte. Auch dieser Plan ging nicht auf. Cosmos schlitterte in die Pleite.

Zwei neue Leben hatte Niedermeyer schon verspielt, ein drittes wollte der Tiroler Werner Weber dem Unternehmen einhauchen. Als er Niedermeyer im Jahr 2009 übernahm, hatte er sich als Libro-Sanierer bei der Taus-Gruppe bereits einen Namen gemacht. „In drei Jahren schreiben wir wieder Gewinne“, tönte er damals.

 

Jeder zweite Mitarbeiter geht

Daraus wurde wohl nichts. Niedermeyer schrieb zuletzt nur noch 105 Millionen Euro Umsatz – ein Bruchteil früherer Jahre. Der Verlust belief sich auf 2,9 Millionen Euro. Am Dienstag meldete das Unternehmen Insolvenz an. Verbindlichkeiten in der Höhe von 28,8 Millionen Euro können nicht an Lieferanten und Banken zurückbezahlt werden. Schuld an der Misere ist auch Firmenchef Weber selbst, heißt es in der Branche. Das Unternehmen leide unter Führungsschwäche, und zwar seit Jahren.

Der Plan, gemeinsam mit dem deutschen Anbieter Cyberport zum Abholmarkt für Internetkunden zu werden und gleichzeitig das Produktsortiment um ein Fünftel zu kürzen, wurde von den Kunden nicht goutiert. Jetzt will die Firmenleitung Gläubigern und Investoren einen neuen Sanierungsplan vorlegen, Niedermeyer soll ein viertes Mal neu erfunden werden.

Für das Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Schrumpfen. 53 der 98 Filialen sollen geschlossen werden, 279 der 580 Mitarbeiter dürften ihren Job verlieren. Doch allein kann Niedermeyer den geplanten Umbau nicht stemmen. Allein die Filialschließungen würden ein paar Millionen Euro kosten, heißt es. Alle Hoffnungen liegen daher auf Gesprächen mit potenziellen Investoren, die angeblich bereits geführt werden.

Den 840 Gläubigern bietet die Unternehmensleitung eine Quote von 20Prozent an. Ob das annehmbar ist, wollen die Gläubigerschützer KSV1870 und AKV im Laufe der nächsten Wochen eruieren. Denn letztlich entscheiden die Geldgeber, ob eine vierte Reparatur versucht wird oder ob dem Traditionsbetrieb das Cosmos-Schicksal blüht und Niedermeyer ganz vom Erdboden verschwindet. „Oben bleiben“, das Motto des Gründers, heißt heute wohl nur noch: Nicht untergehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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180 Kommentare
 
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So ein....

...Unternehmen lebt und stirbt mit der Eigentümerfamilie. Hat sich ohnehin lang gehalten nachdem diese "Kohle gemacht" hat und ausgestiegen ist.

Kein Wunder

Für mich ist es kein Wunder - ich kenne einfach keinen einzigen Grund, warum ich dort hätte etwas kaufen sollen! Es gibt dort nichts, was es nicht beim Hartlauer,beim Saturn oder beim Media Markt mindestens genau so teuer oder billig gibt und die Kompetenz der Verkäufer ist/war auch keine berauschende Erfahrung. Einer, der zu viel da war, ist jetzt vielleicht weg - es tut mir für die Angestellten leid, aber die Konkurrenz ist knallhart in dieser Branche..

Genau so ist es.

Kleiner als Media, teurer als die Geizhals-Tandler, keine Spezialisierung in irgendeine Richtung - war letztendlich absehbar.

Das Problem sind die Besitzverhältnisse

Es ist einfach etwas völlig anderes, wenn ein Besitzer hinter einer Firma steht, der mit Herzblut dabei ist - der sich engagiert und dem auch die Zufriedenheit der Kunden persönlich wichtig ist.

Oder eine anonyme Betreibergesellschaft, die mit möglichst wenig Aufwand Gewinne einstreifen will - ohne jeden Bezug zum Geschäftsfeld selbst.

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Re: Das Problem sind die Besitzverhältnisse

Der seit den Siebzigern in Westeuropa flächendeckende Sozialismus hat mehr oder weniger alle Unternehmer solange mittels Steuern, Abgaben und schleichenden Enteignungen in den Ruin getrieben. Eines der bekanntesten Beispiele waren Rohrmoser, Funder u.A. Jetzt regieren Konzerne und deren "Manager". Das ist ganz im Sinne der Sozis. Denn Manager sind Arbeitnehmer und dem Sozialismus näher als gestandene Unternehmer und daher leicht beeinflussbar.

Re: Re: Der seit den Siebzigern in Westeuropa flächendeckende Sozialismus

Kohl, Merkel, Thatcher, Sarkozy, Schüssel, Berlusconi etc. etc. - alles verkappte Sozialisten ???

Das ist das "lustigste" Argument der Raubtier-Kapitalisten, die Folgen eigener Beutezüge dem (im Grunde schon lange nicht mehr existierenden) Sozialismus in die Schuhe zu schieben ...

jetzt mal ganz unabhängig von der Streitfrage:

und was haben diese "kapitalismusmäßigen" Papiertiger - denn außer Thatcher - umgesetzt?
Ein paar sind korrupt, haben sich und/oder ihre Partei bereichert (das ist aber wie wir gerade in AT alle wissen nicht gerade ein verlässliches Erkennungsmerkmal für Nicht-Rot...) die Wiedervereinigung war auch nicht gerade ein Kapitalisten-Projekt (im Gegenteil die Umwandlung eines ökonomischen und politischen Mega-Konkurses von vorgeblichen realen Sozialisten in einen jahrzehntelangen noch immer andauerndn Ausgleich...)

Und ein gewisser Herr Schröder (ich spare mir die Partei) hat in DE Hartz4 umgesetzt.

Also bitte auf dieser Ebene in Europa keine Gesinnungs- oder Richtungsargumentationen mit Politikernamen, bei deren Richtungstreue und Charaktereigenschaften...
die nur rein optisch wie eine nette Tante von nebenan wirkende Angie vielleicht ausgeschlossen: sei weiß genau was sie will, sagt es uns und den aufgeblasenen Gockeln um sie rundherum aber nicht, und am Schluss passiert es dann meist so...

Wo genau gibt es "Raubtierkapitalismus"?

Leider genau nirgends.

Überall ein quasisozialistischer Einheitsbrei mit grundsätzlicher Absicherung für alle und Bereicherungsmöglichkeit für selbsternannte Eliten.

Natürlich gibt es den klassischen Sozialismus außerhalb Nordkoreas genausowenig.

Offensichtlich ist die derzeitige Politik das, was die Wähler weltweit wünschen.

Re: Re: Das Problem sind die Besitzverhältnisse

Wieso sollten es die Steuern sein? Dann würde es ja allen Unternehmen schlecht gehen. Tut es aber nicht. Manche schwimmen im Geld.
Unternehmen gehen dann pleite, wenn die Kunden sie nicht mehr aufsuchen weil es bessere Alternativen gibt.

wen wundert es...

...bei dem miesen service in den läden.
altbochanes zeugs, reklamationen äußerst langwierig, nicht günstiger als mitbewerb, schlechte kundenbetreuung, schlechte produktauswahl...

das weiß doch jeder, dass die bude seit jahren am abkratzen ist.

WAS IST EIGENTLICH KONKURSVERSCHLEPPUNG?

Re: wen wundert es...

Zumindest HATTE man dort eine Kundenberatung, was bei Saturn etc. jan icht der Fall ist.

Re: wen wundert es...

Hättest du gegoggelt, dann wüsstest du Folgendes:

"Als Insolvenzverschleppung (früher Konkursverschleppung) wird die Nichtantragstellung auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung bezeichnet."

Re: Re: wen wundert es...

danke, supergscheiti.

das war eine rein rhetorische Frage (rhetorische frage --- bitte googeln, falls sie das nicht kennen...)
tsss...

es ging darum, dass, wenn so viele leute wissen, dass die bude am abkratzen bzw. in enormer schieflage ist MÖGLICHERWEISE eine konkursverschleppung vorliegt...

Re: Re: Re: wen wundert es...

Hättest der Herr Oberlehrer zur "rhetorischen Frage" selbst einmal gegoogelt dann wüsste er, dass seine Frage mit dem Thema "rhetorische Frage" absolut nichts zu tun hat.


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Re: Re: wen wundert es...

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Aber was versteht davon ein Kontrolleur.

das generationending.

eine alte regel lautet:
die erste generation baut etwas auf.
die zweite generation baut es aus.
die dritte generation bringt es durch.

die niedermeyers haben offenbar eine generation übersprungen.

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Re: das generationending.

Es gibt Väter, die mit der Firma verheiratet sind. Das kann nicht jede.Ehefrau überbrücken.

Niedermeyer soll in den Konkurs gehen

KEIN Steuergeld mehr für diesen Gangster!!

Ist der Niedermeyer nicht bei der WKO oder Innung??

Re: Niedermeyer soll in den Konkurs gehen

Ch. Niedermeyer ist Privatier, steht auch im Artikel.
Der Fotohändler Nettig war in der WK.

Irgenwas irgendwann einmal gehört, .....!

Re: Re: Niedermeyer soll in den Konkurs gehen

Danke sehr!

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Man

darf nicht unerwähnt lassen - unter der Führung des "Juniors" wurde aufgrund seiner etwas gelinde gesagt unortodoxen Geschäftspraktiken mit Lieferanten das meiste nur noch gegen Vorauskasse geliefert. Das ist der Todesstoss jedes Unternehmens. Eines der Gründe warum große Ketten insolvent werden ist das sich Lieferanten nicht mehr mit Endloszahlungszielen abfertigen lassen und als kostenlose Kreditgeber missbrauchen lassen.

Re: Man

Nachdem der Junior seit 1999 nichts mehr mit dem Geschäft zu tun hatte, hat er auch nichts mit dem Konkurs zu tun.

Verwunderlich ist eher

dass der Niedermeyer überhaupt so lange überlebt hat. Grindige Filialen, wenig motivierte Mitarbeiter, im Angebot von allem etwas (der Vergleich mit Kaindl ist gar nicht so abwegig), aber insgeamt doch zuwenig. Ähnlich wie seinerzeit der Herlango, und es sit wohl kein Zufall, dass damals nach Herlango-Pleite gerade der Niedermeyer diese Filialen übernommen hat...
In meiner Nachbarschaft befinden sich drei Niedermeyer-Filialen innerhalb von 10 Gehminuten, und ein Hartlauer. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Die Hartlauerfiliale ist hell und sauber, die Mitarbeiter kompetent und freundlich (schon beim zweiten Mal hatten die sich meinen Namen gemerkt), und zumindest im Fotobereich kann der Hartlauer durchaus mit den Fachgeschäften mithalten.

Re: Verwunderlich ist eher

Da sind sie aber noch nie in Tamsweg beim Hartlauer gewesen, dort sind nur Laien umher gestanden. Der Nachteil beim Niedermeyer, daß er gute Verkäufer, die bei ihm gelernt haben, nach der Behaltefrist gekündigt hat, um wieder eine neuen Lehrling zu nehmen, weil billiger, der aber keine Ahnung von dem Geschäft hatte.

Re: Verwunderlich ist eher

na dann passen's auf ihren Hartlauer gut auf, denn diese Ramschbude wird der Nächste sein;))

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Re: Verwunderlich ist eher

Kein Vergleich! Herlango war auf massiven Betrug aufgebaut. Vater und Sohn wurden rechtskräftig zu Haftstrafen verurteilt. Die Filialen waren als Schnäppchen zu haben.

 
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