Niedermeyer verspielt sein drittes Leben

Die legendäre Elektronikkette ist insolvent. Nach dem Rückzug des Gründers Helmut Niedermeyer wurde das Unternehmen zum chronischen Sanierungsfall. Jede zweite Filiale sperrt zu, 279 Mitarbeiter verlieren den Job.

Niedermeyer Insolvez
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Niedermeyer Insolvez – (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Wien. Sein ganzes Leben hat Helmut Niedermeyer einem einfachen Ziel verschrieben: „Oben bleiben!“ Mehr zählt für den ehrgeizigen Wiener, der 1957 die Film- und Fotokette Niedermeyer gegründet hat, eigentlich nicht. Und solange der geborene Verkäufer und Hayek-Jünger seine Finger im Spiel hatte, lief es mit seiner blau-gelben Elektrokette auch noch gut.

Doch spätestens in den Neunzigerjahren wurde Niedermeyer langsam, aber sicher zum chronischen Sanierungsfall. Das jüngste Kapitel des Abstiegs wurde erst am Dienstag geschrieben: Niedermeyer ist insolvent. Beim Handelsgericht Wien liegt der Antrag auf ein „Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung“. Früher hieß das noch weniger elegant: Zwangsausgleich.

 

„Nur tun, was Spaß macht“

Augenscheinlich wurden die Probleme der Elektrokette, nachdem Sohn Christian Niedermeyer im Jahr 1989 die Führung des Unternehmens übernommen hatte. Die Konkurrenz der Großen wie Saturn unterschätzt, die Nischen der Kleinen, wie Brillen und Hörgeräte, verpasst, das Internet komplett verschlafen, lautet die magere Bilanz. Niedermeyer wurde zu einem Händler, der eigentlich alles hatte, aber doch nie das, was man gerade brauchte. Jahrelang schrieb die Kette rote Zahlen. Gerade ein Jahrzehnt hielt sich Christian Niedermeyer im Chefsessel, denn das Lebensverständnis des Elektronikerben war diametral zu den Grundfesten seines Vaters: „Ich habe kein schlechtes Gewissen, mit 47 Jahren aufzuhören zu arbeiten und nur noch zu tun, was mir Spaß macht“, gab der Lebemann zu Protokoll, als er sich um die Jahrtausendwende endgültig aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte.

Kolportierte 29 Mio. Euro kassierte er zuvor von der Deutschen Telekom für sein angeschlagenes Unternehmen. Der Plan der Deutschen, das dichte Niedermeyer-Filialnetz zu nutzen, um das Handygeschäft der Tochter T-Mobile anzukurbeln, schlug fehl. Und damit der erste Sanierungsversuch.

Nur fünf Jahre später machte Erhard Grossnigg einen Anlauf, die Kette wiederzubeleben. Sein Konzept: Eine Hochzeit mit dem damals ebenfalls strauchelnden Cosmos sollte einen Elektroriesen schaffen, der es mit Saturn und Mediamarkt aufnehmen konnte. Auch dieser Plan ging nicht auf. Cosmos schlitterte in die Pleite.

Zwei neue Leben hatte Niedermeyer schon verspielt, ein drittes wollte der Tiroler Werner Weber dem Unternehmen einhauchen. Als er Niedermeyer im Jahr 2009 übernahm, hatte er sich als Libro-Sanierer bei der Taus-Gruppe bereits einen Namen gemacht. „In drei Jahren schreiben wir wieder Gewinne“, tönte er damals.

 

Jeder zweite Mitarbeiter geht

Daraus wurde wohl nichts. Niedermeyer schrieb zuletzt nur noch 105 Millionen Euro Umsatz – ein Bruchteil früherer Jahre. Der Verlust belief sich auf 2,9 Millionen Euro. Am Dienstag meldete das Unternehmen Insolvenz an. Verbindlichkeiten in der Höhe von 28,8 Millionen Euro können nicht an Lieferanten und Banken zurückbezahlt werden. Schuld an der Misere ist auch Firmenchef Weber selbst, heißt es in der Branche. Das Unternehmen leide unter Führungsschwäche, und zwar seit Jahren.

Der Plan, gemeinsam mit dem deutschen Anbieter Cyberport zum Abholmarkt für Internetkunden zu werden und gleichzeitig das Produktsortiment um ein Fünftel zu kürzen, wurde von den Kunden nicht goutiert. Jetzt will die Firmenleitung Gläubigern und Investoren einen neuen Sanierungsplan vorlegen, Niedermeyer soll ein viertes Mal neu erfunden werden.

Für das Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Schrumpfen. 53 der 98 Filialen sollen geschlossen werden, 279 der 580 Mitarbeiter dürften ihren Job verlieren. Doch allein kann Niedermeyer den geplanten Umbau nicht stemmen. Allein die Filialschließungen würden ein paar Millionen Euro kosten, heißt es. Alle Hoffnungen liegen daher auf Gesprächen mit potenziellen Investoren, die angeblich bereits geführt werden.

Den 840 Gläubigern bietet die Unternehmensleitung eine Quote von 20Prozent an. Ob das annehmbar ist, wollen die Gläubigerschützer KSV1870 und AKV im Laufe der nächsten Wochen eruieren. Denn letztlich entscheiden die Geldgeber, ob eine vierte Reparatur versucht wird oder ob dem Traditionsbetrieb das Cosmos-Schicksal blüht und Niedermeyer ganz vom Erdboden verschwindet. „Oben bleiben“, das Motto des Gründers, heißt heute wohl nur noch: Nicht untergehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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