Gut bezahlte Jobs, die keiner haben will

serie Jede fünfte technische Stelle kann hierzulande nicht adäquat besetzt werden. Das spürt auch das Wiener Unternehmen Kapsch. Und steuert mit Kooperationen und Marketing dagegen.

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Kapsch

Wien. Kaum ein Gespräch mit Unternehmern kommt derzeit ohne den "Fachkräftemangel" aus. Wer mit Alfred Benold spricht, bekommt ein Gefühl dafür, warum das so ist. Seit 28 Jahren arbeitet er im Wiener Technologieunternehmen Kapsch. Damals hat er selbst als Lehrling angefangen, mittlerweile leitet er die Lehrlingsausbildung. „Es ist ein Horror, was da zum Teil kommt", sagt Benold.

Von 500 Bewerbungen, die jedes Jahr in dem 5000-Mitarbeiter-Konzern eingehen, werden etwa 120 zu einem Aufnahmetest eingeladen. Dabei scheitern viele schon an den Grundvoraussetzungen. Wie etwa, pünktlich und vorbereitet zum Aufnahmetest zu erscheinen. Und vorbereitet heißt: „Wenn in der Einladung steht, bitte Bleistift und Geodreieck mitnehmen, dann macht das die Hälfte schon einmal nicht." 30 kommen in die engere Auswahl, etwa 15 werden schließlich genommen.

Arbeitssprache Englisch

Aber wer Benold zuhört, merkt auch, wie sehr ihm die Jugendlichen am Herzen liegen. „Es ist ja nicht so, dass alle schlecht sind", sagt er. Viele bräuchten einfach nur etwas Aufmerksamkeit und Zuspruch, um sich gut zu entwickeln. Bei Kapsch versuche man ganz bewusst, Tugenden wie gutes Benehmen zu vermitteln - nicht grüßen gebe es etwa überhaupt nicht. „Sie glauben gar nicht, wie dankbar die sind, wenn jemand sie eigenverantwortlich arbeiten lässt."
Ausbildung ist für den 1892 gegründeten Konzern wichtig: Schließlich hat man selbst laufend offene Stellen zu besetzen. Was nicht immer leicht ist, wie Rudolf Bernscherer, Geschäftsführer von Kapsch Partner Solutions, erzählt: „Am Ende des Tages können alle Stellen besetzt werden. Bei schwierigen Besetzungen müssen wir uns aber darauf einstellen, dass es länger dauert." Bis zu vier, fünf Monate habe man schon das eine oder andere Mal gebraucht. Schwierig sei es vor allem bei den gut Ausgebildeten im Bereich IT und Kommunikation. Also „ab der HTL aufwärts", so Bernscherer.

Deshalb arbeite man ständig daran, Kapsch als Arbeitgeber bekannt zu machen: auf Jobmessen, in den Medien, durch Kooperationen mit Fachhochschulen, HTL und Universitäten. Teilweise lasse man auch Headhunter nach technischen Spezialisten suchen. Und: „Wir beschränken die Suche schon lange nicht mehr auf Österreich", so Bernscherer. In internationalen Projekten sei deshalb die Arbeitssprache Englisch.
In der Lehrwerkstätte wird nicht nur der eigene Nachwuchs ausgebildet, sondern auch „überbetriebliche" Lehrlinge: Menschen, die keine Lehrstelle gefunden haben. Ihre Ausbildung zahlt das Arbeitsmarktservice.
Die zähe Suche nach guten Mitarbeitern ist kein exklusives Problem. „Jede fünfte technische Stelle kann in Österreich nicht adäquat besetzt werden", sagt Vorstandschef Georg Kapsch. Eines der Probleme - auch das ist von Unternehmern unisono zu hören - ist, dass zu wenig Frauen technische Berufe ergreifen. Bei Kapsch seien durchschnittlich 22 Prozent der Mitarbeiter Frauen. Im technischen Bereich aber nur zehn Prozent.

Es scheitert am letzten Schritt

Das liegt nach Alfred Benolds Erfahrung aber nicht ausschließlich an einem Mangel an Interesse: „Sie scheitern am letzten Schritt", sagt er. Genügend „Damen" würden in technische Berufe hineinschnuppern - und sich im letzten Moment doch gegen eine Lehre entscheiden. Laut Benold wäre viel getan, wenn der Übergang vom Praktikum in die Lehre weniger bürokratisch wäre. Erst kämen die Ferien, dann erst die Vertragsunterzeichnung. „Und dann müssen die Mädchen zu Hause erklären, warum sie in der Technik arbeiten wollen". Oft entscheiden sie sich dann eben doch dafür, einen typischeren Beruf wie Friseurin zu ergreifen. „Schade. Sie hätten das Potenzial", so Benold.

Aber nicht nur Mädchen zieren sich. Auch von den Burschen strömen immer noch zu wenige in die unbekannteren Berufe in der Technik. Dabei ist die Bezahlung in vielen Berufen überdurchschnittlich. Bernscherer glaubt daher nicht, dass man die Menschen mit mehr Geld in die Mangelberufe locken könnte: „Es sind einfach zu wenige da."

Auf einen Blick

Kapsch ist ein Technologiekonzern mit Sitz in Wien. Das 1892 gegründete Unternehmen ist auf die Kommunikations- und Verkehrsindustrie spezialisiert und beschäftigt 5000 Mitarbeiter in knapp 100 Niederlassungen auf sechs Kontinenten. Wie viele andere Firmen kämpft Kapsch mit dem Fachkräftemangel. In Österreich fehlen laut Schätzungen in den nächsten Jahren bis zu 50.000 Fachkräfte.

Die Serie "Local Heroes" erscheint mit finanzieller Unterstützung der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) und wird in redaktioneller Unabhängigkeit gestaltet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2013)

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