Gut bezahlte Jobs, die keiner haben will

27.06.2013 | 17:21 |  Von Jeannine Hierländer (Die Presse)

serie Jede fünfte technische Stelle kann hierzulande nicht adäquat besetzt werden. Das spürt auch das Wiener Unternehmen Kapsch. Und steuert mit Kooperationen und Marketing dagegen.

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Wien. Kaum ein Gespräch mit Unternehmern kommt derzeit ohne den "Fachkräftemangel" aus. Wer mit Alfred Benold spricht, bekommt ein Gefühl dafür, warum das so ist. Seit 28 Jahren arbeitet er im Wiener Technologieunternehmen Kapsch. Damals hat er selbst als Lehrling angefangen, mittlerweile leitet er die Lehrlingsausbildung. „Es ist ein Horror, was da zum Teil kommt", sagt Benold.

Von 500 Bewerbungen, die jedes Jahr in dem 5000-Mitarbeiter-Konzern eingehen, werden etwa 120 zu einem Aufnahmetest eingeladen. Dabei scheitern viele schon an den Grundvoraussetzungen. Wie etwa, pünktlich und vorbereitet zum Aufnahmetest zu erscheinen. Und vorbereitet heißt: „Wenn in der Einladung steht, bitte Bleistift und Geodreieck mitnehmen, dann macht das die Hälfte schon einmal nicht." 30 kommen in die engere Auswahl, etwa 15 werden schließlich genommen.

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Arbeitssprache Englisch

Aber wer Benold zuhört, merkt auch, wie sehr ihm die Jugendlichen am Herzen liegen. „Es ist ja nicht so, dass alle schlecht sind", sagt er. Viele bräuchten einfach nur etwas Aufmerksamkeit und Zuspruch, um sich gut zu entwickeln. Bei Kapsch versuche man ganz bewusst, Tugenden wie gutes Benehmen zu vermitteln - nicht grüßen gebe es etwa überhaupt nicht. „Sie glauben gar nicht, wie dankbar die sind, wenn jemand sie eigenverantwortlich arbeiten lässt."
Ausbildung ist für den 1892 gegründeten Konzern wichtig: Schließlich hat man selbst laufend offene Stellen zu besetzen. Was nicht immer leicht ist, wie Rudolf Bernscherer, Geschäftsführer von Kapsch Partner Solutions, erzählt: „Am Ende des Tages können alle Stellen besetzt werden. Bei schwierigen Besetzungen müssen wir uns aber darauf einstellen, dass es länger dauert." Bis zu vier, fünf Monate habe man schon das eine oder andere Mal gebraucht. Schwierig sei es vor allem bei den gut Ausgebildeten im Bereich IT und Kommunikation. Also „ab der HTL aufwärts", so Bernscherer.

Deshalb arbeite man ständig daran, Kapsch als Arbeitgeber bekannt zu machen: auf Jobmessen, in den Medien, durch Kooperationen mit Fachhochschulen, HTL und Universitäten. Teilweise lasse man auch Headhunter nach technischen Spezialisten suchen. Und: „Wir beschränken die Suche schon lange nicht mehr auf Österreich", so Bernscherer. In internationalen Projekten sei deshalb die Arbeitssprache Englisch.
In der Lehrwerkstätte wird nicht nur der eigene Nachwuchs ausgebildet, sondern auch „überbetriebliche" Lehrlinge: Menschen, die keine Lehrstelle gefunden haben. Ihre Ausbildung zahlt das Arbeitsmarktservice.
Die zähe Suche nach guten Mitarbeitern ist kein exklusives Problem. „Jede fünfte technische Stelle kann in Österreich nicht adäquat besetzt werden", sagt Vorstandschef Georg Kapsch. Eines der Probleme - auch das ist von Unternehmern unisono zu hören - ist, dass zu wenig Frauen technische Berufe ergreifen. Bei Kapsch seien durchschnittlich 22 Prozent der Mitarbeiter Frauen. Im technischen Bereich aber nur zehn Prozent.

Es scheitert am letzten Schritt

Das liegt nach Alfred Benolds Erfahrung aber nicht ausschließlich an einem Mangel an Interesse: „Sie scheitern am letzten Schritt", sagt er. Genügend „Damen" würden in technische Berufe hineinschnuppern - und sich im letzten Moment doch gegen eine Lehre entscheiden. Laut Benold wäre viel getan, wenn der Übergang vom Praktikum in die Lehre weniger bürokratisch wäre. Erst kämen die Ferien, dann erst die Vertragsunterzeichnung. „Und dann müssen die Mädchen zu Hause erklären, warum sie in der Technik arbeiten wollen". Oft entscheiden sie sich dann eben doch dafür, einen typischeren Beruf wie Friseurin zu ergreifen. „Schade. Sie hätten das Potenzial", so Benold.

Aber nicht nur Mädchen zieren sich. Auch von den Burschen strömen immer noch zu wenige in die unbekannteren Berufe in der Technik. Dabei ist die Bezahlung in vielen Berufen überdurchschnittlich. Bernscherer glaubt daher nicht, dass man die Menschen mit mehr Geld in die Mangelberufe locken könnte: „Es sind einfach zu wenige da."

Auf einen Blick
Kapsch ist ein Technologiekonzern mit Sitz in Wien. Das 1892 gegründete Unternehmen ist auf die Kommunikations- und Verkehrsindustrie spezialisiert und beschäftigt 5000 Mitarbeiter in knapp 100 Niederlassungen auf sechs Kontinenten. Wie viele andere Firmen kämpft Kapsch mit dem Fachkräftemangel. In Österreich fehlen laut Schätzungen in den nächsten Jahren bis zu 50.000 Fachkräfte.

Die Serie "Local Heroes" erscheint mit finanzieller Unterstützung der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) und wird in redaktioneller Unabhängigkeit gestaltet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2013)

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86 Kommentare
 
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Fachkräfte

Mangel ist hausgemacht,beginnt beim Gehaltsschema,ein durch die Lehre gegangene,verdient automatisch weniger,als ein Maturant wenn der Maturant auch weniger kann,bezw,eine höhere schulische Ausbildung hat bekommt nach den berühmten Gehaltsschema wieder automatisch mehr,bekommt auch eine höhere Arbeitslose!!!das System muss gerechter werden,egal den Ausbildungsstand,sondern nach erbrachter Leistung,muss bezahlt werden!!!Nicht Wer mit einer Krawatte rumlaeuft ,bekommt mehr,als der schmutzige Haende bei der Arbeit bekommt.In Asien wird nach erbrachter Leistung bezahlt und nicht nach den schulischen Ausbildungsstand,denn der sagt nichts aus,vo Koennen,die Praxis zeigt die Qualitaet der Person.

Kapsch

Paar Gedanken:

1.) Gehaltsniveau.

2.) 4-5 Monate ist ja gar nicht so schlecht angesichts der Tatsache das die ausgelagerte Personalabteilung Partner Solutions selten unter 1-2 Monaten auf einen Lebenslauf reagiert? Und gute Mitarbeiter sind in den 1-2 Monaten im allgemeinen schon wo anders untergekommen?

!!!

"Dabei scheitern viele schon an den Grundvoraussetzungen. Wie etwa, pünktlich und vorbereitet zum Aufnahmetest zu erscheinen." - Aber rumseiern, dass ja soooo viele Inländer keine Arbeit haben... dass die aber meist einfach zu dumm/uninteressiert sind, darüber sieht man natürlich nobel hinweg und geifert lieber darüber, dass sich die Unternehmen halt die notwendigen Lehrlinge/Arbeiter woanders holen...

da ist der Bock der Gärtner,

. . . nichts anlernen, nichts ausbilden, sondern auf Wirtschaftsflüchtlinge armer Länder setzen, die ihm der Staat im Ausland suchen.
Kein Wunder, dass gerade junge Menschen keinen Job finden.


Re: da ist der Bock der Gärtner,

Sie haben den Artikel wohl weder gelesen noch verstanden, aber typisch für solche wie Sie!

. . . eine dumme Unterstellung

mit miesem Deutsch (sollte heissen: entweder oder).

Ganz im Gegensatz zu dem Artikel

sind Technische Fachkräfte nur schwer vermittelbar. Das Hauptproblem ist die extreme Spezialisierung und der Kostendruck im internationalen Wettbewerb. Erfahrene Bewerber passen nicht genau genug und sind dann zu teuer, junger Nachwuchs wird zu extrem niedrigen Gehältern eingestellt, Mittelmass wird gleich aussortiert.
Die Zukunft der Technik ist Asien, nicht Europa, Siemens geht gerade in großem Stil diesen Weg.

Wer heute Technik studiert, muß der beste sein wollen und mind. 2 Fremdsprachen beherrschen. Wer das nicht kann, begibt sich in den internationalen Standortwettbewerb der 1000€ Jobs.

Bernscherer glaubt nicht, dass man die Menschen mit mehr Geld in die Mangelberufe locken könnte

Probieren Sie's halt einmal!

fachkräftemangel?

wir dürfen ruhig endlich aufhören, die story vom fachkräftemangel zu glauben. wenn die voest 100 schweisser braucht, dann kann mir doch keiner erzählen, dass sich die nicht aus 300.000 arbeitslosen rekrutieren/ausbilden lassen. die sache ist ja anders: was "die wirtschaft" braucht, sind nicht fachkräfte, sondern billige fachkräfte. die sich noch dazu verheizen lassen und sich mit profilierungsneurotikern herumschlagen dürfen.

Mythos Fachkräftemangel

Die Gehälter von TechnikerInnen inkl. IT sind seit über 10 Jahren hinter den allgemeinen Gehaltserhöhungen zurück geblieben. Ausgehend von einem im internationalen Vergleich niedrigem Niveau. Von Fachkräftemangel kann keine Rede sein, denn Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, die Gesetze des Marktes gelten auch hier.

In Österreicb ist und bleibt die IT bis auf wenige Nischenbereiche leider nur Dienstleister für andere Branchen und bringt wenig internationale Apps, Services, Software & Solutions heraus,

Das liegt aber daran, dass die Kosten für ein 30-50 Personalteam für 2 Jahre bereits durch die hohen Lohnnebenkosten im Vergleich zu anderen Ländern extrem hoch sind. Im Bereich 'New media' behindern zu strenge und komplizierte Gesetze auch viel Innovationen.
weiters gibts einen Bruch zwischen Industrie und IT hier, der erst geschlossen werden muss.
Durch IT Unterstützung in der Produktion lassen sich Produktionsprozesse verbessern und controllen.
In Deutschland ist man da schon weiter oder man muss sich nur ansehen, wo Frequentis ihre Umsätze macht. (das ist zum Großteil außerhalb von Österreich und sogar außerhalb von €uropa)

Blabla


diese lehrlings und technikermangel müsste mal entschiedne bekämpft werden!

es zwar richtig, dass nicht jeder dahergelaufene, ist er auch noch so motiviert, einen technischen beruf erlernen kann!

denn eine gewisse handwerklich und auf universtiätslevel mathematische begabung ist unerlässlich!

dennoch glaube ich, dass zu viele talente, vorallem auf weiblicher seite verschwendet werden!

in meinem maturajahrgang gab es kaum mädchen die dann auch etwas technisches weiter studiert haben!

da gabs hoch intelligente frauen die maschienenbau chemie oder diverse andere technische studien locker gepackt hätten, aber die studierten halt all, aus welchem grund auch immer wirtschaft medizin jus oder irgendetwa anderes geisteswissenschaftliches!

so wird verdammt viel potential nicht genützte, was jammer schade ist!

Unter "Fachkräften" verstehen diese Firmen meist jemanden,

der GENAU die selbe Arbeit wie jemand machen soll, der gerade mit 4500.- brutto in Pension gegangen ist, vorher 30 Jahre in der Firma war und alle Abläufe und Projekte kannte.
Aber das um möglichst nicht mehr als 2000.- brutto, "all in".
Und man wundert sich also, dass solche "Fachkräfte" nicht Schlange stehen. Deshlab jammert man kräftig, und hofft auf Inder, Griechen und Polen...

Re: Unter "Fachkräften" verstehen diese Firmen meist jemanden,

Da kann ich Ihnen nur recht geben. Ausser beim Gehalt: 2000.- brotto sind schon sehr hoch angesetzt, meistens werdens so 1400.- bis 1500.- sein.

Man braucht ja nur die Stellenangebote beim AMS durchsehen, da muss neuerdings immer die Entlohnung angeführt sein.

zum Gehalt ...

... ist eines bemerkenswert: Nehmen wir mal an, die Fa. Kapsch bezahlt einem Techniker € 45.912,50 jährlich (14 x 3.279,46). Dann behält sich er der Staat, die SV etc. erst einmal € 10.912,50 als Dienstgeberanteil, verbleiben €35.000,- brutto für den Techniker. Davon zahlt er dann noch einmal €11.027,38 Steuer und SV, sodass ihm netto € 23.972,62 (14 x 1.712,33) bleiben (etwas mehr als 50%). Und das bei einem Gehalt, wo bestimmt keiner an Reichtum erstickt. Nachzulesen auf dem Brutto-Netto Rechner unserer geschätzten Regierung.

Re: zum Gehalt ...

Wenn Sie jetzt noch einrechnen, dass Kapsch die Arbeit an einen Kunden verkauft, dann muss Kapasch zusätzlich 20% MWST abführen und somit insgesamt 14x3925€ zahlen. Das Netto ist deshalb nur 43,5% oder die Summe der Abgaben an Steuern und Sozialversicherung 56,5%.

Re: Re: zum Gehalt ...

auch der Umkehrschluß ist richtig. Jeder Arbeitnehmer der alle Steuern und Abgaben die direkt aus seinem Lohn/Gehalt resultieren abgeliefert hat, muß noch auf jeden getätigten Einkauf 20% MwSt abliefern. So verhält es sich praktisch bei jeder Abgabe die unsere "Steuerfüchse" sich erdenken.

zB: Grunderwerbssteuer -> Grundsteuer laufend jährlich, Lkw-Maut (roadpricing) jedes Produkt wird vielfach besteuert, sprich bei jedem Transport, usw.

Re: Re: Re: zum Gehalt ...

Der Umkehrschluß ist zwar allgemeine psychologische Meinung, aber nicht richtig. Kaufen Sie eine gleiche Leistung zum gleichen Preis bei einem Kleinunternehmer (max. 30.000€ Einkommen), dann darf der Kleinunternehmer die MWST als Gewinn behalten, während ein "Groß"-Unternehmer 16,66% vom Preis als Umsatzsteuer abführen muß. Sie als Kunde zahlen keine MWST, außer Sie verstehen unter dem Kaufpreis, dass Sie dem Unternehmer alle Kosten ersetzen und damit ja diese zahlen. Dann zahlen Sie in diesem Sinne auch z.B. alle Löhne und Steuern seiner Dienstnehmer.

OK und dann

kannst du dir von deinem Gehalt die Wohnung nicht leisten, oder du verhungerst.

Weil die Immo-Makler österreichweit die Mieten so hoch getrieben haben, dass bezahlbarer Wohnraum enorm selten ist!

Re: OK und dann

die preise werden bald purzeln ich als imo hobby hai sag dir das.

Warum Technikermangel?

1) Jeder studiert heute, was ihm "Spass" macht, und nicht, womit man Geld verdienen kann oder was im Markt gefragt ist. Tolles staatliches Bildungssystem!

2) Die Steuern und Abgaben sind so enorm hoch, dass auch Techniker netto wenig verdienen.

3) Der Staat bietet gemütliche Beamtenjobs mit hohen Gehältern. Da ist jeder blöd, der als Techniker in der Privatwirtschaft sich jeden Tag den Ars.. aufreißt.

4) Jeder, der kann, flieht ins Ausland wo die Steuern niedriger und die Gehälter höher sind.

Gott-sei-Dank ist der Staat bald pleite, dann hat der Spuk ein Ende.

Re: Warum Technikermangel?

ad 1) Mit Dank an Hrn. Neugebauer!
ad 2) Es wird im September garantiert wieder der gleiche rot-schwarze Sumpf gewählt.
ad 3) Wieso auch nicht? Siehe 2.
ad 4) Das ist auch vernünftig.

Re: der gleiche rot-schwarze Sumpf gewählt

Tja - weil dieser Sumpf sich in Jahrzehnten gewissermassen gesetzlich die Erbpacht für die Regierung verankert hat.

Re: Warum Technikermangel?

Die aktuelle "Spaß und Geiz ist geil"-Gesellschaft hat auch die alte Lebensweisheit pervertiert und zu einem "für die Schule, nicht für das Leben lernen wir" gemacht.

Jö, ein Fachkräfte-Mangel-Artikel

Werden die Unternehmen irgendwann aufwachen und auch Personen mit 45+ eine Chance geben ?

Ich persönlich glaubs ja nicht mehr, da ist "Händeringen" und Propagandaartikel lancieren ja viel einfacher ...

 
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