2900 Euro netto für einen Baujob – und kein Interessent

Die Wirtschaftskammer OÖ fragt sich, warum das AMS niemanden für eine gut bezahlte Stelle bei einer Gerüstbaufirma findet - und fordert strengere Gesetze. Die Arbeiterkammer spricht von unseriöser Propaganda.

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Symbolbild – Clemens Fabry

Die oberösterreichische Wirtschaftskammer fordert in einer Aussendung strengere Strafen für Arbeitslose, die einen Job nicht annehmen wollen. Stein des Anstoßes: Eine Gerüstbaufirma aus dem oberösterreichischen Zentralraum suchte kurzfristig nach neuen Mitarbeitern für eine Baustelle in Niederösterreich. Das Welser AMS habe daraufhin elf Arbeitslose aus Niederösterreich namhaft gemacht, wie die Wirtschaftskammer am Montag mitteilte. Nach einer Woche habe sich noch immer kein Anwärter für den Job gefunden - und das, obwohl die Baufirma rund 2900 Euro netto bietet. Dies sei eine "schallende Ohrfeige für alle einstellungswilligen Arbeitgeber", so die WKOÖ.

"Bin auf Urlaub und habe keine Zeit"

Warum fand sich für den Job trotz guter Bezahlung niemand? Zwei Personen waren der WKOÖ zufolge aufgrund falscher Kontaktdaten nicht erreichbar, fünf Kandidaten reagierten nicht auf die Nachrichten der Firma. Die restlichen vier Arbeitslosen verweigerten eine Arbeitsaufnahme offenbar mit Begründungen wie "Gerüstebau ist nichts für mich" oder "Bin auf Urlaub und habe keine Zeit".

WKOÖ-Präsident Rudolf Trauner sieht nun vor allem den Gesetzgeber gefordert: Die Zumutbarkeitsregeln seien "im Vergleich zu den arbeitsmarktpolitisch sehr erfolgreichen skandinavischen Ländern" in Österreich viel zu lasch und würden nicht durchgängig exekutiert." Man müsse jene, die Sozialmissbrauch betreiben, konsequenter und länger mit dem Entzug des Arbeitslosengeldes bestrafen.

Zumutbarkeit

Ein Job gilt als zumutbar, wenn auf die körperliche Fähigkeit des Arbeitslosen Rücksicht genommen wird und der Job weder Gesundheit noch Sittlichkeit gefährdet. Wer sich weigert, die Stelle oder Maßnahmen zur Wiedereingliederung anzunehmen, verliert das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe für sechs beziehungsweise acht Wochen.

AK: Unseriöse Propaganda gegen Arbeitslose

Die oberösterreichischen Arbeiterkammer sieht das freilich anders. Einzelfälle dürfe man nicht verallgemeinern, schreibt sie in einer Aussendung. Mitten in der Bausaison sei es schwierig, so kurzfristig erfahrenes Personal zu finden. Dies gelte besonders für den Gerüstbau, der sehr schwierig und gefährlich sei und für den nur wenige Beschäftigte geeignet seien. Wer nicht geschulte Personen auf Baustellen schicke, handle grob fahrlässig. "Offenbar verfolgt die fragliche Firma keine langfristige und nachhaltige Personalentwicklung, wenn sie so kurzfristig anwerben muss", kritisiert die Arbeiterkammer.

"Dass die Wirtschaftskammer diesen Einzelfall heranzieht, um von Sozialmissbrauch zu sprechen und Propaganda gegen Arbeitslose zu betreiben, weisen wir als unseriös zurück", sagt AK-Präsident Johann Kalliauer. Die Gesetze seien ohnehin schon sehr streng. Und man verlange schließlich auch keine Bestrafung aller Unternehmer, weil manche von ihnen sich nicht an das Arbeitsrecht halten.

(Red.)

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