21.11.2009 21:05 | Meine Presse Merkliste0

Warum die Schweizer so gerne öffentlich fahren

24.06.2007 | 18:29 |  MIRIAM KOCH (Die Presse)

Verkehr. 320.000 Schweizer haben eine Jahresnetzkarte, die im ganzen Land gilt. In Österreich werden gerade die Weichen für ein „Österreich-Ticket“ gestellt. Die ÖBB verhandeln darüber mit den Verkehrsverbünden.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien.Wer in Österreich von Wien aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf einen Berg im Salzkammergut fahren will, braucht mehrere Karten: Eine für die U-Bahn in Wien, eine für den Zug, eine für den Bus zur Talstation und eine für die Bergfahrt. In der Schweiz braucht man von der Stadt auf den Berg nur ein Ticket. Und wer will, kann auch für das ganze Jahr eine Netzkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel kaufen – das Generalabonnement (GA). 316.731 Schweizer haben das im Vorjahr gemacht, Tendenz steigend.

„Das Generalabo ist eine lange Erfolgsgeschichte“, sagt Martin Enz, Leiter Qualität und Marketing bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und dort für das GA verantwortlich. Seit mehr als hundert Jahren sind die Verkehrsbetriebe in der Schweiz vom Staat aus gezwungen, Schweiz-weite Tickets anzubieten.

An dem Schweizer Tarifverbund sind 150 Transportunternehmen beteiligt. Der Umsatz von 800 Mio. Franken (473 Mio. Euro) im Jahr, der durch die gemeinsamen Tickets erzielt wird, wird aufgeteilt. Die Verkehrsbetriebe, die die meisten Fahrgäste mit einer Netzkarte transportieren, erhalten das größte Stück vom Kuchen. Die SBB sind beauftragt, das Ticket zu vermarkten.


Keine staatliche Förderung

Ob das Generalabo Einsparungen in der Verwaltung brachte, kann Enz nicht sagen. „Das Ticket gibt es ja schon über 100 Jahre.“ Eher nicht, glaubt er aber, weil mehr Geld in Marketing gesteckt werde. Laut Enz gibt es für das GA aus den Gesamterträgen eine volle Kostendeckung, staatliche Förderung gibt es keine. Nur in den 80er Jahren, als das Waldsterben diskutiert wurde, flossen drei Jahre lang Steuergelder in das Ticket. Die Preise werden regelmäßig erhöht. „Das Angebot im öffentlichen Verkehr schafft die Nachfrage, nicht der Preis“, sagt Enz zur „Presse“. Deshalb haben die besseren Verbindungen der Schweizer Bahn seit Dezember 2004 auch beim GA zu mehr Kundeninteresse geführt.

Das Generalabo in der Schweiz kostet für die zweite Klasse umgerechnet 1767 Euro, für Familienmitglieder, Kinder und Senioren gibt es Ermäßigungen. Zum Vergleich: Eine Netzkarte, mit der man ein Jahr lang in allen Zügen der Österreichischen Bundesbahnen in der zweiten Klasse fahren kann, kostet derzeit 1690 Euro, eine Jahreskarte der Wiener Linien für Erwachsene bei Barzahlung 449 Euro.

In Österreich wird noch immer der Schulterschluss des öffentlichen Verkehrs versucht. Das Österreich-Ticket ist als ein Ziel der Regierung im Koalitionsübereinkommen festgesetzt, derzeit finden Verhandlungen zwischen ÖBB und Verkehrsverbünden statt. Noch heuer wollen die Vertreter eine gemeinsame Gesellschaft gründen und sich auf einen Preis für das Österreich Ticketeinigen. Dann sollen Gespräche mit dem Verkehrsministerium folgen, um dieses Ticket finanziell zu fördern, damit es auch in Österreich ein Renner ist.

Nur während der Fußball-Europameisterschaft 2008 werden die Österreicher wie die Schweizer tageweise ein Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können – wenn sie eine Eintrittskarte zu einem Fußballmatch der Euro 08 haben. „Wir rechnen mit einem starken Aufkommen“, sagt Enz.

Netzkarten werden aus wissenschaftlicher Sicht befürwortet. Um öffentliche Verkehrsmittel attraktiv zu machen, dürfe es möglichst wenige Widerstände wie Reisezeit, Kosten, Wartezeit und andere Zwänge wie umständliche Besorgung der Tickets geben, erklärt Günter Emberger vom Institut für Verkehrsplanung der TU Wien und Mitglied der Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft in Österreich (ÖVG). Je mehr man mit einem Ticket machen kann, desto weniger Hürden gebe es bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Auch wäre im öffentlichen Verkehr eine Bestpreis-Garantie wichtig. Dies ginge mit elektronischen Fahrkarten, die lokal – in Wels, Steyr und Klagenfurt – bereits eingeführt sind.


Diskussion um Verteilungsschlüssel

Sebastian Kummer vom Institut für Transportwirtschaft und Logistik der Wiener Wirtschaftsuniversität und wissenschaftlicher Leiter der ÖVG findet es schade, dass zwar Milliarden für Infrastrukturgroßprojekte und Förderung des öffentlichen Nahverkehrs in Österreich ausgegeben werden, es aber offenbar schwierig ist, sich auf einen Verteilungsschlüssel der Einnahmen aus dem Österreichticket zu einigen. „Der Verkehrsminister sollte angesichts der Tatsache, dass alle beteiligten Unternehmen große öffentliche Förderungen erhalten, ein Machtwort sprechen“, sagt Kummer.

JAHRESKARTE. Vorbild Schweiz

Martin Enz ist bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) für Qualität und Marketing verantwortlich. Und damit für das „Generalabo“ – eine Jahresnetzkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel, die in der Schweiz ein wahrer Renner ist.

Das Generalabo kostet umgerechnet 1767 Euro für einen Erwachsenen.

In Österreich steht das Österreich-Ticket als Ziel im Koalitionsübereinkommen. ÖBB und Verkehrsverbünde verhandeln. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2007)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Schlagzeilen Wirtschaft

  • Wirtschaftskrise: Opfer, entschädigt doch die Täter!
    Hochrangige Banker bauen bereits für die nächste Wirtschaftskrise vor. Die Steuerzahler sollten sich besser anschnallen. Sicher ist sicher. Josef Ackermann ist wohl etwas wie der Mann fürs Grobe in der sonst so zurückhaltend agierenden Bankenszene.
    Subventionswettlauf um Opel gestartet
    EU-Industriekommissar Günter Verheugen kritisiert scharf die Ersteigerung von Arbeitsplätzen. Welche Opel-Standorte werden in Europa überleben dürfen? Klar ist, dass etwa 10.000 Mitarbeiter werden gehen müssen.
    Fonds floppten, weil zu wenige Versicherte starben
    Fonds der Deutschen Bank investierten in Lebensversicherungen und warteten auf den Tod der ursprünglichen Versicherungsnehmer. Da zu wenige starben, blieben die Erlöse aus. Der Bank droht nun eine Klage.
  • Banker auf der Kanzel: "Wir leisten Gottes Arbeit"
    Mit Vorträgen versuchen britische Banker, das Image ihres Berufsstandes auf Vordermann zu bringen. Ort des Geschehens: englische Gotteshäuser. In der Londoner City feiert man die Rückkehr der Megabonuszahlungen
    Design-Dildo statt Kabinen-Porno
    Beate Uhse, Europas größter Erotikhändler, klagt über schlechte Geschäfte. Haben Sexshops ausgedient? Mitnichten. Zumindest, solange sie neue Kunden ansprechen. Der Konzern der verstorbenen Primadonna meldete sinkende Umsätze.
    Was wurde aus... dem Waldsterben?
    "Der Wald stirbt", wurde uns in den 1980er-Jahren erklärt. Mittlerweile gibt es in Österreich mehr Wald als je zuvor. Warum eigentlich? Haben die Warnungen die Bäume gerettet – oder hat man damals einfach nur heillos übertrieben?
  • Sinnfrei an der Börse
    Warum der Neueinstieg in Aktien derzeit keinen Sinn ergibt, K+S aber spekulativ trotzdem eine Überlegung wert wäre.
    Bayern fordern 500 Millionen Euro für die Hypo
    Die Spitze der Bayerischen Landesbank trifft sich demnächst mit Finanzminister Josef Pröll. Ob das Geld vom Bund oder von Kärnten kommt, ist den Deutschen egal.
    ÖBB: Lopatka ortet Wildwuchs freigestellter Betriebsräte
    Staatssekretär Reinhold Lopatka spricht von einer Selbstbedienungsmentalität der Eisenbahner. Durch die Aufsplitterung in zahlreiche Tochterfirmen gebe es zu viele dienstfreie Betriebsräte.
  • Bewerber-Bluttests bei Autobauer Daimler illegal
    Daimler darf von Stellenbewerbern keine Bluttests verlangen, meint der deutsche Bundes-Datenschutzbeauftragte. Denn sie würden Rückschlüsse auf Medikamente zulassen.
    Ein Unternehmen, in dem die Post abgeht
    Georg Pölzl ist erst seit wenigen Wochen neuer Post-Chef, hat aber schon wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen. Erstens: In Staatsbetrieben geht's recht behäbig zu. Zweitens: Intrigen feiern fröhliche Urständ'.
    Piech baut mit Porsche sein Imperium aus
    Beide Aufsichtsräte stimmen der Verschmelzung von Porsche und VW zu. Damit herrscht Firmenpatriach Ferdinand Piech, Enkel von Ferdinand Porsche, bald über zehn Marken.