Wien.Wer in Österreich von Wien aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf einen Berg im Salzkammergut fahren will, braucht mehrere Karten: Eine für die U-Bahn in Wien, eine für den Zug, eine für den Bus zur Talstation und eine für die Bergfahrt. In der Schweiz braucht man von der Stadt auf den Berg nur ein Ticket. Und wer will, kann auch für das ganze Jahr eine Netzkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel kaufen – das Generalabonnement (GA). 316.731 Schweizer haben das im Vorjahr gemacht, Tendenz steigend.
„Das Generalabo ist eine lange Erfolgsgeschichte“, sagt Martin Enz, Leiter Qualität und Marketing bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und dort für das GA verantwortlich. Seit mehr als hundert Jahren sind die Verkehrsbetriebe in der Schweiz vom Staat aus gezwungen, Schweiz-weite Tickets anzubieten.
An dem Schweizer Tarifverbund sind 150 Transportunternehmen beteiligt. Der Umsatz von 800 Mio. Franken (473 Mio. Euro) im Jahr, der durch die gemeinsamen Tickets erzielt wird, wird aufgeteilt. Die Verkehrsbetriebe, die die meisten Fahrgäste mit einer Netzkarte transportieren, erhalten das größte Stück vom Kuchen. Die SBB sind beauftragt, das Ticket zu vermarkten.
Keine staatliche Förderung
Ob das Generalabo Einsparungen in der Verwaltung brachte, kann Enz nicht sagen. „Das Ticket gibt es ja schon über 100 Jahre.“ Eher nicht, glaubt er aber, weil mehr Geld in Marketing gesteckt werde. Laut Enz gibt es für das GA aus den Gesamterträgen eine volle Kostendeckung, staatliche Förderung gibt es keine. Nur in den 80er Jahren, als das Waldsterben diskutiert wurde, flossen drei Jahre lang Steuergelder in das Ticket. Die Preise werden regelmäßig erhöht. „Das Angebot im öffentlichen Verkehr schafft die Nachfrage, nicht der Preis“, sagt Enz zur „Presse“. Deshalb haben die besseren Verbindungen der Schweizer Bahn seit Dezember 2004 auch beim GA zu mehr Kundeninteresse geführt.
Das Generalabo in der Schweiz kostet für die zweite Klasse umgerechnet 1767 Euro, für Familienmitglieder, Kinder und Senioren gibt es Ermäßigungen. Zum Vergleich: Eine Netzkarte, mit der man ein Jahr lang in allen Zügen der Österreichischen Bundesbahnen in der zweiten Klasse fahren kann, kostet derzeit 1690 Euro, eine Jahreskarte der Wiener Linien für Erwachsene bei Barzahlung 449 Euro.
In Österreich wird noch immer der Schulterschluss des öffentlichen Verkehrs versucht. Das Österreich-Ticket ist als ein Ziel der Regierung im Koalitionsübereinkommen festgesetzt, derzeit finden Verhandlungen zwischen ÖBB und Verkehrsverbünden statt. Noch heuer wollen die Vertreter eine gemeinsame Gesellschaft gründen und sich auf einen Preis für das Österreich Ticketeinigen. Dann sollen Gespräche mit dem Verkehrsministerium folgen, um dieses Ticket finanziell zu fördern, damit es auch in Österreich ein Renner ist.
Nur während der Fußball-Europameisterschaft 2008 werden die Österreicher wie die Schweizer tageweise ein Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können – wenn sie eine Eintrittskarte zu einem Fußballmatch der Euro 08 haben. „Wir rechnen mit einem starken Aufkommen“, sagt Enz.
Netzkarten werden aus wissenschaftlicher Sicht befürwortet. Um öffentliche Verkehrsmittel attraktiv zu machen, dürfe es möglichst wenige Widerstände wie Reisezeit, Kosten, Wartezeit und andere Zwänge wie umständliche Besorgung der Tickets geben, erklärt Günter Emberger vom Institut für Verkehrsplanung der TU Wien und Mitglied der Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft in Österreich (ÖVG). Je mehr man mit einem Ticket machen kann, desto weniger Hürden gebe es bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Auch wäre im öffentlichen Verkehr eine Bestpreis-Garantie wichtig. Dies ginge mit elektronischen Fahrkarten, die lokal – in Wels, Steyr und Klagenfurt – bereits eingeführt sind.
Diskussion um Verteilungsschlüssel
Sebastian Kummer vom Institut für Transportwirtschaft und Logistik der Wiener Wirtschaftsuniversität und wissenschaftlicher Leiter der ÖVG findet es schade, dass zwar Milliarden für Infrastrukturgroßprojekte und Förderung des öffentlichen Nahverkehrs in Österreich ausgegeben werden, es aber offenbar schwierig ist, sich auf einen Verteilungsschlüssel der Einnahmen aus dem Österreichticket zu einigen. „Der Verkehrsminister sollte angesichts der Tatsache, dass alle beteiligten Unternehmen große öffentliche Förderungen erhalten, ein Machtwort sprechen“, sagt Kummer.
Martin Enz ist bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) für Qualität und Marketing verantwortlich. Und damit für das „Generalabo“ – eine Jahresnetzkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel, die in der Schweiz ein wahrer Renner ist.
Das Generalabo kostet umgerechnet 1767 Euro für einen Erwachsenen.
In Österreich steht das Österreich-Ticket als Ziel im Koalitionsübereinkommen. ÖBB und Verkehrsverbünde verhandeln. [Bruckberger]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2007)

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