Die Presse: Seit Jahren sagen Sie, dass die Verschuldung der amerikanischen Haushalte das „schmutzige Geheimnis“ hinter der florierenden US-Konjunktur ist. Wie fühlt es sich an, diese Warnung nun bestätigt zu sehen?
Jeremy Rifkin: Niemand mag Rechthaber. Nur: Die US-Wirtschaft ist in den letzten 16 Jahren fast nur durch die Verschuldung der Verbraucher gewachsen. Wir haben uns aus der Rezession von 1989 bis 1992 gezogen, indem wir Kreditkarten ausgegeben haben, damit die Amerikaner weiterhin Waren und Dienstleistungen kaufen konnten. So haben wir die Familienersparnisse geopfert. 1990 hatten die USA eine Sparquote von neun Prozent. Heute ist sie negativ.
Wie kommen die USA da heraus?
Rifkin: Niemand sollte Amerika Böses wünschen. Wenn eine so große Volkswirtschaft abrutscht, rutschen alle mit. Wir müssen uns auf die Grundlagen besinnen: Wir haben eine starke Unternehmerkultur, sind eine risikofreudiges Volk, haben hervorragende Märkte für Risikokapital. Nun müssen wir die Sparquote in den Griff kriegen.
„Man kann die Arbeitszeit nur verkürzen, wenn gleichzeitig die Produktivität steigt.“
Ist es bloß eine finanztechnische Operation, die Schulden zu verkleinern? Oder ein kulturelles Unterfangen?
Rifkin: Zweiteres. Die amerikanische Psyche muss sich neu orientieren. Wir müssen langfristiger denken und nicht nur auf unmittelbare Belohnung schielen. Zur Verteidigung der Amerikaner muss ich aber daran erinnern, dass wir eine Werbeindustrie haben, die den Menschen 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche einredet: „Kauft! Kauft! Kauft! Dann habt Ihr ein erfülltes Leben.“ Wenn man schon als Kleinkind mit dieser Kultur bombardiert wird, ist es fast natürlich, in dieser Disney-artigen Blase zu leben, wo das eigene Tun keine Folgen hat.
Täusche ich mich, oder ist die persönliche Verantwortung des Bürgers bisher von keinem der möglichen Kandidaten für die Präsidentenwahlen angesprochen worden?
Rifkin: Es ist kein einziges Mal erwähnt worden. Die Kandidaten sprechen zu den Bürgern so, wie das Eltern mit ihren Kindern tun. Dabei brauchen wir eine ernsthafte, ehrliche Debatte.
Zu der würde auch gehören, dass die Politiker den Menschen die Wahrheit über den Arbeitsmarkt sagen. Sie selber meinen seit Jahren, dass technischer Fortschritt der „wahre Jobkiller“ sei. Sollen wir Tunnels mit Teelöffeln statt mit Baggern graben, um Jobs zu schaffen?
Rifkin: Nein. Aber wir sollten nachdenken, was der Mensch auf diesem Planeten tun kann – jetzt, wo wir nicht mehr alle gebraucht werden, um Güter und Dienstleistungen herzustellen. Denn wir werden bis 2035 das Ende der Massen-Lohnarbeit sehen. Das ist eigentlich ein Triumph der Aufklärung, genauso wie das Ende der Sklaverei. Die endete, weil es billiger und effizienter wurde, Dampfmaschinen mit Kohle zu füttern, statt Sklaven zu ernähren. All das ist nicht so lange her: Stan O'Neal, der nun als Merrill-Lynch-Chef zurückgetreten ist, ist der Enkel eines Sklaven.
Was ist mit all den Privatkrankenpflegern, den „Dog-Walkern“, den persönlichen Assistenten, also den neuen Serviceberufen, von denen so viel zu lesen ist? Und was ist mit Know-How-intensiven Jobs?
Rifkin: Das sorgt alles nicht für Massen-Lohnarbeit, wie wir sie kennen. Das sind einerseits hochqualifizierte Elite-Arbeitskräfte. Andererseits wird es natürlich auch in Zukunft einige arbeitsintensive Branchen geben, etwa Tourismus. Bürojobs hingegen werden dank moderner Datenverarbeitung und Internet noch schneller wegrationalisiert, als das bei den Industriejobs der Fall war. Die Konzernchefs, die bei mir an der Wharton School Kurse belegen, lächeln nur, wenn ich sie frage, ob sie in den nächsten 50 Jahren irgendwo Massen-Lohnarbeit sehen.
Was müssen wir tun?
Rifkin: Das als großen Triumph der Menschheit sehen. Wir sind frei. Der alte Traum, menschliche Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, wird endlich wahr. Bloß schweigen die Politiker darüber – weil sie glauben, dass die Bürger das nicht hören wollen. Weil sie Angst vor den Alternativen haben.
In Europa haben die Menschen ohnehin immer mehr Freizeit. Ein Zyniker würde anmerken, dass sie diese nicht sehr sinnvoll nutzen. Sie fliegen billig in Ferienclubs, betrinken sich dort und betreiben gefährlichen „Funsport“.
Rifkin: Es ist ihr Recht, das zu tun.
Natürlich. Bloß muss irgendjemand für den dadurch verursachten Schaden aufkommen.
Rifkin: Stimmt. Das ist eine andere Frage.
Wie erklären Sie, dass die höchst qualifizierten Arbeitskräfte immer mehr arbeiten – und immer weniger Freizeit haben?
Das ist ein Problem. Wenn man sich aber die Industrielle Revolution anschaut, stellt man ein zentrales Merkmal fest: steigende Produktivität. Man kann also mehr mit weniger Arbeit herstellen. Und somit die Arbeitszeiten senken. Darum haben wir heute keine 70-Stunden-Woche mehr wie zu Beginn der Industriellen Revolution. Wir stehen also vor der Entscheidung: Sollen wir die Zahl der Arbeitskräfte senken oder die Arbeitswoche verkürzen? Bisher haben wir immer das zweite gemacht. Warum sollten wir in den nächsten 50 Jahren nicht von 40 auf 35 auf 25 auf 20 Wochenstunden gehen?
Die Franzosen haben das mit der 35-Stunden-Woche probiert. Mit bescheidenem Erfolg, gelinde gesagt.
Rifkin: Ich war teilweise dafür verantwortlich, weil ich das in einem Buch vorgeschlagen hatte. Ich habe dann mit Michel Rocard, dem damaligen Premierminister, zusammengearbeitet. Bloß habe ich stets gesagt: Man kann die Arbeitswoche nur verkürzen, wenn gleichzeitig die Produktivität steigt. Wenn das der Fall ist, sollen die Arbeitgeber die freiwillige Möglichkeit haben, ihren Arbeitnehmern eine 35-Stunden-Woche anzubieten, aber weiter 40 Stunden zu bezahlen.
Wie bleibt man da wettbewerbsfähig?
Rifkin: Indem man diesen Firmen die Lohnsteuer senkt oder ihnen Gutschriften für die Körperschaftssteuer gibt. Dann verliert die Regierung zwar Steuern. Sie profitiert aber zugleich, da mehr Leute arbeiten und mehr Verbrauchssteuern zahlen, während weniger Leute Arbeitslosengeld erhalten. Das wäre eine gute Kombination von Zuckerbrot und Peitsche. Leider hat Frankreich die Arbeitszeitverkürzung verpflichtend ins Gesetz geschrieben – und eben nicht freiwillig.
1945 in Denver, Colorado, geboren, ist der Ökonom Jeremy Rifkin heute einer der einflussreichsten Trendforscher der Welt.
Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, eines seiner Bücher (1995 erschienen), beeindruckte Frankreichs Regierung so sehr, dass sie die 35-Stunden-Woche einführte. Das senkte die Arbeitslosigkeit aber kaum.
Wissensgesellschaft und Dezentralisierung sind seine Hauptthemen.In Der Europäische Traum nennt er die EU als Vorbild für eine gesellschaftliche Neuausrichtung der USA.
In Wien war Rifkin vergangene Woche auf Einladung der Außenwirtschaft Österreich.
www.awo-horizonte.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2007)

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