Nach den jüngsten Entwicklungen im Meinl-Reich haben die Zertifikatsbesitzer der Meinl European Land eher keine guten Karten: Wie es aussieht, wird ein Großaktionär unter anderem über die „Auffüllung“ der Partly Paid Shares einsteigen – was den „inneren Wert“ des Zertifikats stark verwässert – und dann wahrscheinlich ein Übernahmeangebot legen. Das könnte nach Ansicht von Investmentbankern bei rund 12 bis 13 Euro je Anteil liegen.
Nicht schlecht, angesichts des derzeitigen Kurses von weniger als 10. Aber ein herber Schlag für alle, die bei Kursen von bis zu 21 Euro eingestiegen sind und die teuren Zertifikate noch halten. Sie werden mit dem Papier Verluste einfahren, was bei Meinl aber nichts Neues ist: Auch die Aktionäre der Meinl International/Ragusa mussten zuletzt diese Erfahrung machen. Und den „Zertifikateuren“ von Meinl International Airport (MAI) und Meinl International Power (MIP) steht diese Erfahrung möglicherweise noch bevor.
Zeit also, die Malaise zu analysieren und für künftige Börseninvestments die Konsequenzen zu ziehen. Denn der Fehlgriff hätte bei genauerer Analyse vermieden werden können. Und die Verluste hätten sich bei richtigem Vorgehen in Grenzen gehalten. Im Folgenden die sieben gravierendsten Fehlschlüsse, die Anleger ins Meinl-Desaster geführt haben:
1. „Meinl ist ein traditionsreicher Name, das Investment ist seriös“
Abgesehen davon; dass der Wert der „Marke“ Meinl in der Finanzbranche unterdessen gegen Null tendiert: An der Börse werden nicht Namen gehandelt, sondern Fakten. Genau gesagt: Gewinnerwartungen. Basis für eine Investmententscheidung kann daher niemals ein Name oder eine positiv besetzte Marke sein, sondern ausschließlich eine genaue Analyse der Fundamentaldaten. Man kommt nicht umhin, sich mit der Bilanz, dem Branchenumfeld, dem Management und der Konstruktion des Unternehmens zu beschäftigen.
Ein Blick auf Letzteres hätte beispielsweise gezeigt, dass die MEL (wie übrigens auch andere heimische Immo-Gesellschaften, aber auch MAI und MIP) darauf angelegt war, möglichst hohe (manche sagen: unverschämt hohe) „Fees“ zu generieren. Zudem hat MEL ein Teilzeit-Management (Board-Mitglieder der Managementgesellschaft sitzen bzw. saßen auch im Vorstand der Meinl Bank und in den Boards von MIP und MAI beziehungsweise deren Managementgesellschaften). Beides nicht gerade vertrauensbildende Maßnahmen.
2. „Mein Anlageberater hat mir MEL empfohlen“
„Tips are for waiters“, sagt der US-Börsenguru Jim Cramer. Empfehlungen können höchstens dazu führen, sich die Aktie näher anzuschauen bzw. zu analysieren. Aber niemals zu direkten Kaufentscheidungen. Wer blind auf Empfehlung kauft, riskiert sein Vermögen.
Davon abgesehen: Vermögensberater und Bankexperten sind in der Regel seriöse und gebildete Leute, aber sie haben gar nicht die Zeit, alle von ihnen vertriebenen Produkte genau und regelmäßig zu analysieren. Diese Verantwortung kann dem Aktionär niemand abnehmen.
Eine wichtige Faustregel lautet also: Wer sich nicht in der Lage sieht, Einzelaktien selbst und auf Basis eigener Entscheidungen zu kaufen, sollte strikt die Finger davon lassen und sein Geld Fondsmanagern anvertrauen. Bei der Fonds-Auswahl sind Anlageberater durchaus hilfreich. Einzelaktien gegen (hohe) Provision über den Anlageberater zu ordern ist dagegen eine Schnapsidee.
3. „Ich habe die Aktie gekauft und werde dieses Kurstief aussitzen“
„Buy and hold“-Strategien werden zwar von vielen Börseexperten empfohlen, sind aber, wenn das Investment danebengeht, der sicherste Weg in den finanziellen Ruin. Es gibt keinen Grund, an einem Investment, das die Erwartungen nicht erfüllt, festzuhalten.
Könner setzen sogenannte Stopp-Loss-Limits und ziehen diese beim Kursanstieg nach oben mit. Stürzt die Aktie ab, wird bei Erreichen dieses Limits beinhart verkauft. Erholt sich die Aktie wieder, kann man zu tieferen Kursen wieder einsteigen (was bei den derzeit niedrigen Transaktionsgebühren kein Problem ist). Geht es weiter abwärts wie bei MEL, hat man sich mit dieser Strategie einen Riesenverlust erspart – und Geld frei für profitablere Anlagen.
Konkret: Meinl-Anleger, die diese wichtigste Börsenregel konsequent beherzigt haben, sind (wie viele Profis) bei Kursen zwischen 18 und 19 ausgestiegen.
4. „Ich habe bei fallenden Kursen nachgekauft, was den durchschnittlichen Einstiegskurs verringert“
Nachkaufen ist eine gute Strategie, wenn sehr gute Aktien vorübergehende Schwächephasen durchmachen. Bei Abstürzen heißt Nachkaufen aber nur, gutes Geld schlechtem nachzuwerfen.
5. „Immobilien sind eine sichere Anlage“
Das stimmt – aber nur, wenn man direkt in Immobilien anlegt. Immobilien-Aktionäre beteiligen sich aber nicht an Immobilien, sondern an einem Unternehmen, das in Immobilien veranlagt.
Das ist ein Unterschied: Mindestens so wichtig wie die Qualität der Immobilien ist hier die des Managements. Meinl hat vorgeführt, dass ein suboptimales Management (die Herrschaften machen seit Monaten so gut wie alles falsch, was man aus Aktionärssicht falsch machen kann) auch eine gut aufgestellte Immo-Firma in kurzer Zeit kursmäßig an die Börsenwand fahren kann.
Und: Im schlimmsten Fall, der Insolvenz einer Immobiliengesellschaft, greifen zuerst die Gläubiger auf das Immobilienvermögen zu. Aktionäre sind keine Gläubiger, sondern Mitbesitzer, sitzen also auf der Schuldnerseite.
„Zertifikateure“ wie bei MEL sind genau genommen nicht einmal das. Sie halten technisch gesehen eine mit Meinl-Aktien unterlegte Anleihe der Kontrollbank, wobei ihnen allerdings laut Vertrag bestimmte Aktionärsrechte (beispielsweise die Teilnahme an der Hauptversammlung) von der Kontrollbank „durchgereicht“ werden.
6. „Das Zertifikat notiert weit unter seinem inneren Wert, es wird also hoffentlich wieder steigen“
Hoffnung ist keine Börsenkategorie. MEL notiert, wie praktisch alle heimischen Immo-Aktien, derzeit weit unter dem errechneten inneren Wert (Net Asset Value). Der Kurs sollte sich langfristig diesem Wert zumindest annähern. Allerdings: Der „innere Wert“ der MEL-Aktie ist durch die ungeschickten Aktienrückkäufe stark gesunken. Er liegt jetzt sehr optimistisch gesehen irgendwo zwischen 14 und 15 Euro und wird bei „Auffüllung“ der Partly Paid Shares wegen des damit verbundenen Verwässerungseffekts noch einmal recht deutlich zurückgehen.
7. „Jetzt gibt es Einstiegskurse“
Wer riskante Spekulationen liebt, kann mit der MEL-Aktie (und anderen gedrückten Immo-Papieren) jetzt tatsächlich kurzfristig spekulieren. Allerdings: Die Börsenwelt ist voll von besseren und weniger riskanten Gelegenheiten.
Die Meinl-Affäre hat gezeigt, dass herkömmliche Börsestrategien in Krisenzeiten sehr schnell in den finanziellen Ruin führen können.
Fehler dieser Art sollten Aktionäre aber nur einmal machen. Wer die Meinl-Affäre analysiert und die Konsequenzen daraus zieht, ist für künftige Kurs-Überraschungen besser gewappnet. Und die werden kommen: 2008 droht ein eher harsches Börsenjahr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2007)
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