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Ökonomie und Bürgerkrieg: Fressen oder Moral?

04.01.2008 | 18:13 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Entwicklung. Ab 900 Dollar Jahreseinkommen pro Kopf sinkt die Wahrscheinlichkeit von Völkermorden.

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Die Kundschaft des Todes stirbt nicht aus. Diese Feststellung des polnischen Schriftstellers Stanislaw Jerzy Lec bewahrheitet sich in Bürgerkriegen besonders drastisch. Zwischen 1945 und 1999 gab es laut dem Politologen James D. Fearon (Stanford University) 127 Bürgerkriege mit zumindest 16,2 Millionen zivilen Opfern. Da ist die nicht seriös schätzbare Zahl „indirekter“ Opfer nicht umfasst, die in Folge der Kämpfe verhungert oder an Krankheiten gestorben sind.

Verfolgt man das aktuelle Geschehen in Kenia, so wird man nur schwer die Befürchtung los, dass das ostafrikanische Land an der Schwelle zum Bürgerkrieg steht. Mörderbanden, welche die Häuser der Mitglieder anderer Volksgruppen markieren, lassen Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda vor 13 Jahren erwachen.


Demokratie rettet Leben

Warum führen Bürger gegen Bürger Krieg? Seit einigen Jahren beschäftigen sich auch führende Entwicklungsökonomen mit dieser Frage. Das hat mehrere Gründe, wie William Easterly (New York University) in der Studie „Development, Democracy, and Mass Killings“ (gemeinsam mit Roberta Gatti und Sergio Kurlat von der Weltbank) erklärt. Erstens bedeute „Entwicklung“ kein stures Stieren auf Bruttoinlandsprodukt und Terms of Trade, sondern eine breite Definition von Wohlbefinden.

Zweitens können auch kurze Gewaltausbrüche Jahrzehnte mühevoller Entwicklungsarbeit ruinieren. Drittens hänge die Wahrscheinlichkeit politischer Gewalt auch von ökonomischen Anreizen und Verhaltensweisen ab.

Easterly, Gatti und Kurlat haben alle Zivilisten gezählt, die zwischen 1900 und 1987 von Regierungen getötet wurden. 170 Millionen Menschen waren das: mehr als alle gefallenen Soldaten der Kriege des 20. Jahrhunderts.

Dann haben sie untersucht, wie wohlhabend und demokratisch die Staaten waren, in denen diese Massenmorde stattgefunden haben. Sie kamen zu folgenden Ergebnissen: Generell ist ein hoher Grad an Demokratisierung der wichtigste Einzelfaktor, um große Massenmorde zu verhindern. Kombiniert man aber das Jahreseinkommen mit dem Grad der Demokratisierung, so wird letzterer insignifikant. Vielmehr steige die Wahrscheinlichkeit von Massakern bis zum Niveau von 900 Dollar pro Kopf. Darüber sinke sie. Die Opferzahl pro Massaker wiederum steigt bis 1300 Dollar pro Kopf, dann sinkt sie stark.

Kommt – um Bert Brecht zu paraphrasieren – also doch das Fressen vor der Moral? Nein, sagen die Forscher. Völkermord sei nämlich nicht Völkermord. Im 19. Jahrhundert verübten Demokratien wie Frankreich oder Großbritannien in ihren Kolonien Gräuel. Das verzerre die Statistik zu Ungunsten der Demokratie. 1945 änderte sich das. Ab da führten fast nur arme Diktaturen Krieg. „Demokratie ist nun linear mit einer niedrigen Zahl an Opfern assoziiert“, heißt es in der Studie. Je demokratischer, desto weniger gewalttätig.


Frieden durch teure Rohstoffe

Markus Brückner (Universitat de Barcelona) und Antonio Ciccone (Universitat Pompeu Fabra) kommen in ihrem aktuellen Papier „Growth, Democracy, and Civil War“ zu leicht anderen Resultaten.

In armen Demokratien sei der Ausbruch von Bürgerkriegen weniger wahrscheinlich als in armen Diktaturen. Steigen – so wie derzeit – die Rohstoffpreise, so zeige sich anhand von Daten der Jahre 1980 bis 2003, dass dies die Bürgerkriegs-Wahrscheinlichkeit auch in armen Autokratien senke. Möglicher Grund: Hat ein Autokrat aus dem Rohstoffexport mehr Geld zu verteilen, kann er sein Militär besser ausrüsten und aufmüpfige Separatisten leichter bestechen.

Wo es aber echte demokratische Strukturen gebe, lasse sich kein Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und dem Ausbruch von Bürgerkriegen messen.

Eine Frage können Studien wie diese freilich nicht beantworten. Nämlich jene, ob Demokratie die Voraussetzung für Entwicklung ist – oder Entwicklung die Voraussetzung für Demokratie.

AUF EINEN BLICK

Wieso gibt es Bürgerkrieg? Dies untersuchen Ökonomen, indem sie Wirtschaftswachstum und Demokratie in Beziehung zu Völkermorden setzen.

Je wohlhabender ein Staat, desto eher wirkt Demokratie als Hemmschuh gegen Bürgerkriege.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2008)

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2 Kommentare
Gast: HJ3
05.01.2008 14:28
0 0

Umgekehrt wird ein Schuh draus.

Wenn die Bereitschaft für Barbareien wie Völkermorde fehlt, steigt das Jahreseinkommen über 900 $. Weil diese Menschen andere Dinge als religösen Fanatismus im Kopf haben, können sie sinnvolle Tätigkeiten verrichten.

Ursache und Wirkung sind umgekehrt!

josephXY
05.01.2008 09:34
0 0

fast vergessen: Ludwig Erhard

In diesem Zusammenhang verdient m. E. Ludwig Erhard,
die "Soziale Marktwirtschaft" (inklusive Mueller - Armack),
die ganze Wirtschaftsentwicklung der Nachkriegszeit
Erwaehung. In vielfacher Hinsicht koennte man das als
positves Beispiel einer wirklichen Problemloesung sehen
(wohlgemerkt, als Fallbeispiel, nicht als Ideologie, etwas,
das man anderen Laendern ueberstuelpen koennte).
Da ging es u.a. ja auch um die Konversion der Kriegs-
wirtschaft in eine Marktwirtschaft (zivile Oekonomie),
die Ermoeglichung (ja die Notwendigkeit) einer zivilen,
buergerlichen Existenz, angesichts des damaligen Mangels
an Guetern des taeglichen Bedarfs kein Scherz, sondern
existentiell. Und damit unter auch um die Entwicklung
einer zivilen Gesellschaft versus einer Barbarei. Und das
hatte sehr viel mit der ohnehin notwendigen marktorientierten (zivilen) Oekonomie zu tun. Nicht zu
vergessen den folgenden Wert der DM, des Geldes.
Eine frappierende Entwicklung, so gesehen.

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