In der Bilanz 2007 der zweitgrößten französischen Geschäftsbank waren noch keine Verluste zu finden. Doch nun schlug eine Nachricht wie eine Bombe ein: Ein Aktienhändler in Paris hat mit fiktiven Geschäften 4,9 Milliarden Euro verspekuliert. Die Pariser Börse hat daraufhin die Aktien des Geldinstituts aus dem Handel genommen.
Wie man 4,9 Milliarden heimlich verliert
Der Chef der Société Générale, Daniel Bouton, nahm zu dem Skandal in einem offenen Brief Stellung. Er bezeichnet den Betrug als "simpel aber geschickt verschleiert": Der Mann arbeitete seit 2000 für die Bank. Er war aber kein gewinnorientierter Spekulant sondern sollte ganz unspektakulär Kursabsicherungen betreiben. Dazu handelte er mit Futures, mit denen man im Prinzip auf den zukünftigen Wert von Aktien wettet.
Bei immer wieder vorkommenden Verlusten habe er aber nicht verkauft, sondern nur Scheingeschäfte getätigt. Dabei baute sich für die Bank ein immer größeres Verlustrisiko auf. Da er die Kontrollmechanismen der Bank gut kannte, sei es ihm gelungen die Verluste geschickt zu verstecken.
Erster Name aufgetaucht
Nach Angaben der Financial Times handelt es sich bei dem Händler um den 31-jährigen Jérôme Kerviel.
Die Motive des geständigen jungen Brokers sind unklar - fest steht nur, dass er selbst nicht profitiert hat. Vizechef Philippe Citerne sprach von einem "nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit". Seine Prämie für 2007 habe der Spekulant noch nicht bekommen.
Den Stein ins Rollen brachte offenbar das jüngste Börsenbeben, das den Mann zwang, unbezahlte Positionen zu decken. Am vergangenen Wochenende kam ihm dann die Bank auf die Schliche.
Weitere Verluste durch US-Krise
Neben den 4,9 Milliarden aus dem Betrugsfall muss die Société Géneralé weitere 2,05 Milliarden abschreiben. Auch sie hat an der US-Immobilienkrise verloren. Das Jahresergebnis von 2007 brach durch diese Belastungen ein. Der Jahresgewinn wird voraussichtlich 600 bis 800 Millionen Euro ausmachen. Vor den Belastungen waren es noch 5,22 Milliarden Euro.
Die Bank plant nun, neue eigene Aktien auszugeben. Am Mittwoch wurde bereits eine Kapitalerhöhung genehmigt. 5,5 Milliarden Euro sollen so lukriert werden.
4,9 Milliarden weg - und niemand hat's bemerkt?
Experten bezweifeln, dass ein Betrug in dieser Größenordnung "heimlich" geschehen kann. "Es ist schwer zu verstehen, dass ein Händler ein geheimes Geschäft von 4,9 Milliarden getätigt hat, ohne dass jemand davon gewusst hat", sagte Ion-Marc Valahu von der Amas-Bank in der Schweiz. Der Skandal könnte weite Kreise in der gesamten Bankenwelt ziehen.
Der Fortis-Analyst Carlos Garcia befürchtet im deutschen Magazin "Spiegel Online", dass "dadurch die Risikomanagement-Systeme bei einigen Banken in Zweifel gezogen werden". Es dürfte nicht möglich sein, von einem Tag auf den anderen eine Belastung von fast sieben Milliarden Euro zu veröffentlichen.
Wenn findige Mitarbeiter tricksen...
Der Betrug erinnert an den Skandal um den Broker Nick Leeson, der die britische Bank Barings PLC 1995 in den Ruin trieb: Leeson hatte bei Termingeschäften 860 Mio. Pfund verzockt. Jérôme Kerviel könnte Leeson in noch einer "Disziplin" überholen: In der Höhe der Honorarangebote für Interviews....
Experten schüttelten den Kopf über die Vorgänge bei Societe Generale. Es sei erstaunlich, dass Derartiges 13 Jahre nach dem Fall Barings wieder möglich gewesen sei, erklärte der Analyst Axel Pierron von der Unternehmensberatung Celent. Der Betrug zeige, dass Banken trotz modernen Risikomanagements weiterhin in Gefahr seien, von findigen Mitarbeitern ausgetrickst zu werden.
Sammelklage gegen die Bank
Der Anwalt der Aktionäre der Société Générale, Frederik-Karel Canoy, hat die Bank bei der Staatsanwaltschaft von Paris angezeigt. Er wirft ihr "Betrug, Vertrauensmissbrauch und Fälschung" vor. Die Aktionäre hätten sehr schnell reagiert, da sie "wahrscheinlich ihr gesamtes Geld verloren haben". (ebl./Ag.)