05.07.2009 02:14 | Meine Presse Merkliste0

Wenn Ökonomen das Glück suchen

15.02.2008 | 18:33 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Wo es wenig Bluthochdruck gibt, sind die Bürger zufriedener. Doch die Glücksforschung ist umstritten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Monsieur Sarkozy sucht das Glück – genau gesagt: ein neues Maß für die wirtschaftliche Entwicklung. Mitte Jänner verkündete der französische Präsident, er habe die Nobelpreisträger Armatya Sen und Joseph Stiglitz beauftragt, eine Alternative zum etablierten Maßstab, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), zu finden. Damit ist Sarkozy nicht allein. Schon der frühere britische Premierminister Tony Blair ließ Ökonomen ein Maß für das Glück der Briten suchen.

Wohl kein leichtes Unterfangen. „Wie schwer bringt man einen Engländer dazu, zuzugeben, dass er glücklich ist!“, seufzte schon der Schriftsteller William Makepeace Thackeray. Das weist auf eines der gewichtigsten Argumente gegen die Wissenschaftlichkeit der Glücksforschung: dass nämlich Menschen in verschiedenen Ländern eine verschiedene Vorstellung von Zufriedenheit haben.

Man nehme zum Beispiel den asiatischen Kleinstaat Bhutan. Der schneidet in Glücksstudien fast immer am besten ab. Doch um welchen Preis? In Bhutan war das Fernsehen bis vor kurzem verboten, traditionelle Einheitstracht hingegen Pflicht. Zudem ist Bhutan eine radikal homogene Gesellschaft, wie Helen Johns und Paul Ormerod in ihrem Papier „Happiness, Economics and Public Policy“ für das Londoner Institute of Economic Affairs festhalten (mit dem Suchwort „Happiness“ auf der Homepage www.iea.org.uk zu finden). Angehörige der nepalesischen Volksgruppe in Bhutan werden harschen Umerziehungsmaßnahmen unterzogen – Lageraufenthalte eingeschlossen.


Das „Bruttonationalglück“

Trotzdem: Die Suche nach einem „Bruttonationalglück“ ist in Mode. Und auch nicht ganz abwegig: Denn das BIP sagt nichts darüber aus, wie gerecht der Wohlstand in einer Gesellschaft verteilt. In ölproduzierenden Autokratien wie Äquatorialguinea steigt das BIP in jüngster Zeit dank des Ölpreisanstiegs regelmäßig um hohe zweistellige Werte. Davon haben die meisten Äquatorialguineer aber herzlich wenig.

Wie also soll man das Glück in einem Staat messen? Eine Möglichkeit ist, die Menschen zu fragen. Doch wie schon gesagt: Wenn man die Fragen nicht sehr umsichtig ausarbeitet, läuft man Gefahr, kulturelle Unterschiede zwischen den Völkern zu missachten. Das verzerrt die Ergebnisse.

Seriöse Glücksstudien stellen dies in Rechnung – zum Beispiel der „General Health Questionnaire“, ein standardisierter Fragebogen, wo man nicht nur gefragt wird, ob man glücklich ist, sondern auch, ob man in letzter Zeit viel Stress oder wenig Schlaf hatte.

Trotzdem ist das Erstellen solcher Fragebögen mühselig. Zumal es ein einfacheres Maß geben könnte, um die Zufriedenheit der Menschen international vergleichbar zu machen: den Bluthochdruck.

Zu diesem Schluss kommen zumindest die Ökonomen David G. Blanchflower (Dartmouth College) und Andrew J. Oswald (University of Warwick) in ihrer Studie „Hypertension and Happiness across Nations“ (siehe Internethinweis). Die beiden Forscher haben zwei anerkannte Glücksuntersuchungen verglichen: die „Eurotrends“-Erhebung des EU-Statistikamtes Eurostat sowie die „Europäische Sozialstudie“, die alle zwei Jahre in 30 Staaten durchgeführt wird.


Glückliche Skandinavier

Ihr Befund: Dänemark, die Niederlande und Schweden sind typischerweise die glücklichsten Nationen in Europa. Regelmäßig schlecht schneiden hingegen Griechenland, Portugal, Italien sowie Ostdeutschland (die neuen Bundesländer) ab. Dort sagen besonders viele Bürger, dass sie eher unglücklich mit ihrem Leben sind.

Im zweiten Schritt haben Blanchflower und Oswald Daten aus einer Eurobarometer-Umfrage von Eurostat mit diesen Glücksstudien verglichen. Das Eurobarometer-Team befragte rund 15.000 Menschen in den 15 „alten“ EU-Staaten, ob sie hohen Blutdruck haben. Ein verblüffendes Ergebnis stellte sich ein: Schweden, Niederländer, Dänen und Iren haben am seltensten erhöhten Blutdruck. Portugiesen, Italiener und Deutsche hingegen am häufigsten.

Setzt man die Ergebnisse der Glücksumfragen in Beziehung zu diesem europaweiten Bluthochdruck-Befund, so zeigt sich: Menschen, die sagen, sie seien zufrieden mit ihrem Leben, haben tendenziell seltener Bluthochdruck als jene, die sich unglücklich fühlen (siehe Grafik). Der einzige Ausreißer ist Finnland: Die Finnen haben recht oft hohen Blutdruck, ihr Abschneiden in Glücksumfragen ist aber höchst unterschiedlich.

Blanchflower und Oswald haben die 16 untersuchten Staaten (Deutschland wurde in alte und neue Bundesländer geteilt) dann entsprechend ihrer Blutdruckprobleme in vier Gruppe geteilt. In jenen vier Ländern, wo es am seltensten zu erhöhtem Blutdruck kommt (Dänemark, Niederlande, Schweden, Irland) sagten 48 Prozent der Menschen, sie seien sehr zufrieden mit ihrem Leben. In den vier Ländern mit den schlechtesten Blutdruckwerten (Ost- und Westdeutschland, Portugal und Finnland) waren nur 22 Prozent der Menschen so glücklich. Allerdings sagten die Finnen überdurchschnittlich oft, sie seien zumindest „ziemlich zufrieden“.


„Unsympathisch paternalistisch“

Man könne also den Schluss ziehen, dass Bluthochdruck in glücklicheren Nationen seltener ist als in unglücklichen, sagen Blanchflower und Oswald. Wenngleich der Schluss unzulässig sei, innerhalb einer Gesellschaft anhand des Blutdrucks Urteile über die Zufriedenheit der Bürger zu stellen (Sie können sich also wieder beruhigen, falls Sie unter Hypertonie leiden, aber trotzdem recht happy sind).

Ist Glück also quantifizierbar? Kann man ein „Bruttonationalglück“ basteln – vielleicht auf Basis der Hypertonie-Anfälligkeit einer Gesellschaft? Diese Fragen beantworten Blanchflower und Oswald nicht. Wissenschaftliche Korrektheit verbietet schließlich Spekulation.

Zumal die Glücksforschung in ihrer ureigensten Domäne angreifbar ist: der Moralethik. Ihr wohne, so die Kritiker, die Schlussfolgerung inne, man könne die persönlichen Lebensentscheidungen der Menschen objektivieren. Ihnen also beweisen, dass sie eigentlich nicht glücklich sind – streng wissenschaftlich natürlich. „Das aber ist zugleich undemokratisch und unattraktiv paternalistisch“, halten Helen Johns und Paul Ormerod in ihrer Studie fest.

www2.warwick.ac.uk/fac/soc/

 

economics/staff/faculty/oswald/
hypertensionfeb07.pdf

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
Gast: Glücklich ist...
17.02.2008 10:24

hahaha

..., aber der 1. April kommt doch erst ???

Schlagzeilen Wirtschaft

  • Flughafen Wien: Die vorprogrammierte Schlammschlacht
    Das Finanzdebakel am Flughafen Wien ist noch lange nicht aufgeklärt. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass in den rot-schwarz dominierten Führungsgremien kein Stein auf dem anderen bleiben wird.
    Österreichische Schrottautos für Afrika
    Jedes Jahr werden 180.000 gebrauchte Autos mehr oder weniger legal aus Österreich vor allem nach Afrika exportiert. Doch jetzt droht der Markt wegen der Verschrottungsprämie einzubrechen.
    Quelle-Katalog: Bibel der Kleinbürger droht das Ende
    Der Versandhändler Quelle braucht staatliches Geld, um doch noch einen Katalog zu drucken. Seit Jahren spekuliert man über das Ablaufdatum der dicken Universal-Kataloge.
  • Fall Madoff: Neue Spuren führen nach Wien
    Im „Fall Madoff“ gibt es schwere Vorwürfe gegen Sonja Kohn, Gründerin der Wiener Bank Medici. Dabei geht es um umstrittene Geldflüsse von rund 40 Mio. Dollar (28,4 Mio. Euro).
    Traden mit dem Momentum
    Wie man Trendwendenmithilfe von technischen Indikatoren rechtzeitig erkennt. Unter den zahlreichen Momentum-Varianten hat sich der sogenannte „Williams %R Momentum“-Indikator bewährt.
    Ohne Job: Generation Krise
    Der Einstieg ins Berufleben wird schwieriger. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt daher deutlich stärker als die allgemeine Arbeitslosenquote. Firmen nehmen lieber freigesetzte Mitarbeiter als Neueinsteiger.
  • Verteilungskonflikt: "Wir brauchen Aufstand der Jungen"
    Keine Pension, kein Job und keine Kinder. Droht ein Kampf der Generationen? „Die Verteilungskonflikte zwischen Alt und Jung werden zunehmen“, meint Experte Wolfgang Gründinger.
    Pflege: 22 Prozent mehr offene Stellen als 2008
    Während am allgemeinen Arbeitsmarkt um 38,2 Prozent weniger Menschen eine Beschäftigung haben, fehlen im Pflegebereich Arbeitskräfte.
    AUA: Streik liegt in der Luft
    Wegen des geplanten Stellenabbaus bei der AUA-Tochter könnte es zu Streiks kommen. Betriebsrat Junghans meint aber, dass man gegen die Kündigungen nicht viel tun könne. Sie sollen nur "sozial verträglich" sein.
  • SPÖ: An der Peripherie der Macht
    Jetzt hat es die SPÖ quasi amtlich: Die Partei hat massiv an Macht und Einfluss in der Wirtschaft eingebüßt. In einem Ranking der hundert einflussreichsten Österreicher findet sich nur eine Handvoll SPÖler.
    Skylink: Rechnungshof macht Druck
    Die Oppositionsparteien fordern eine Untersuchung des Finanzdebakels. Derzeit kann der RH ein Unternehmen nur prüfen, wenn die öffentliche Hand mindestens 50 Prozent der Anteile hält.
    Kroatien/Slowenien: Polemisch um Gäste buhlen
    Slowenien macht Kroatien die Urlauber aus Serbien abspenstig – mit einer Kampagne voller Spott und Ressentiments.