Wien (b.l.). In den USA sind Kombilöhne gang und gäbe. Wer trotz Arbeit wenig verdient, erhält Unterstützung von mehreren tausend Euro im Jahr. Dafür sind die Transferleistungen für nicht Erwerbstätige relativ niedrig. Für Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), ist das einer der Gründe, warum die Arbeitslosigkeit in den USA geringer ist als in Europa: Es rechne sich dort, niedrig bezahlte Jobs anzunehmen.
In vielen EU-Ländern ist der Anreiz gering, eine schlecht entlohnte Arbeit anzunehmen und dafür auf das Arbeitslosengeld zu verzichten. Auch in Österreich, obwohl das Land mit vergleichsweise niedriger Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat: IHS-Expertin Helene Dearing hat ausgerechnet, ob es sich für eine Person mit einem Arbeitslosengeld von 8000 Euro im Jahr auszahlt, für einen Stundenlohn von sechs Euro brutto arbeiten zu gehen.
Arbeit zahlt sich oft nicht aus
Das Ergebnis: Das höchstmögliche Nettoeinkommen erzielt diese Person, wenn sie knapp unter der Geringfügigkeitsgrenze (350 Euro pro Monat) dazu verdient. Das geht sich mit einem 13-Stunden-Job gerade aus. Überschreitet sie diese Grenze, verliert sie das Arbeitslosengeld und muss auch noch Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Das Nettoeinkommen sinkt rapide. Das Rechenmodell kommt schließlich zum Ergebnis: Ein 40-Stunden-Job würde sich für diese Person nicht auszahlen.
Ein Zusatzlohn vom Staat für Geringverdiener könnte da Abhilfe schaffen. Vor zwei Jahren floppte allerdings ein Kombilohnmodell: Junge und ältere Langzeitarbeitslose sollten einen Teil ihrer Arbeitslosenunterstützung weiter beziehen dürfen, wenn sie einen Job annehmen und insgesamt weniger als 1000 Euro verdienen. Der Zuspruch war begrenzt: 356 Personen nahmen den Kombilohn in Anspruch. Experten kritisierten, dass die Zielgruppe zu klein und das System zu kompliziert war. Jetzt diskutieren die Sozialpartner über ein neues Modell. Die Zielgruppe soll diesmal viel umfangreicher sein: In Frage kommen etwa 200.000 Langzeitbeschäftigungslose, gering qualifizierte oder ältere Arbeitslose sowie Wiedereinsteigerinnen.
250 Euro Zusatzlohn vom Staat
Sie können, wenn sie einen Job annehmen, ein Jahr lang 250 Euro Zusatzlohn pro Monat erhalten. Teilzeitbeschäftigte sollen 125 Euro bekommen. Das AMS würde diese Gruppe eingrenzen, sodass etwa 30.000 übrig blieben.
Von diesen könnte man laut IHS 9000 in Beschäftigung bringen. Allerdings nicht nur durch den Kombilohn: „Mitnahmeeffekte sind bei einem solchen Modell unvermeidlich“, meint Felderer. Zusätzliche Jobs durch den Kombilohn entstünden nur 2500. Weitere 6500 würden ebenfalls einen staatlichen Zusatzlohn beziehen, obwohl sie sonst auch einen Arbeitsplatz bekommen hätten. Die Kosten für das Modell liegen zwischen 22,6 und 25,6 Mio. Euro im Jahr. Zieht man die Arbeitslosenunterstützung für die 2500 Personen ab, die zusätzlich einen Job gefunden haben, kommt man etwa auf 14 Mio. Euro effektive Kosten.
Kosten: 14 Mio. Euro
„Es stellt sich die Frage, ob 2500 Arbeitsplätze 14 Millionen Euro wert sind“, sagt Felderer. Er selbst beantwortet die Frage mit ja: Man würde Langzeitarbeitslosigkeit reduzieren und die Beschäftigungsfähigkeit von Leuten erhalten, die sonst vielleicht jahrelang ohne Job blieben. So spare man wieder Kosten. Bei einem ähnlichen Modell in Deutschland habe sich gezeigt, dass viele der Kombilohnbezieher in kurzer Zeit einen Karriere-Aufstieg geschafft hätten.
Für den einzelnen würde ein solcher Kombilohn bedeuten, dass sich Arbeit wieder auszahlt: Bei einem Vierzig-Stunden-Job zu einem Stundenlohn von sechs Euro verdient man dann etwa 150 Euro im Monat mehr als durch die Kombination von Arbeitslosengeld und geringfügiger Beschäftigung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2008)