Kritik am Duzfreund Ikea: "Mit den Füßen getreten"

Der schwedische Möbelriese gibt sich nach außen gerne kumpelhaft. Mitarbeiter in Deutschland berichten allerdings von Drangsalierung und Einschüchterung mit System.

Schließen
(c) APA/dpa

Der erste Eindruck täuscht, wenn man Fotos von Ingvar Kamprad betrachtet. Auf Aufnahmen ist er gelegentlich mit einer lustigen Strickmütze zu sehen, deren Zöpfe er gerade zubindet. Als Privatmann soll Kamprad einen alten Volvo fahren. In geschäftlicher Hinsicht jedoch gehört der 82-jährige Schwede zu den erfolgreichsten Unternehmern der Gegenwart. Er hat einen Stammplatz im Ranking der reichsten Menschen der Welt, welches das US-Magazin "Forbes" regelmäßig vornimmt. Das Vermögen von Kamprad schätzt "Forbes" auf rund 23 Milliarden Euro. Sein Vermögen machte Kamprad vor allem mit Möbeln, die man selbst zusammenbauen muss.

Der Sohn eines Landwirts aus der schwedischen Provinz startete mit einem kleinen Versandhaus und begann, in den 1950ern Möbel anzubieten. In den folgenden Jahrzehnten legte die Firma einen beispiellosen Aufstieg zum Weltkonzern hin. Das Unternehmen gehört heute zu den bekanntesten Möbelhäusern weltweit - Ikea. Das innovative Konzept: Über riesige Ausstellungshäuser äußerst schlichte Möbel zu verkaufen, die der Kunde daheim selbst zusammenbauen muss.

Anleitungen des Chefs zum Sparen

Den Aufstieg zum globalen Unternehmen steuert Kamprad selbst und hält bis heute die Zügel seines Konzerns in der Hand. Seine Mitmenschen hat Kamprad sein Leben lang nachdrücklich zur Sparsamkeit angehalten. Auch eine Aussage zum Thema Reichtum ist von ihm überliefert: "Die größten Reichtümer, die ich besitze, sind meine Gesundheit, meine Familie und meine Mitarbeiter bei Ikea."

Der Unterschied zwischen außen und innen


Zumindest was die Mitarbeiter angeht, scheint der Grundsatz im Konzern mittlerweile nicht viel zu gelten - ganz im Gegenteil. Das Möbelhaus, das gerne als ein guter Freund seiner Klientel auftritt und alle Kunden grundsätzlich duzt, benimmt sich seinen Mitarbeitern gegenüber offenbar ganz anders.

Ein Beitrag des ZDF-Magazins "Frontal21" am Dienstag hat sich mit der Situation in Deutschland beschäftigt und ist auf ein breit angelegtes System der Ausbeutung und Drangsalierung gestoßen. Der Beitrag zitiert aus Briefen der Mitarbeiter an die Geschäftsführung:

"Wie lange soll der Wahnsinn noch dauern?"


"Wie lange soll dieser Wahnsinn noch andauern? Die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen gehen jeden Tag an ihre körperliche und seelische Belastungsgrenze, leisten zahlreiche Überstunden.Krank zu arbeiten ist Normalzustand, wird unterschwellig sogar erwartet."

"Wir gehen ja schon auf dem Zahnfleisch. Ausbeutung der Mitarbeiter auf großem Niveau und das bei einer Weltfirma. (...) Wir, die Menschen, die Ikea zu dem gemacht haben, was es ist, werden von dir mit den Füßen getreten."

Im Gespräch mit dem Sender spricht Christina Frank von der Gewerkschaft Verdi von regelrechter Mitarbeiter-Schikane von Ikea Deutschland: "Absolute Flexibilität, körperlicher Einsatz bis zur Erschöpfung, Krankheit wird als Störung im Menschen kaum akzeptiert. Ikea nach außen ist sehr, sehr freundlich, nach innen völlig anders. Da sind wir fast schon wieder im Frühkapitalismus angelangt."

An die Grenzen getrieben


In Deutschland kämen jährlich 47 Millionen Kunden zu Ikea, mit denen 14.000 Mitarbeiter fertig werden müssten, so der Bericht. Die Mitarbeiter würden bewusst an ihre Grenzen getrieben - wenn es sein müsse, offenbar bis zum Zusammenbruch.

Cordula Becker, Betriebsratsvorsitzende von Ikea in Walldorf, berichtet dem Sender, "dass ständig der Krankenwagen kam, jeden zweiten Tag da war. Mitarbeiter sind umgefallen, einfach weil sie überlastet, am Rande iher Kraft waren, bis hin zum burn out."

Weitere Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, erzählen, wie besonders "an Ältere und Alleinerziehende rangegangen wird." Kollegen sollen mit der Einteilung von Nachtschichten bewußt in die Kündigung getrieben werden.

Teilzeitkräfte mit Vollzeit-Bereitschaft


Rund 40 Prozent des Personals sind Teilzeitkräfte. Besonders von ihnen wird absolute Flexibilität erwartet. Während man Christine Frank zufolge schon vom Vollzeitgehalt kaum leben kann, ist das bei einem Teilzeitgehalt erst recht nicht möglich. Das kümmert den Konzern offenbar wenig. So müssen die Teilzeitkräfte in der Filiale in Ulm ihre Sozialversicherungsausweise abgeben. Damit ist ihnen in Deutschland die Aufnahme eines weiteren Jobs nicht mehr möglich.

In einer Reaktion auf den Bericht weist Ikea die Darstellung zurück. Die Vorkommnisse, auf die sich das ZDF beziehe, lägen Jahre zurück - "zum überwiegenden Teil". Auch hätten sie bereits zu Konsequenzen geführt.

Die "Konsequenzen"


Als eine der Konsequenzen kann ein Urteil eines deutschen Arbeitsgerichts gesehen werden. Nachdem herauskam, dass Ikea Mitarbeiter ohne Zustimmung des Betriebsrates überwachen ließ, untersagte das Gericht dem Konzern diese Praktiken.

Als eine andere Konsequenz kann auch die systematische Unterdrückung von Betriebsräten gesehen werden. Auf besonderen juristischen Seminaren lernen Filialleiter, wie man mit Betriebsräten umgeht und vor allem, wie man sie los wird. Dem ZDF wurden Teilnehmerlisten solcher Seminare zugespielt, auf einer der Listen fand sich auf der Name einer Führungskraft von Ikea Deutschland.

Sonderseminare gegen Betriebsräte


Sabine Nord, Pressesprecherin von Ikea Deutschland, bestreitet nicht die Teilnahme der Führungskraft an dem Seminar, und auch nicht die Seminare selbst. Sie hält dafür eine eigene Erklärung parat: Die Ikea-Kultur gestehe dem Mitarbeiter einen sehr großen Freiraum, welche Seminare er belegen will.

"Passen Sie auf, dass Ihnen nichts passiert"


Von einem großen Freiraum kann bei Cordula Becker schon lange keine Rede mehr sein. Nachdem bei ihr Abmahnungen trotzdem nicht zu einer Kündigung geführt haben, nahm sie einer der Chefs zur Seite, erzählt Becker dem Sender. "Der eine Chef hat gesagt, er wird dafür sorgen, dass ich rausgehe. Ich soll aufpassen, weil er kennt ja meine Einsatzpläne,weil ich ja in seinem Bereich arbeite, und er weiß, wann ich spät abends auf den Parkplatz gehe, dass mir da nix passiert."

(mar)
Lesen Sie mehr zum Thema

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.