„Der Konsument ist sehr fordernd“

Rewe-Vorstand Werner Wutscher erwartet Entspannung bei Lebensmittelpreisen, kritisiert Globalisierungskritiker und ruft Konsumenten zu ethisch korrektem Einkaufen auf.

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(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Die Presse: Was kostet ein Kilo Reis bei Billa?

Werner Wutscher: Der billigste Reis kostet 99 Cent. Aber Reis ist derzeit bei uns kein Thema. Reis spielt nicht die Rolle wie etwa Getreide, Weizen oder Milch.

 

Sie kommen aus der Landwirtschaft und sind jetzt im Einzelhandel tätig, stehen gewissermaßen an beiden Enden der Lebensmittelkette. Worin sehen Sie die Ursache der gegenwärtigen Lebensmittelkrise?

Wutscher: Mein Eindruck ist, dass wir in einer extremen Hysterie sind. Wir hatten 2007 eine Angebotsverknappung. Wir dürfen aber nie übersehen, dass sich nicht nur die Ernährungsgewohnheiten, sondern auch die Produktion dramatisch verändert hat. In den letzten zehn Jahren wurde die Getreideproduktion von 1850 Millionen Tonnen auf 2150 Millionen gesteigert. Es stimmt einfach nicht, dass wir übermorgen dem totalen Mangel gegenüberstehen.

 

Woher kommen dann die Engpässe und Preissteigerungen, die in vielen Ländern Revolten ausgelöst haben?

Wutscher: In einigen Märkten hat es Dürren gegeben, bei der Milch Ausfuhrbeschränkungen, also eine wirkliche Verknappung des Angebots. Sobald das wegfällt, wird sich die Situation stark entspannen.

 

Manche sehen in der europäischen Agrarpolitik eine der Hauptursachen der Krise. Die Agrarsubventionen und die Abschottung der Märkte hätten die Agrarproduktion anderswo unrentabel gemacht.

Wutscher: Das ist eine Ausrede. Ich bin überrascht, wie tendenziös die Diskussionen laufen. Das Argument ist seit 1999 nicht mehr gültig. Mit der Agenda 2000 wurden die Interventionspreise auf Weltmarktniveau gesenkt. Es gibt die berühmten Exportsubventionen nicht mehr. Der Weltagrarmarkt ist zwar globalisiert, aber es ist nur ein kleiner Teil der Produktion betroffen. Von der Milch gehen nur sieben Prozent in den Welthandel, der Rest wird regional verbraucht. Da kann es schnell zu Verknappungen kommen, wenn die Australier wegen einer Dürre Milchkühe schlachten müssen. Früher haben die riesigen Lager der EU als ein Puffer gewirkt.

Wann ist mit einer Entspannung zu rechnen?

Wutscher: Die Prognosen lassen 2008/09 eine gute Ernte erwarten.

 

Wo?

Wutscher: Auf der ganzen Welt. Die EU hat die Stilllegungsflächen aufgemacht, die Amerikaner haben stark investiert. Man geht von sechs Prozent mehr Ernte aus. Es stimmt sicher, dass in der Vergangenheit in den Entwicklungsländern die Investitionen in die Landwirtschaft vernachlässigt wurden, es gibt aber eine große Regenerationsfähigkeit des Marktes.

 

Als Hauptursache für das Steigen der Lebensmittelpreise wird von vielen Ökonomen die Produktion von Biotreibstoffen angesehen.

Wutscher: Das wirkliche Problem, vor dem wir stehen, ist die Energiesituation. Es wird bis 2030 eine Steigerung der Nachfrage um 60 Prozent prognostiziert. Jetzt versucht jeder, diese Energie selbst zu produzieren. Wir treten aber klar für die Priorität der Lebensmittel-Produktion ein. Am schwierigsten wird sein, das spekulative Element einzudämmen.

 

Wer sind die Spekulanten, und wer verdient dabei?

Wutscher: Etwa das internationale Finanzbusiness, das früher auf Kupfer und Nickel spekuliert hat.

 

Als weitere Ursache der Krise gilt die zunehmende Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten in Ländern, die sich bisher vorwiegend vegetarisch ernährt haben, wie Indien und China. Mit Getreide Kühe zu füttern ist eine unwirtschaftliche Verwendung.

Wutscher: Es wird immer unterschätzt, dass auch das Nahrungsmittelangebot stark gewachsen ist. Aber natürlich führt es zu Verzerrungen, wenn Menschen von pflanzlicher Nahrung auf Fleisch umsteigen. Dieselbe Entwicklung haben wir in den letzten hundert Jahren auch in Europa gehabt.

 

Gibt es überhaupt genug Reserven für höhere agrarische Produktion?

Wutscher: Mit dem Ende des Kommunismus ist in Zentral-und Osteuropa die agrarische Produktion weitgehend zusammengebrochen. Hier ist noch großes Potenzial da.

Werden die Preise auf dem hohen Niveau bleiben?

Wutscher: Prognosen von FAO und OECD gehen davon aus, dass die Preise in den nächsten Jahren starken Schwankungen ausgesetzt sein werden.

Sind wir schuld am Hunger in der Dritten Welt, wie Globalisierungskritiker behaupten?

Wutscher: Das ist ein tendenziöses Argument. Die EU hat tendenziell an Anteilen am Weltmarkt verloren. Die großen Spieler am Agrarmarkt sind heute die USA, Kanada, Brasilien. Aber sicher ist eine der Schlüsselfragen die ländliche Entwicklung in den Entwicklungsländern. Es stimmt schon, dass internationale Agrarkonzerne dort ihre Produkte angeboten haben und dadurch die regionalen Märkte unter Druck gekommen sind.

 

Was sagen Sie zu dem häufig geäußerten Argument, dass in der Dritten Welt Luxuslebensmittel für die westlichen Länder produziert werden und keine Grundnahrungsmittel für die Einheimischen?

Wutscher: Für uns wird die Zukunftsaufgabe heißen: ethisch korrektes Einkaufen.

 

Ist damit Ihre Firma gemeint oder der Konsument?

Wutscher: Beide. Ich glaube, dass der Konsument eine riesige Macht hat. Fairtrade wird immer wichtiger für uns. Wir bei der Rewe Group beschäftigen uns intensiv mit nachhaltiger Beschaffung im Non-Food-Bereich. So versuchen wir, mit unseren Lieferanten in diesen Ländern Vereinbarungen über Arbeitsbedingungen und ökologische Standards zu treffen.

 

Was kann der Konsument da tun?

Wutscher: Die Macht des Konsumenten wird unterschätzt. Er kann sich überlegen, ob er Bio will oder regional einkaufen will.

 

Das ist aber nicht Lösung für die Hungerkrise in der Welt.

Wutscher: Das stimmt, aber es ist der Weg für uns. Das muss nicht der Weg für die Philippinen sein, die unter Umständen Gentechnik einsetzen müssen, um hohe Erträge zu bekommen. Bei uns ist die Frage Gentechnik entschieden, und das ist zur Kenntnis zu nehmen. Man soll daraus aber keine Glaubensfrage machen.

Nützt ethisch korrektes Einkaufen bei uns etwas für die Änderung der Agrarwirtschaft in der dritten Welt?

Wutscher: Natürlich, weil wir Kooperationen mit den Produzenten vor Ort haben, die entsprechende Preise erlösen und gewisse Standards einführen.

 

Bei Billa sind am Abend die Regale voll mit frischem Brot, das eine Stunde später vernichtet wird. Ist das notwendig?

Wutscher: Der Konsument hat zu Recht den Wunsch, das volle Angebot auch am Abend zur Verfügung zu haben. Und wenn nennenswerte Mengen an verzehrfähigen Lebensmitteln anfallen, dann versuchen wir, diese karitativen Organisationen zur Verfügung zu stellen.

 

Das ist aber nur sehr wenig.

Wutscher: Der Konsument ist sehr fordernd.

ZUR PERSON: Werner Wutscher

Der 39-jährige Werner Wutschersitzt im Vorstand der Rewe-Group Austria (Billa, Penny, Merkur, Bipa). Der gebürtige Kärntner ist Jurist und Betriebswirt. Seit 1994 arbeitete er im Büro des damaligen Landwirtschaftsministers Wilhelm Molterer (VP). 1999 wechselte er zur Agrana, 2000 kehrte er in das Landwirtschaftsministerium als Generalsekretär zurück.

Seit einem Jahr ist er bei Rewe Austria für Finanzen, Strategie, Umwelt und Nachhaltigkeit zuständig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)

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