Vekselberg baut Schweizer Großkonzern

12.05.2008 | 18:16 |  HEDI SCHNEID (Die Presse)

Investoren Pecik und Stumpf verkaufen Oerlikon-Anteile – Partnerschaft mit Oligarch zerbricht.

Wien/Zürich. Der Machtkampf beim Schweizer Technologiekonzern Oerlikon ist entschieden – bevor er heute, Dienstag, bei der Hauptversammlung eskaliert wäre. Die österreichischen Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf, die 2005 Oerlikon unter ihre Kontrolle gebracht hatten, haben dem 2006 eingestiegenen Viktor Vekselberg 14,1 Prozent an Oerlikon verkauft. Der russische Oligarch hält über seine Renova Holding nun 39,1 Prozent an Oerlikon. Die Victory Holding von Pecik und Stumpf hat noch 13,5 Prozent der Aktien sowie Optionen von rund 20 Prozent. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Für Pecik und Stumpf dürfte sich der Ausstieg gelohnt haben, obwohl die Oerlikon-Aktie nach dem Höchststand vor einem Jahr von 736,50 Franken (457,10 Euro) massiv an Wert verloren hat. Zum Kurs von Freitag (390 Franken) wären die 14,1 Prozent 777 Mio. Franken wert. Wie die „Presse“ aus Finanzkreisen erfuhr, soll die Machtübernahme Vekselberg einen kräftigen Paketzuschlag wert gewesen sein. Es wird ein Preis von bis zu 1,6 Mrd. Franken kolportiert.

Der Kontrollwechsel hat sich Ende April abgezeichnet: Nach der Ausübung von Optionen ist Vekselberg größter Oerlikon-Aktionär geworden. Jetzt hat er den Konzern, der nach der Sanierung durch Pecik und Stumpf hoch profitabel ist und in den Sparten Solar, Beschichtung und Vakuumtechnik agiert, fest im Griff. Verwaltungsratspräsident Stumpf und Günther Robol (er vertritt ebenfalls Victory) stellen sich nicht mehr der Wiederwahl.

Da der Deal noch am Freitag fixiert worden ist, spart sich Vekselberg auch ein Übernahmeangebot für die restlichen Oerlikon-Aktien, weil die Opting-out-Klausel noch in Kraft ist. Sie besagt, dass ein Aktionär auch mit einer Beteiligung von mehr als einem Drittel kein Übernahmeangebot legen muss. Stumpf wollte die Klausel beim heutigen Aktionärstreffen abschaffen – jetzt ist dieser Plan obsolet.

Die österreichisch-russische Partnerschaft hielt nur drei Jahre. Sie hat jedoch in der Schweizer Industrieszene für gehöriges Aufsehen gesorgt. Nach dem Einstieg bei Oerlikon – nach einer beinharten Übernahmeschlacht gegen die ehemalige Besitzerfamilie Anda-Bührle – wurde Ende 2006 auch der Maschinenbauer Saurer gekauft. Wenig später übernahmen Pecik und Stumpf auch ein Drittel am Maschinenbauer Sulzer. Diese Beteiligung verkauften sie Vekselberg.


Wohlwollen der Politik

Auch auf getrennten Wegen dürften Vekselberg sowie Pecik und Stumpf in der Schweiz für Überraschungen sorgen. „Die frei gewordenen Mittel werden in industrielle Beteiligungen auch in der Schweiz reinvestiert“, hieß es bei Victory. Ob Pecik und Stumpf ihren Plan, die Solarsparte der Oerlikon eigenständig an die Börse zu bringen, noch durchsetzen können, ist fraglich. Vekselberg dürfte die „Perle“ mit hohen Wachstumsaussichten kaum aus der Hand geben.

Der russische Milliardär, dessen Renova in Bergbau, Metallverarbeitung, Erdöl, Maschinenbau, Chemie, Energie, Immobilien, Telekom und Finanzen tätig und eigenen Angaben zufolge 18 Mrd. Dollar schwer ist, will dem Vernehmen nach aus Oerlikon, Sulzer und Rieter einen großen Industriekonzern nach Vorbild der ABB schmieden. Das fusionierte Unternehmen hätte einem Bericht des „Sonntag“ zufolge mehr als 46.000 Mitarbeiter, 13 Mrd. Franken Umsatz und 800 Mio. Franken Gewinn.

Als Chef des neuen Konzerns soll Fred Kindle gewonnen werden – er war ABB-Chef und leitete zuvor Sulzer. Vekselberg könnte jenen großen Industriekonzern schmieden, den Pecik und Stumpf propagiert haben. Doch während das österreichische Investoren-Duo wegen seiner schlechten Reputation auch am politischen Widerstand scheiterte, kann sich Vekselberg des Wohlwollens des eidgenössischen Establishments – bis hin zum Einverständnis des Bundesrats – wähnen. Renova-Sprecher Markus Blume: „Die Schweiz ist jetzt mit Abstand der zweitwichtigste Investitionsstandort der Renova-Gruppe nach Russland.“

AUF EINEN BLICK

Viktor Vekselberg hat den Kampf um die Kontrolle beim Schweizer Technologiekonzern Oerlikon gegen die österreichischen Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf gewonnen. Die Victory Holding von Pecik und Stumpf hat 14,1 Prozent der Oerlikon an Vekselberg verkauft, womit er nun 39,1 Prozent hält.

Der russische Oligarch hegt große Pläne: Er will dem Vernehmen nach die Oerlikon mit den Maschinenbau-Unternehmen Sulzer und Rieter zu einem Großkonzern verschmelzen. Seine Pläne werden in der Schweizer Industrie wie auch Politik mit Wohlwollen beobachtet. Weniger Vertrauen sollen Pecik und Stumpf genießen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)


Artikel versendenVersenden | Artikel DruckenDrucken | AAA Schriftgröße

Bookmarken bei [?]: WebnewsDiese Seite zu Mister Wong hinzufügen