Die Vermessung von Krankheiten hat erst begonnen

Mit ihrer Diabetes-App haben sie 2012 einen Trend vorhergesehen, von dem sie jetzt profitieren. Immer öfter wird versucht, chronische Krankheiten über Apps in den Griff zu bekommen. Was wurde eigentlich aus... MySugr?

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THEMENBILD: DIABETES – (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Die persönliche Betroffenheit lässt einen manchmal die besten Lösungen entwickeln – und infolgedessen die besten Firmenideen. Bei Fredrik Debong und Frank Westermann war es die eigene Diabeteskrankheit, die die beiden zum Nachdenken brachte.

Beide hatten ein Problem damit, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Vor allem Westermann – erst seit dem 18. Lebensjahr Diabetiker – war unzufrieden mit seiner Therapie. Und so entstand die Idee: Wie wäre es, die Krankheit mithilfe einer App zu verwalten? Denn Diabetes ist eine Krankheit, die „datengetrieben ist“, erklärt Westermann. Ziel ist es, den Blutzucker so gut wie möglich auf einem konstanten Level zu halten. „Das ist total tricky“, fügt Westermann hinzu. Und es bedeutet, je mehr Daten über die Kohlenhydrate in seinem Essen ein Diabetiker hat, desto leichter tut er sich, mit der Krankheit zu leben.

Dokumentiere und vergleiche. Bei MySugr wird nicht nur über den eigenen Blutzucker Tagebuch geführt, sondern auch die Reaktion des Körpers auf ein bestimmtes Essen gespeichert.

Gut zwei Jahre ist es nun her, dass die App von insgesamt vier Gründern (neben Debong und Westermann zählen auch noch Gerald Stangl und Michael Forisch zu den Gründern) gelauncht wurde. Und besser hätte es für das Unternehmen wohl nicht laufen können. Die App hat mittlerweile 120.000 regelmäßige Nutzer. Gut, die Hälfte der Nutzer sitzt in den USA. Auch MySugr selbst hat ein Büro im Silicon Valley, und anstatt der vier Gründer nun 20 Mitarbeiter.

Seit Februar ist das Unternehmen außerdem reicher an Kapital. In einer Investorenrunde ist sowohl die Püspök-Gruppe eingestiegen als auch eine Venture-Capital-Firma aus Berlin, die wiederum das Geld des CEO der CompuGroupMedical (CGM) eingebracht hat.

Dabei ging es um weit mehr als die (insgesamt) über eine Million Euro an Risikokapital. Die Software von CGM organisiert – nach eigenen Angaben – die Ordinationen von über 400.000 Ärzten, Krankenhäusern und Versicherungen auf der ganzen Welt. Auch in Österreich würde die Software laut Westermann in 60 Prozent der Arztpraxen laufen. In Zukunft sollen die Daten, die ein User in die MySugr-App eingibt, daher auf Knopfdruck beim zuständigen Hausarzt aufscheinen. Auch mit Sanofi hat MySugr eine Kooperation geschlossen. Ein mobiles Blutmessgerät, das man an Smartphones anstecken kann, liest nun direkt die Daten in die App ein. Wer das nicht hat, kann den „MySugr Importer“ benutzen, der erst seit ein paar Tagen online ist. Dieses Feature verwandelt die Handykamera in ein Lesegerät, das Daten vom Blutzuckermessgerät ablesen kann. Das Eintippen bleibt einem so erspart.

Alle Daten werden vernetzt. Und das ist erst der Anfang. Hat man bisher Daten gemessen, wird im nächsten Schritt auch über die Diabetestherapie nachgedacht. So hat MySugr eine App entwickelt, die in Zukunft genau berechnet, wie viel Insulin sich ein Diabetiker spritzen soll. Keine ungefährliche Angelegenheit. Sie sei aber bereits vom TÜV geprüft, sagt Westermann. Wann die App gelauncht wird, stehe aber noch nicht fest.

Etwas anderes dafür schon: Die Vermessung von Krankheiten hat erst begonnen. So arbeitet auch Apple (das MySugr eben zu den zehn besten Diabetes-Apps gewählt hat) gerade an einem HealthKit, in dem in Zukunft Daten der verschiedenen Gesundheits- und Fitness-Apps von einem User vereint werden können.

MySugr

Daten. Die App MySugr will Diabetikern helfen, ihre Krankheit besser in den Griff zu bekommen.

Menge. In Zukunft
soll eine App auch berechnen, wie viel Insulin sich ein Diabetiker spritzen soll.

mysugr.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

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