Konjunktur: Den Österreichern geht das Geld aus

Hohe Inflation und steigende Arbeitslosigkeit bei fallenden Reallöhnen. Dazu schwache Investitionen und Exporte sowie eine weiterhin sinkende Sparquote: Österreichs Wirtschaft stockt wieder – und die Menschen spüren es.

Keuschnigg; Aiginger
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Keuschnigg; Aiginger
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS haben ihre Konjunkturprognosen am Donnerstag drastisch gekürzt. Die heimische Wirtschaft wird heuer wohl nur um 0,8Prozent wachsen. Es ist noch nicht einmal drei Monate her, da waren die Institutsleiter Karl Aiginger (Wifo) und Christian Keuschnigg noch von 1,4 bis 1,5 Prozent Wachstum ausgegangen. Bleibt die Frage: Was ist geschehen? Oder besser: Was ist nicht geschehen?

Die optimistischen Annahmen der Wirtschaftsforscher haben sich nicht erfüllt. Noch immer fehlt der Regierung offenbar der politische Wille, die Menschen nachhaltig zu entlasten. Dazu kommt ein Einbruch der Exportnachfrage in Folge der Russland-Sanktionen und einer generellen globalen Konjunkturschwäche, die inzwischen auch die aufstrebenden Schwellenländer erreicht hat.

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(c) Die Presse
 

Weniger Geld im Börsel

Nur zwei Messwerte steigen laut Wifo und IHS weiterhin in Österreich: Inflationsrate und Arbeitslosigkeit. Und während die Zinssenkungen der EZB die Lage für die Staaten etwas entspannt haben, kommen die Bürger derzeit von allen Seiten unter Druck.

Auch heuer werden die Reallöhne wieder sinken (um 0,5 Prozent nach minus 0,3 Prozent im Vorjahr, so das Wifo). Heißt: Nach Abzug von Steuern und Inflation bleibt den Menschen weniger Geld im Börsel. Die Kaufkraft sinkt – und damit auch die Nachfrage. Laut OECD stieg die Abgabenquote für ein durchschnittliches Lohneinkommen seit zwischen 2009 und 2013 um 1,2 Prozentpunkte auf 49,1 Prozent.

Dazu kommt die höchste Inflationsrate in der Eurozone (1,8 Prozent in 2014), die nicht etwa dem Wirtschaftswachstum geschuldet ist, sondern ebenfalls steigenden Steuern und Abgaben – sowie wachsenden Wohnkosten. „Von einer Deflation ist keine Rede“, sagte Wifo-Chef Karl Aiginger. Auch der Arbeitsmarkt sieht düster aus: Nach einer Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent im Vorjahr, befürchtet das Wifo einen Anstieg auf 8,4 Prozent im kommenden Jahr und sogar 8,8 Prozent 2015. Das IHS ist optimistischer und erwartet einen Anstieg auf 8,3 bis 2015.

Fazit Aiginger: „Die Nachfrage fehlt, sowohl in Österreich als auch in der EU. Auch der Export wird uns diesmal nicht retten.“ Denn die Konjunktur schwächelt nicht nur in Österreich. Das IHS rechnet für den Euroraum heuer mit einem Wachstum von 0,7Prozent und mit 1,4 Prozent im Folgejahr. Die Arbeitslosenquote sieht man bei 11,6bzw. 11,3 Prozent.

Besser sieht es in den USA aus, wo die Wirtschaft 2014 um 2,1 Prozent wachsen soll. In Japan, wo die Zentralbank ein brutales Inflationsprogramm fährt, rechnet das IHS mit 1,2 Prozent Wachstum. China wird wohl mit 7,3 Prozent das eigene Wachstumsziel von 7,5 knapp verfehlen. Auch Deutschland wird nur um 1,5 Prozent wachsen. Frankreich stagniert, und Italiens Wirtschaft schrumpft – um 0,2 Prozent. Das drückt die Nachfrage nach Importen aus Österreich. Dazu kommt ein Rückgang der österreichischen Importe nach Russland als Folge der Sanktionen gegen Moskau und nach Südamerika, wo die Leitnation Brasilien schwächelt und Argentinien wieder einmal mit einer Schuldenkrise zu kämpfen hat. Auch der Tourismus dürfte sich heuer schwach entwickeln, so das IHS.

All das bremst auch die Investitionstätigkeit. Die Ausrüstungsinvestitionen werden laut Wifo heuer stagnieren. Für 2015 wird dann ein etwas stärkeres Anspringen mit plus 2,0 (Wifo) bzw. 3,8 Prozent (IHS) erhofft. Voriges Jahr sind die Ausrüstungsinvestitionen um rund drei Prozent geschrumpft.

 

„Entlastung des Faktors Arbeit“

Die schwachen Konjunkturdaten bedeuten auch höhere Defizite. Heuer wird es nach Maastricht-Berechnung wohl minus 2,8 bis minus 2,9 Prozent des BIP betragen. Für 2015 sehen Wifo und IHS trotzdem wieder Grund für Optimismus. Das Wifo erwartet ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent, das IHS ein BIP-Plus von 1,6 Prozent.

Nachdem sie ihre letzte Prognose aber so drastisch korrigieren mussten, knüpfen Aiginger und Keuschnigg sie heuer an Bedingungen. Die Politik müsse endlich tätig werden und die Einkommen entlasten. „Die Konjunkturschwäche ist sehr stark und die Inflation ist höher als erwartet“, sagte Christian Keuschnigg: „Es ist Zeit für Handlungen.“

„Es muss eine deutliche Entlastung des Faktors Arbeit geben. Und diese muss bei den kleineren Einkommen stärker sein als bei den höheren Löhnen“, so Aiginger. Er wünscht sich ein Ende der Blockade innerhalb der Koalition und rasche Handlungen, die sich sobald wie möglich auf den Lohnzetteln der Österreicher bemerkbar machen. „Die Kluft zwischen den Lohnkosten für Unternehmen und den Nettolöhnen sollen ab heuer jedes Jahr sinken“, so Aiginger.

Sonst drohe eine Fortsetzung eines gefährlichen Trends, der sich auch an der sehr niedrigen (und seit fünf Jahren sinkenden) Sparquote von nur noch 5,9 Prozent ablesen lässt: Den Österreichern geht das Geld aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2014)

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