DRASSMARKT/PIRINGSDORF. 80 Kilometer südlich von Wien, in der Nähe von Oberpullendorf im Burgenland, liegt eine idyllische Wiese, auf der Kamille, Disteln und zahlreiche Wiesenkräuter blühen. Hummeln brummen, Bienen summen, und ab und zu springt ein Reh durch die mannshohe Wiese. An einem der nächsten Tage wird ein Häcksler den Saum dieser Wiese roden. Dann wird ein Mähdrescher die Kamillen, Disteln und Wiesenkräuter nieder säbeln. Und im Herbst, wenn alles hübsch gepflügt ist, unterscheidet sich die einstige Blumenwiese äußerlich durch gar nichts vom direkt danebenliegenden Acker, auf dem jetzt im Juli goldblonder Weizen steht.
Kein Wunder: Die malerische Wiese ist nämlich selber ein Weizenfeld. Und mit rund 900 Euro an Bio- und sonstigen Agrarförderungen pro Hektar eine der höchsten subventionierten Ackerflächen Österreichs – egal, ob nur ein Kilo Weizen geerntet wird oder nicht.
Wie man Biobauer wird
Wie ein Lokalaugenschein der „Presse“ ergab, ist jedes zweite bis dritte Feld in dieser Region auf die beschriebene Art nach „biologischer Wirtschaftsweise“ mit Weizen, Mais, Erbse oder Raps bebaut. Was „biologisch“ ist, bestimmen eine EU-Verordnung, das österreichische Lebensmittelbuch (der „Codex“) sowie Tierschutz- und Wasserrechtsgesetz.
All diese Maßnahmen sind in einem 99-seitigen Katalog zusammengefasst, wo unter anderem steht, dass ein Biobauer Unkraut wie Kamille oder Disteln ebenso wenig mit Herbiziden bekämpfen kann, wie er seine Feldfrüchte beim Wachsen mit chemisch-synthetischen Stickstoffdüngern unterstützen darf.
Ein enges Korsett an Vorschriften, das im Interesse der Schonung von Boden, Grundwasser, Flora und Fauna deutlich niedrigere Erträge in Kauf nimmt – und dafür mit höheren Förderungen prämiert. „Das Verhältnis von 600 Euro Förderung pro Hektar bei normalem zu 900 Euro bei biologischem Anbau ist schon realistisch“, heißt es auf Anfrage der „Presse“ seitens der Agrarmarkt Austria, jener öffentlich-rechtlichen Körperschaft unter Aufsicht des Landwirtschaftsministeriums, die für die Vergabe der Agrarförderungen zuständig ist.
Doch wie gesagt: Biolandbau bringt geringere Erträge. Allgemeine Vergleiche sind schwer, aber Agronomen halten es für eine brauchbare Faustregel, dass konventionelle Landwirtschaft in einer Gegend wie jener rund um Oberpullendorf bei günstigem Wetter zehn Tonnen Mais je Hektar erbringen kann. Biologische Anbauweise schafft da nur 800 bis 1000 Kilogramm – sofern das Unkraut nicht schneller ist als der Mais.
Zorn auf die „SS-Bauern“
Und heuer war das Unkraut schneller. Große Hitze und viel Regen ließen Disteln und Kamille sprießen und treiben damit ein Problem auf die Spitze, das seit Jahren die Bauernschaft spaltet. Während die einen buchstäblich täglich am Feld stehen, um Schädlinge und Unkraut schnellstmöglich zu bekämpfen, haben die anderen – also die Nebenerwerbsbauern – oft nur am Wochenende Zeit für ihr Land. Und kassieren üppige Förderungen. „SS-Bauern“ nennt man sie maliziös: das steht für Samstag und Sonntag.
Gerade für Nebenerwerbsbauern ist Biolandbau ideal, lautet die Kritik der Konventionellen. Denn ob auf dem Acker etwas geerntet wird, aus dem man Brot backen oder Biodiesel raffinieren kann, wird nicht kontrolliert. Weder von der AMA, noch von den staatlich autorisierten Kontrollstellen, für deren Dienste die Biobauern je nach Region zwischen 120 und 638 Euro pro Jahr zahlen. Dazu kommen noch Mitgliedsbeiträge, um zu einem der 14.000 Mitglieder im Dachverband Bio Austria zu zählen. Eine hübsche Möglichkeit, über Umwege staatliche Förderungen in die Kassen der Bioverbände fließen zu lassen, ohne in Zeiten steigender Lebensmittel- und Energiepreise tatsächlich zu produzieren, knurren Kritiker hinter vorgehaltener Hand.
„Nicht mundtot machen lassen“
Bio Austria kennt diese Vorwürfe. „Da fragen wir zurück: Wie halten es die konventionellen Bauern, die ja auch Flächenbewirtschaftungsprämie bekommen?“, sagte Lukas Schrattenthaler, Pressesprecher von Bio Austria. Man wolle sich „nicht mundtot machen lassen“, zumal die Biobauern in den letzten 20 Jahren oft als „Spinner“ und „Verweigerer“ punziert wurden. „Und jetzt werden wir angeschossen, weil Bio boomt. Das ist eine Frage der Marktverdrängung.“
Was also sollte man tun, damit die Biobauern gerade in Zeiten der hohen Preise, der Hungersnöte in den Entwicklungsländern und des Biospritbooms ihre Felder produktiv bewirtschaften? „Eine heikle Frage“, heißt es seitens der AMA. „Da sind die Bioverbände gefordert. Es wäre deren prioritäre Aufgabe, für gesunde Produktion zu sorgen.“
„Kamille und Disteln sind natürlich ein Problem“, gibt man bei Bio Austria zu. „Wir müssen beide vor unserer eigenen Tür kehren.“
■Biobauern erhalten mit einer Förderung von 900 Euro pro Hektar Ackerfläche um die Hälfte mehr Förderung als konventionelle Landwirte. Dafür erwirtschaften sie im Schnitt nur etwa ein Zehntel des Ernteertrages.
■Auf vielen Feldern wird jedoch gar kein Getreide geerntet, da das Unkraut zu schnell wächst und die meisten Nebenerwerbsbauern sich zu wenig kümmern können. Kontrolliert wird das Ausmaß der Ernte nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2008)

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