Ölkonzern-Vorsitzender: „Es ist genug Öl da“

Fossile Brennstoffe werden auch im Jahr 2050 zwei Drittel der weltweiten Energie liefern, glaubt Jeroen van der Veer, Vorstands-Vorsitzender des Ölkonzerns Royal Dutch Shell.

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(c) AP (Victor R. Caivano)

Die Presse: Die Konjunktur in den USA und in Europa schwächt sich ab. Warum steigt der Öl- und der Benzinpreis dennoch weiter?

Jeroen van der Veer: Die weltweite Nachfrage nach Energie nimmt insgesamt noch deutlich zu. Der Bedarf steigt vor allem in Asien und im Nahen Osten. Trotz der Preissteigerungen haben wir daher auch im ersten Quartal dieses Jahres mehr Öl verkauft. Aber es gibt derzeit keine Spur von physischer Knappheit. Wenn der hohe Preis für Öl also nicht durch aktuelle Versorgungsengpässe verursacht ist, dann muss es mit der am Markt erwarteten Knappheit zu tun haben. Viele Marktteilnehmer erwarten offensichtlich, dass die Nachfrage nach Öl weiter steigt, die Angebotsausdehnung damit aber nicht Schritt halten kann.

Welchen Umfang hat die Spekulationsblase im heutigen Ölpreis?

Van der Veer: Finanzinstitutionen investieren seit geraumer Zeit verstärkt in Öl-Terminmärkte. An Mutmaßungen über die Folgen möchte ich mich nicht beteiligen. Wir sollten aber nicht zu sehr mit dem Finger auf die sogenannten Spekulanten zeigen. Der Finanzmarkt unterstreicht nur die feste Tendenz am Ölmarkt. Er spiegelt die Nachfrage-Realität wider.

 

Gibt es genug Öl? Wie schätzt Shell die eigenen und die Ölvorräte auf der Welt insgesamt ein?

Van der Veer: Es ist genug Öl da. Wenn ich über die vielen Öltanks, die im Rotterdamer Hafen liegen, fliege, dann sehe ich: Die sind alle gut gefüllt. Es gibt auch keine Warteschlangen an den Tankstellen. Auch auf langfristige Sicht werden wir über ausreichende Mengen an Öl verfügen. Doch lassen sich einige Ressourcen nur mit erhöhtem technischem Aufwand abbauen – etwa Ölsand-Vorkommen in Kanada oder Ölvorräte in der Tiefsee.

Müssen wir angesichts des historisch hohen Ölpreises verstärkt auf die alternativen Energien Wind, Solar, Biomasse und vielleicht verstärkt auf Kernenergie setzen?

Van der Veer: Wir müssen alle Ressourcen mobilisieren, um den steigenden Energie-Hunger stillen zu können, also auch erneuerbare Energien. Aber sie werden konventionelle Energien nicht völlig ersetzen. Ich gehe davon aus, dass Gas, Öl und Kohle auch 2050 noch dominieren und voraussichtlich noch auf einen Anteil von zwei Drittel im Mix der Energieversorgung kommen werden. Wir wollen mindestens eine der erneuerbaren Energien zu einem bedeutenden Geschäft ausbauen. In jüngster Zeit haben wir besonders in Windkraft und Biokraftstoffe der zweiten Generation investiert, weil diese erneuerbaren Energiequellen großes Potenzial haben.

Zur Person

Jeroen van der Veer (60) ist Chef von Royal Dutch Shell, dem zweitgrößten privaten Ölkonzern der Welt. Der Niederländer arbeitet seit 1971 für das Unternehmen, das von Den Haag und London gesteuert wird. Derzeit ist der Konzern an der Börse 126 Mrd. Pfund (159 Mrd. Euro) wert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2008)

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