Den HAAG.Sonnenanbeter mögen sich über die Botschaft freuen. Umweltschützer dürfte sie zutiefst beunruhigen: Die Durchschnittstemperatur in den Niederlanden wird bis Ende dieses Jahrhunderts um 2,5 Grad Celsius höher liegen als im vergangenen Jahrhundert. Im Sommer sind Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius möglich. Oder anders formuliert: Andalusien liegt dann an der Nordsee. Das ist das Ergebnis einer Studie des Königlich Niederländischen Meteorologischen Instituts (KNMI). Darin heißt es auch, dass vor allem der hohe CO2-Ausstoß für die Erderwärmung verantwortlich sei, was nichts Neues ist.
Neu aber ist, dass der Ministerpräsident Jan Peter Balkenende angesichts der KNMI-Studie dazu aufrief, über einen verbesserten Küstenschutz nachzudenken. Denn der Klimawandel hat zur Folge, dass der Meeresspiegel steigen wird. Das ist eine Bedrohung für ein Land, dessen Territorium zur Hälfte unter dem Meeresspiegel liegt und das nur weiterbestehen kann, wenn es effektiven Küstenschutz gegen die Wogen der Nordsee hat. Nur so können die 16 Millionen Niederländer auch in Zukunft trockene Füße behalten.
Neues Land soll entstehen
Der Ministerpräsident fand Gehör. Das Bauunternehmen Van Oord und das Ingenieurbüro Royal Haskoning legten einen ehrgeizigen Plan zum Küstenschutz in den Niederlanden vor. Er sieht vor, dass vor der heutigen Küste neues Land geschaffen und über eine Länge von 250 Kilometern eine zweite Küsten- und Dünenreihe errichtet wird. Dafür, so haben die Experten berechnet, müssten rund vier Mrd. Kubikmeter Sand aus der Nordsee geholt und aufgeschüttet werden. Die neue Küstenlinie müsse dann nach dem holländischen Polder-Prinzip eingedeicht und trockengepumpt werden. Kosten des ehrgeizigen Projekts: 20 Mrd. Euro. Dauer, um es zu realisieren: 25 Jahre. „Das ist machbar“, sagt John van Herwijnen, Chef von Van Oord. „Wir haben das Know How und wir haben vor der Küste von Dubai bereits bewiesen, dass wir das können.“
Vor Dubais Küsten hatten Van Oord und andere niederländische Baggerunternehmen in den vergangenen Jahren die künstlichen Inseln „The Palm“ und „The World“ geschaffen. Warum sollte das, was dort kreiert wurde, nicht auch in der Nordsee möglich sein? Schließlich sind es die holländischen Bau- und Baggerunternehmen, die wohl am besten wissen, wie man Wasser in Land verwandelt. Das ist eine niederländische Spezialität. Dass die Niederlande eine Antwort auf den sich vollziehenden Klimawandel finden müssen, das ist evident. Schließlich gibt es Berechnungen, wonach der Meeresspiegel auch der Nordsee wegen des Klimawandels in 100 Jahren um bis zu 60 Zentimeter steigen könnte. Die bestehenden Deiche und Dämme könnten dem wohl kaum standhalten.
Warnbeispiel Bangladesch
Wie ernst die Lage ist, beschreibt Jürgen Hüholdt in seinem Buch „Klimakrieg“: „Die Sache ist an sich viel ernster. In Bangladesch, wo 80 Prozent des Landes unter dem Meeresspiegel liegen, werden sich die Flüchtlingsströme vergrößern.“ Die Migrationswelle auf der Erde wird wachsen, wenn Dürreperioden anhalten und Überflutungen zunehmen. Durch den Rückstrom von Meerwasser ins Land und in die Flussdeltas nimmt die Versalzung zu. Auf unfruchtbaren Böden wachsen keine Nahrungsmittel mehr. Bangladesch ist das Extrem-Beispiel dafür, was den Niederlanden blühen könnte, wenn das Land den Küstenschutz nicht an die Folgen des Klimawandels anpasst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2008)

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