Wien. Am Mittwoch hatte Boris Nemsic, Boss der Telekom Austria (TA), den Vorstoß seines Betriebsratsbosses Michael Kolek nach einem strategischen Partner für den österreichischen Telekomkonzern noch nicht kommentieren wollen. Am Donnerstag schwenkte Nemsic auf die Linie Koleks ein: Der Konzern sei für Partnerschaften oder einen Zusammenschluss „offen“, um den Wert für die Aktionäre zu steigern und zu expandieren, sagte Nemsic vor Investoren in London, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.
Kolek hatte im Gespräch mit der „Presse“ (20. August) gefordert, dass die TA jetzt aktiv einen Partner „auf gleicher Augenhöhe“ suchen solle, bevor sie von einem Großkonzern geschluckt und zerlegt werde. Jetzt sei es möglich, aktiv mit zu mischen und bei einem Zusammengehen die Bedingungen zu diktieren. Der Gewerkschaftler verwies dabei auf die Konsolidierungswelle, die in der europäischen Telekombranche rollt.
Die Telekom Austria ist – so wie alle anderen Ex-Monopolisten – massiv unter Druck: Das Handy-Geschäft boomt zwar noch, wegen des enormen Wettbewerbs und der von der EU verordneten Senkung von Tarifen für Auslandsgespräche und SMS sinken jedoch die Margen. Gleichzeitig leidet das Festnetz unter einem massiven Kundenschwund – in Österreich waren es im Vorjahr 220.000, bei der Deutschen Telekom rund zwei Millionen. In neue Technologien und die Umrüstung von Kupferkabeln auf Glasfaser müssen aber Milliarden investiert werden.
Die Konzerne suchen deshalb ihr Heil in Fusionen und Übernahmen, um ihre Kosten zu senken. Die Ratingagentur Moody's hat in ihrer jüngsten Analyse behauptet, ähnlich wie in der Luftfahrt dürften auch in der Telekombranche nur vier Große übrig bleiben. Die Telekom Austria wird – so wie Belgacom, British Telecom, KPN, Portugal Telecom, Swisscom, Telecom Italia, TeliaSonera und Telenor – als Übernahmekandidat gesehen.
Einen entsprechenden Anlauf hat France Telecom jüngst – allerdings ohne Erfolg – gemacht: Ihr Übernahmeangebot für die schwedisch-finnische TeliaSonera scheiterte am Preis. Der Deal hätte Europas größten Telekomkonzern hervorgebracht. Als so gut wie sicher gilt, dass die spanische Telefonica die Telecom Italia übernimmt, bei der sie bereits zehn Prozent der Anteile besitzt. Den Spaniern wird auch Lust auf die niederländische KPN nachgesagt. Die Deutsche Telekom wiederum hat sich erst kürzlich bei der griechischen OTE eingekauft. Angeblich haben die Deutschen auch ein Auge nach Österreich geworfen.
Die OTE hatte auch Nesic am Radarschirm – der Deal kam allerdings wegen des Widerstands der griechischen Gewerkschaften nicht zustande.
Chance statt Bedrohung
Eine Fusion mit einem ausländischen Konzern sieht Nemsic mittlerweile „nicht als Bedrohung, sondern als große Chance, um Wachstum und Werte zu schaffen“. Man sollte solche Möglichkeiten immer im Auge behalten, wenn sie Sinn machen. Nemsic gab sich zudem überzeugt, dass der Staatsanteil von 27,4 Prozent, den die ÖIAG hält, für eine mögliche Fusion kein Hindernis darstelle. Der Staat werde endgültig entscheiden, „wenn ein strategischer Partner auftaucht und das für uns Sinn macht“.
Nemsic hat die TA mit einer ehrgeizigen Expansionsstrategie in Ost- und Südosteuropa sehr gut positioniert. Die TA ist inzwischen in Slowenien, Kroatien, Serbien, Kosovo, Mazedonien, Bulgarien und in Weißrussland im Mobilfunk aktiv. Inklusive der österreichischen Mobilkom hat der Konzern 16,5 Millionen Handykunden. Aber das erodierende Festnetz, hohe Anlaufkosten für neue Netze und die höheren Zinsen nagen an den Gewinnen. Im ersten Halbjahr fiel das Nettoergebnis um 18,6 Prozent. An der Börse werden die neuen Töne positiv aufgenommen: Die TA-Aktie, die seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent an Wert verloren hat, legte am Donnerstag um mehr als zwei Prozent zu.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2008)

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