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„Kopernikanische Revolution unserer Weltanschauung“

22.08.2008 | 18:55 |   (Die Presse)

TRILOG. „Global, interdependent und dringlich“ nennt das Abschlussdokument des indischen Soziologen Surendra Munshi vom heurigen Salzburger Trilog die großen Weltprobleme. Und skizziert Auswege.

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Der indische Soziologe Surendra Munshi hat auf Ersuchen der veranstaltenden Organisationen – Bertelsmann Stiftung und das österreichische Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten – zum Abschluss des Salzburger Trilogs 2008 in Manifest verfasst. Im folgenden finden Sie eine gekürzte Fassung dieser von den Teilnehmern noch nicht redigierten Arbeitsgrundlage.

A. ÜBERLEGUNGEN

Bei einer Analyse unserer gegenwärtigen Situation menschlicher Sicherheit zeigte sich ein breiter Konsens der Teilnehmer am Salzburger Trilog 2008 zu wesentlichen Aspekten:

Die Menschheit steht vor vielfältigen Herausforderungen, insbesondere:
a.Die Herausforderung durch den Klimawandel und andere Schäden an der Umwelt, insbesondere für den Artenreichtum und die Biodiversität;
b.Die wachsende Bevölkerung, die bis 2050 voraussichtlich nahezu neun Milliarden erreichen wird, und die größere Nachfrage nach Rohstoffen, die die Schere zwischen steigendem Verbrauch und schwindenden Ressourcen vergrößern und dadurch die kritische Frage der Nachhaltigkeit aufwerfen;
c.Die sich über Nationen und Menschen hinweg stetig vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich und das Problem der andauernden Armut;
d.Die Bedrohung durch Gewalt, die aufgrund des erhöhten zerstörerischen Potentials Tod und Zerstörung von zuvor unbekanntem Ausmaß verbreiten und zufügen kann.
Diese Probleme sind global, interdependent und drängend...
Unsere Antworten auf diese Probleme und die Art und Weise, wie wir ihnen bisher begegnet sind, sind aus mehreren Gründen unzureichend:
a.Der Mangel an inklusivem globalem Denken und globalen Visionen;
b.Das Fehlen klarer globaler Strategien;
c.Unser Versagen, den in der Universellen Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen festgelegten Werten über die verschiedenen Kulturen hinweg gerecht zu werden und auf ihnen aufzubauen. Insbesondere die Grundwerte individueller Würde, Gleichheit und Verantwortung müssen umgesetzt werden;
d.Die Notwendigkeit, angemessene internationale Institutionen weiter zu entwickeln, um den gegenwärtigen Herausforderungen zu begegnen;
e.Die Mängel in der weltweiten Umsetzung von Rechtsstaatlichkeit und in der Beendigung der Straflosigkeit;
f.Die Tatsache, dass, während die Welt immer mehr zusammenwächst, wir in vieler Hinsicht noch in einer geteilten Welt leben.
Wir müssen...verschiedene Visionen dieser Welt entwickeln, die inklusiv sind und die Gesamtheit der Menschheit und die Erde, auf der wir leben, einbeziehen. Nichts weniger ist nötig als eine Kopernikanische Revolution unserer Weltanschauung. Wir müssen eine neue Sprache entwickeln und sprechen, die eine neue Welt für uns erschafft.

Bei der Entwicklung dieser Visionen darf die Vielfalt nicht übersehen werden. Denn sie ist keineswegs ein Hindernis, sondern könnte, aus einem partizipativen Blickwinkel betrachtet, eine Bereicherung bei der Entwicklung eines inklusiven Denkens und einer gemeinsamen Sprache sein.
Wir können quer durch verschiedene Kulturen viel voneinander lernen... Wir müssen uns aus den alten Denkmustern einschließlich des aggressiven Nationalismus befreien, die uns zurückhalten.
Wir müssen uns selbst und unseren Planeten retten. Eine Aufgabe, die mit klarem Denken und überzeugenden Maßnahmen angegangen werden muss. Mit Maßnahmen, die eine immer größere Zahl von Menschen einschließen, besonders junge Menschen. Der Jugend gehört die Zukunft. Ihr müssen wir zuhören und für sie arbeiten. Dies ist die Verpflichtung einer Generation, die erfüllt werden muss.
Wenn die Führungskräfte bei dieser Aufgabe versagen, müssen wir selbst vortreten und auf unterschiedlichen Ebenen Führerschaft leisten, einschließlich in der Zivilgesellschaft und der jungen Generation.
Wir verpflichten uns, Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung auszuschließen, sowie zu Frieden und friedlicher Konfliktlösung auf allen Ebenen, wobei die Werte etwa der Toleranz, des Kompromisses, des gegenseitigen Respekts und der Harmonie respektiert werden.
Die Europäische Union dient verschiedenen Regionen der Welt als Integrationsmodell für das friedliche Zusammenleben von Nationen unter Anerkennung ihrer Vielfalt. Dieses Modell, das auf gemeinsamen Werten fußt, kann an die Bedingungen anderer Regionen angepasst werden.
Die Notwendigkeit, Bildung auf allen Ebenen als Reforminstrument zu nützen, kann nicht genug betont werden.
Das übergeordnete Ziel sollte sein, unter verschiedenen Akteuren (Individuen ebenso wie gemeinsame Einrichtungen) globales Denken zu entwickeln, das ein globales Bewusstsein und einen Weltbürgersinn mit globaler Verantwortung fördert. Bei den Individuen muss hier schon im Kindesalter angesetzt werden.

B. EMPFEHLUNGEN

Dialog muss in verschiedenen Regionen der Welt und auf verschiedenen Ebenen gefördert und verbreitet werden. Wir müssen Partnerschaften, Allianzen und Netzwerke über verschiedene Bereiche und Ebenen hinweg schaffen, und dabei Kunst, Wirtschaft und Politik einbinden, um voneinander zu lernen und Know-how, Technologie und Ressourcen effektiv einzusetzen. Das Potential der Frauen muss voll ausgeschöpft werden. Ihre Stimmen müssen in diesem Dialog auf allen Ebenen, von der lokalen Gemeinschaft bis zu den Vereinten Nationen, und zu allen Themen gehört werden. Nicht nur was gesagt wird, ist wichtig, sondern auch wer spricht.
Das Diskussionspapier und das Gesprächsprotokoll des Salzburger Trilogs sollten breit verteilt werden, vorzugsweise in verschiedenen Sprachen.
Um Wissen und Weisheit zu globalisieren und kollektive Intelligenz zu schaffen, müssen wir von existierenden weltweiten Initiativen lernen und ein Netzwerk schaffen, das es ermöglicht Synergien zu erzielen.
Wir müssen von ausgewählten globalen Denkern lernen und ihnen eine Plattform zur Weiterentwicklung ihrer Ideen im Austausch mit ausgewähltem Publikum anbieten und ermöglichen, diese über verschiedene Kanäle einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Globale Bildung erfordert eine ernsthafte Evaluierung der Curricula in aller Welt, die Komponenten zur Förderung von globalem Denken und Weltbürgertum enthalten müssen...
Zu bestimmten Themen sollten Expertengruppen mit der Aufgabe gegründet werden, detaillierte Analysen und darauf basierende Aktionspläne zu erstellen.
Erneuerbare Energie ist ein entscheidendes Thema, hier müssen neue Möglichkeiten der Förderung und Popularisierung ebenso gefunden werden wie zur effizienten Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele und einem entsprechenden Finanzierungsmodus. Vorgeschlagen wurde dazu unter anderem das Einheben einer geringfügigen Steuer auf Transaktionen an ausgewählten Börsen zu diesem Zweck.
Wir müssen soziale Verantwortung von Unternehmen praktizieren und diese zu einem Instrument positiver Veränderung machen. Dafür müssen entsprechende Grundlagen für eine adäquate Finanzierung geschaffen werden, wie beispielsweise durch Zweckwidmung eines bestimmten Prozentsatzes vom Gewinn.
Bestehende internationale Institutionen sind daraufhin zu untersuchen, wie sie gestärkt und besser koordiniert werden können. Wo es für einen bestimmten Zweck keine internationale Institution gibt, ist zu überlegen, welche Art von internationaler Institution geschaffen werden muss. Vorschläge der Teilnehmer betrafen unter anderem eine ausgewogenere Vertretung im UNO-Sicherheitsrat, Weiterentwicklung des UNO-Umweltprogramms zu einer Weltumweltorganisation und Stärkung der Internationalen Atomenergiebehörde durch Maßnahmen zur Multilateralisierung des nuklearen Brennstoffzyklus... Gefordert wurde auch die Entwicklung eines globalen Informationsmanagementsystems unter Führung der Vereinten Nationen die Einrichtung einer internationalen Behörde für erneuerbare Energie.
Zur offenen Entwicklung und Verbreitung von Ideen im Sinne kollektiver Ownership und geteilter Verantwortung sollte eine Open Source-Plattform gegründet werden. Wir müssen zu öffentlicher Debatte und Teilnahme auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen ermutigen. Aktuelle Fragen wie „Wem gehört die Arktis?“, die Zusammensetzung der G8, das Thema Nachhaltigkeit, das Konzept des Weltbürgertums und die Rolle von Bündnissen müssen öffentlich diskutiert werden...

ZUR PERSON

Der indische Soziologe Surendra Munshi war zuletzt als Professor für Soziologie am Indian Institute of Management, Calcutta (IIMC) tätig. Unter dem Titel „Good Governance, Democratic Societies and Globalization“ hat er die Ergebnisse eines von ihm geleiteten und von der EU-Kommission unterstützen internationalen Projekts zu guter Regierungsführung zusammengefasst. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

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1 Kommentare
ohneland
25.08.2008 09:51
0 0

Habe selten

so einen aufgeblasenen Schmarrn gelesen. In solchen Abstraktionshöhen schwindeln sich nur Leute herum, die hinsichtlich der konkreten Herausforderungen unter totalem Wirklichkeitsverlust leiden. Da singt der Herr Schüssel mit der Außenministerin die Internationale und hält sich für die Vorhut der Zukunft. Das ist ausschließlich peinlich. Die ÖVP wird den lächerlichen Größenwahn ihrer Proponenten teuer bezahlen.

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