wien.Zuerst war es der in rekordverdächtige Höhen kletternde Ölpreis, der die Bilanz der AUA blutrot färbte. Jetzt hat sich die Lage an der Kerosinfront etwas entspannt – aber umso heftiger schlagen die Finanzkrise und ihre fatalen Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu Buche. Die Menschen sparen – es wird weniger in die Ferien geflogen und Geschäftsreisen werden durch Konferenzschaltungen im Internet ersetzt. Die Folge: Rund um den Globus leiden die Fluglinien unter schweren Nachfragerückgängen.
Die AUA bleibt davon nicht verschont, wie die jüngsten Septemberzahlen zeigen: Ein Passagierminus von 3,2 Prozent verheißt nichts Gutes für das Winterhalbjahr, das in der Luftfahrt traditionell schwächer ausfällt. Dass das Jahr 2008 nicht annähernd den zu Jahresbeginn geäußerten Erwartungen entspricht (AUA-Boss Ötsch sprach von einem ausgeglichenen Ergebnis), wusste man schon nach dem ersten Quartal: 60,4 Millionen Euro Minus verschlug nicht nur den Analysten die Rede – es erwischte auch den Investor Scheich Mohamed Bin Issa Al Jaber auf dem falschen Fuß.
Der Milliardär, der der AUA 150 Millionen Euro an frischem Geld für ein Fünftel der Anteile geben wollte, sprang ab, bevor der Deal noch paktiert worden war, weil er sich über die Geschäftslage in die Irre gefühlt führte. Zumal AUA-Boss Alfred Ötsch auch noch bei der Präsentation des Quartalsergebnisses betonte, dass die größten Verlustbringer beseitigt wären und die AUA saniert sei.
Passagierzahlen gehen zurück
Das erste Halbjahr verlief nicht viel besser, unter dem Strich stand ein Verlust von 48,7 Millionen Euro. Schon im Juni war von einem ausgeglichenen Ergebnis keine Rede mehr: Bis zu 90 Millionen Euro Verlust lautete die neue Einschätzung.
Das dritte Quartal ist in der Luftfahrt traditionell das beste – aber mitten in den Privatisierungsprozess, der erst mit dem Absprung des Scheichs in Gang kam – und einen Komplettschwenk weg von der bisher starr verfolgten Alleingangstrategie bedeutete –, platzte die Finanzkrise. Erdöl und Kerosin verbilligten sich zwar rasch, aber noch schneller kühlte die Konjunktur ab. Ötsch zog deshalb vergangene Woche die Notbremse: 100 bis 125 Millionen Euro Jahresverlust lautete die aktualisierte Prognose. Auch diese Zahl dürfte jedoch, wie „Die Presse“ berichtete (18. Oktober), zu niedrig gegriffen sein. Sollte die AUA tatsächlich ihre Flugzeuge neu bewerten müssen, droht sich das Minus auf 150 bis 170 Millionen Euro auszuwachsen.
Das Geld wird knapp
Möglicherweise ist aber auch das nur die halbe Wahrheit: AUA-Präsident und ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis hat überraschend den Aufsichtsrat für Dienstag kommender Woche zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetrommelt. Nicht der Verkauf der AUA, der pikanterweise einen Tag zuvor besiegelt werden sollte, steht auf der Tagesordnung. Sondern die „aktuelle Geschäftsentwicklung“, erfuhr die „Presse“ aus Konzernkreisen. Um die „kaufmännische Sorgfaltspflicht“ zu wahren, müsse man die wirtschaftliche Lage der Fluglinie analysieren, heißt es. Im Klartext: Das Minus könnte heuer die Verluste 2005 und 2006 mit je 130 Millionen Euro noch übertreffen.
Entgegen aller Dementis dürfte die AUA einer Liquiditätskrise entgegensteuern. Jene 370 Millionen Euro, die bei der Kapitalerhöhung Ende 2006 erlöst worden sind, dürften komplett verbrannt sein. Ein Gutteil davon ging in „Golden Hand Shakes“ für jene rund 1000 Beschäftigte auf, die 2007 abgebaut worden sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2008)

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