Die Presse: Im Nachhinein wollen viele die Finanzkrise vorhergesehen haben. Sie treten seit Jahren für eine neue Form der Arbeit ein. Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe für den Kollaps?
Frithjof Bergmann: Der Anstoß zur Krise kam aus meiner Sicht sicher nicht aus der Hochfinanz. Das Problem war vielmehr, dass viele Menschen Kredite und Hypotheken aufgenommen haben, die sie nicht bedienen konnten. Damit wurde den Finanzkonstruktionen der Boden weggezogen.
Das heißt, Sie sehen keine Regulierungskrise, kein Marktversagen?
Bergmann: Nein, ich sehe auch keine Depression oder Rezession. Ich sehe vielmehr den Anbruch einer neuen Epoche. Jahrelang wurde der Wert der Häuser in den USA künstlich hoch gehalten, um die Illusion von Wohlstand auch für die Ärmsten zu erhalten. Jetzt wird mit einem Schlag klar, dass ein Drittel der Gesellschaft nicht mehr vernünftig lebt. Was wir bisher von der Krise gesehen haben, ist erst der Anfang.
Vermuten Sie dahinter einen Systemfehler, oder ist es das simple Verlangen nach mehr Besitz, das zu den Schuldenbergen geführt hat?
Bergmann: Im Grunde ist es kein Problem des Kapitalismus, sondern eines des Arbeitssystems. Obwohl nicht genügend Arbeit vorhanden ist, wurde die Vorstellung verbreitet, dass ein bisschen mehr Konsum reicht, um alle Menschen zu beschäftigen und ihnen eine ansprechende Absicherung zu gewährleisten.
Welche Konsequenzen würden Sie aus der Entwicklung ziehen? Was sind Ihre Gegenvorschläge?
Bergmann: Schon seit Anfang der Achtziger rede ich davon, dass die größte Gefahr das ist, was ich die „Schlachtspaltung“ nenne. Darunter verstehe ich den Konflikt, der sich zwischen den sogenannten „Wüstenmenschen“, jenen 80 Prozent der Menschheit, die unter schlechten Bedingungen leben muss, und den „Oasenmenschen“ anbahnt. Damals habe ich auch das erste „Zentrum für Neue Arbeit“ gegründet (siehe nebenstehender Artikel). Unzählige Projekte in Asien und Afrika sind gefolgt. Kern der Idee ist es, viel in kleinräumigen Strukturen selbst herzustellen und nur wenig Zeit mit normaler Lohnarbeit zu verbringen.
Gibt es schon funktionierende Pilotprojekte?
Bergmann: Im Moment arbeiten wir in Detroit daran, einen ganzen Stadtteil nach dem Konzept der Neuen Arbeit zu gestalten. Sechs Stunden pro Woche arbeiten die Menschen in der Grundwirtschaft, um einfache Sachen selbst herzustellen. Sechs Stunden in normalen Unternehmen, um Geld zu verdienen. Den Rest der Zeit widmen sie sich dem, was sie wollen.
Solche Unternehmen müsste man erst einmal finden.
Bergmann: Die gibt es. Wir versuchen etwa in Detroit ein Auto-werk anzusiedeln, das den Loremo, ein spezielles Auto für Entwicklungsländer, fertigen soll. Und zwar in den benötigten Sechs-Stunden-Schichten.
Propagieren Sie mit dieser Insellösung ein Ende der Adam Smith'schen Idee der Arbeitsteilung?
Bergmann: Nein, ich will die Teilung der Arbeit nicht abschaffen. Ich bin Realist genug, um zu erkennen, dass auch viel Gutes daraus entstanden ist. Ich rede nur davon, dass eine größere Gruppe von Menschen das, was sie zu einem guten Leben braucht, mit vorhandenen Technologien selbst herstellen könnte.
Das klingt ein wenig nach einem Nischenprogramm . . .
Bergmann: Es ist eine Möglichkeit für eine Nische, die im Extremfall 80 Prozent der Menschheit ausmachen könnte. Tatsache ist, dass Menschen in Afrika und Asien viel schneller begreifen, welche Chance sich mit diesem Modell für sie auftut. Österreich hingegen ist global gesehen die Ausnahme der Ausnahmen. Es ist vielleicht der Ort auf der Welt, an dem die alte Wirtschaft am besten überhaupt funktioniert. Hier werden solche Ideen kaum als Alternative wahrgenommen.
An der Kreditkrise hätte aber auch die Neue Arbeit nichts geändert, oder? Solange die Ansprüche gleich bleiben, würden die Menschen ja immer weiter zu Krediten greifen . . .
Bergmann: Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass die Ekstase, das zu tun, was man wirklich will, die Verlockungen der Konsumwelt weit übersteigt.
Amerika hat sich für einen Wechsel entschieden, die Finanzkrise regt viele Menschen an, ihre Überzeugungen infrage zu stellen. Hat die Stunde der Utopisten geschlagen?
Bergmann: Einerseits klar und deutlich: Ja. Die Stunde der Utopisten hat geschlagen. Die Sehnsucht der Menschen ist unübersehbar, Politiker haben viel offenere Ohren für neue Ideen als vor einem Jahr. Andererseits: Nein, weil klar wird, dass die meisten Utopisten keine Antwort auf die drängendsten Fragen haben. Weder die Schaffung neuer Firmen noch lokale Währungen oder die Einführung des Grundeinkommens können die „Schlachtspaltung“ verhindern.
Welches Ziel haben Sie sich mit Ihrer Idee gesteckt?
Bergmann: Ich bin Evolutionär, nicht Revolutionär. Das alte System wird vielleicht für alle Zeiten bestehen. Aber es wird an Einfluss verlieren und für jene, die es verlassen wollen, wird eine funktionierende Alternative bereitstehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)

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