AUA am Boden: 475 Millionen Verlust

Krise. Hohe Abwertungen für die Flugzeuge und Kursverluste von Wertpapieren lassen das Minus auf 400 Mio. Euro anwachsen. Das „Verschenken“ des Staatsanteils an die Lufthansa erscheint so noch günstig.

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(c) APA (ROBERT JAEGER)

wien. Zwei Gewinnwarnungen hat die AUA dieses Jahr bereits abgegeben: Anfang Sommer hieß es, man werde angesichts des steigenden Kerosinpreises bis zu 90 Mio. Euro Verlust machen. Dann sank der Ölpreis, aber die Nachfrage sank infolge der Finanzkrise und der beginnenden Rezession noch schneller. Die Folge war, dass Airline-Boss Alfred Ötsch seine Prognose für 2008 noch einmal nach unten revidieren musste: 100 bis 125 Mio. Euro werde der Abgang ausmachen, kündigte die AUA am 17. Oktober an.

 

Die Meldung kurz vor Vertragsunterschrift

Allerdings waren dabei „Sondereffekte“ nicht eingerechnet. Jetzt, nach einem neuerlichen Kassasturz des AUA-Aufsichtsrats am Donnerstag, zeigt sich, dass auch erste Schätzungen dieser Wertberichtigungen von knapp 100 Mio. Euro („Die Presse“ berichtete exklusiv am 18. Oktober) noch viel zu niedrig waren. Mitten im Endspurt des Privatisierungsprozesses – der Vertrag mit der Lufthansa wird nächsten Freitag unterschrieben – platzt die Bombe: Die notwendigen Abwertungen für Flugzeuge und Kursverluste bei Wertpapieren sowie nicht nutzbare Verlustvorträge stürzen die AUA heuer in einen Rekordverlust von 475 Mio. Euro.

Zum Vergleich: Das ist mehr als die AUA in den Jahren 2001, 2005 und 2006 kumuliert verloren hat. 2007 gab es einen kleinen Gewinn von 3,3 Mio. Euro.
Die Abwertungen werden gut 240 bis 290 Mio. Euro ausmachen, bestätigte Ötsch der „Presse“. Weitere 60 Mio. Euro könnten Kursverluste bei Wertpapieren verursachen. Diese seien aber nicht „cash-wirksam“, versucht Ötsch zu beruhigen. Die kaufmännische Vorsicht und die US-Bilanzierungsmethode IFRS verlange aber diese Wertberichtigungen.

 

Wert der Flugzeuge nimmt ab

150 bis 200 Mio. Euro entfallen auf Flugzeuge. Konkret hat die AUA mit Ende September 2008 ihre Flugzeuge mit 1,796 Mrd. Euro in den Büchern - das sind knapp zwei Drittel ihres gesamten Vermögens. Die Werthaltigkeit der Flotte ist jedoch durch mehrere Faktoren infolge der rasanten Konjunkturabkühlung bedroht: Wenn die AUA wie geplant im Winter Strecken streicht und damit die Kapazitäten reduziert, sinkt der sogenannte Nettogeldfluss.

Die Folge: Der Nutzungswert der Maschinen reduziert sich und die AUA muss den Wert der Flotte massiv abwerten. Negativ zu Buche schlägt sich in diesem Zusammenhang auch der Euro-Dollar-Kurs. Die AUA kalkuliert mit 1,54 Dollar je Euro. Der Kurs liegt derzeit aber bei 1,27 Dollar.
Zusätzlich werden in der Bilanz 90 Mio. Euro schlagend, weil die AUA Verlustvorträge nicht geltend machen kann (Wertberichtigung von aktivierten latenten Steuerabgrenzungsposten).

 

Der Faktor Finanzkrise

Darüber hinaus könnten noch jene Kursverluste negativ zu Buche schlagen, die infolge der Finanzkrise bei Wertpapieren entstanden sind. Die AUA hat gut die Hälfte der 370 Mio. Euro, die sie Ende 2006 aus der Kapitalerhöhung erlöste, in US-Wertpapieren angelegt. Infolge der Finanzkrise haben diese an Wert verloren – 60 Mio. Euro Abschreibung sind kalkuliert.

Laut Aktiengesetz ist bei der AUA damit Gefahr in Verzug. Da das Grundkapital der AUA bei 264,4 Mio. Euro liegt und der Verlust die Hälfte des Grundkapitals übersteigen wird, müsste die AUA unverzüglich eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, um dort ihre Aktionäre zu informieren und Maßnahmen zur Kapitalstärkung zu beschließen. Ötsch sagt, dass dies aber nicht notwendig sei. Die Abwertungen seien nach IFRS notwendig, aber nicht nach HGB. Deshalb sei ein Aktionärstreffen nicht erforderlich. Dies habe man auch von Juristen prüfen lassen.

 

Geld von der ÖIAG

Dennoch braucht die AUA dringend frisches Geld – „wegen der schwierigen Lage auf den Finanzmärkten und um weiteren möglichen Markteinbrüchen vorzubeugen“, hieß es am Freitag. Im Klartext: Da die Banken, bei denen die AUA ohnehin schon mit rund einer Mrd. Euro in der Kreide steht, derzeit nicht einmal gesunden Unternehmen Kredite gewähren, wird die ÖIAG einspringen.

Die Staatsholding, die 41,6 Prozent an der AUA hält, wird der AUA ein Darlehen geben. Die Höhe ist noch offen, aber in AUA-Kreisen wird ein dreistelliger Millionenbetrag kolportiert. Diese Finanzspritze hat allerdings ein Ablaufdatum: Sie soll nur jenen Zeitraum überbrücken, bis die EU den Verkauf der AUA an die Lufthansa und den damit verbundenen Schuldennachlass von 500 Mio. Euro genehmigt hat. Wie berichtet, dürfte dies einige Monate dauern.

 

Geld von der ÖIAG

Dass der Megaverlust bei der Lufthansa einen Schock auslösen und den Deal torpedieren könnte – diese Gefahr sieht man weder bei der AUA noch bei der ÖIAG. „Der Privatisierungsprozess wird durch diese Prognose nicht beeinträchtigt“, gab die AUA bekannt. Lufthansa-Boss Wolfgang Mayrhuber kenne das Zahlenwerk, das im Zuge der vertieften Prüfung (Due Dilligence) offengelegt worden sei. Mit einer Ausnahme: Lediglich der Dollar-Wechselkurs habe sich nochmals deutlich verändert.

Vor diesem Hintergrund wird der „negative Kaufpreis“ – die Lufthansa bietet für den Staatsanteil einen symbolischen Euro und fordert den Schuldennachlass – noch plausibler.

 

Auf einen Blick

■ Die Finanzkrise und die Rezession stürzen die AUA noch tiefer in die Verlustzone. Mitten im Endspurt der Privatisierung muss die AUA hohe Abwertungen von bis zu 290 Mio. Euro eingestehen. Der Verlust dürfte 2008 auf 400 Mio. Euro steigen.

■ Die Wertberichtigungen betreffen die Flugzeuge, die infolge der sinkenden Nachfrage weniger stark ausgelastet sind. Dazu kommen Verlustvorträge, die nicht geltend gemacht werden können, und Kursverluste bei US-Wertpapieren.

■ Der Verkauf an die Lufthansa wird wie geplant durchgezogen.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2008)

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