Wachstumskaiser IKT-Industrie fordert mehr Geld

Kaum hat Infrastrukturminister Stöger das Füllhorn der Breitbandmilliarde geöffnet, werden die Begehrlichkeiten groß. Die Informations- und Kommunikationsbranche hat gute Argumente.

INTERVIEW MIT BM ALOIS ST�GER
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INTERVIEW MIT BM ALOIS ST�GER
ALOIS STÖGER – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wien. Gerade erst hat Infrastrukturminister Alois Stöger (SPÖ) den Ankick für die Vergabe der Breitbandmilliarde gegeben. Der Investitionsturbo soll helfen, Österreich bundesweit bis 2020 mit ultraschnellem Internet zu versorgen. „Das ist sehr gut angelegtes Geld“, sagt Lothar Roithner, Geschäftsführer des Fachverbands der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI). Die Branche mit 270 Unternehmen gilt als die forschungsintensivste in Österreich. Laut Statistik Austria hat der Sektor knapp eine Mrd. Euro in F&E investiert.

Weil Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in den verschiedensten Lebensbereichen – von der Medizin über die Autoindustrie (selbst fahrendes Auto, Elektromobilität) bis zur Energieübertragung (Grid, Smart Meter) und Verkehrstelematik – enorm an Bedeutung gewinnen, will die Industrie die Gunst der Stunde nutzen. „Die Förderung der IKT-nahen Forschung kommt in der ersten Tranche mit 15 Mio. Euro deutlich zu kurz“, kritisiert Roithner im Gespräch mit der „Presse“. Es sei zwar nachvollziehbar, dass vorerst die „Hardware“ – Glasfaser und Leerverrohrung – den Vorrang habe. À la longue müssten in die IKT-nahe Forschung aber mindestens 200 Mio. Euro fließen, betont Roithner.

 

Zuwachs über dem BIP

Er untermauert seine Forderung mit einer neuen Studie, die der FEEI vom Industriewissenschaftlichen Institut (IWI) erarbeiten ließ. Demnach generierten IKT-Unternehmen in Österreich im Jahr 2014 einen Produktionswert von 36,6Mrd. Euro. Im Vierjahresvergleich (die erste Studie stammt aus 2010) bedeutet dies einen Zuwachs von 8,6 Prozent. Im gleichen Ausmaß ist die Wertschöpfung gestiegen. „Das ist deutlich mehr, als Österreichs Wirtschaftsleistung zugenommen hat“, so Roithner. Noch mehr hat die Zahl der Beschäftigten in diesen Bereichen zugelegt – um 18 Prozent auf 290.000.

Bei Leiterplatten und Halbleitern haben heimische Unternehmen weltweit eine Spitzenposition. Die gelte es zu bewahren und auszubauen. So etwa verarbeiten acht der zehn größten Hersteller von Smartphones Leiterplatten aus Österreich, konkret von AT&S.

Roithner hat noch ein weiteres Argument dafür parat, dass er sich für die Branche mehr Mittel wünscht: Durch den Einsatz von IKT könnten Produktivitätszuwächse in fast allen Bereichen der Volkswirtschaft erzielt werden, sei es in der Produktion oder bei Dienstleistungen. „Ein Euro, der direkt in der IKT-Produktion generiert wird, bewirkt indirekt mehr als zwei Euro durch zusätzliche Investitionen.“ Bei den Jobs sei die Hebelwirkung sogar 1:10: Ein Forscher steht zehn Beschäftigten in der Umsetzung gegenüber.

Gerade was die digitale Vernetzung der Industrie („Industrie 4.0“) betrifft, habe Europa erstmals wieder eine Chance: „Dabei sind nicht allein die Standortkosten ausschlaggebend, da geht es um intelligente Lösungen“, sagt Roithner. Der FEEI plant daher zusammen mit dem Infrastrukturministerium die Gründung einer Plattform, die Strategien entwickeln soll.

 

Gewinner und Verlierer

Solche Konzepte verlangt auch das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um den Prozess aktiv zu gestalten. Bei der digitalen Vernetzung der Industrie „wird es Gewinner und Verlierer geben“, sagte HWWI-Direktor Christian Growitsch am Sonntag. Der Wandel erfolge rascher, und es sei unklar, wie die Geschäftsmodelle aussähen. Mit „Industrie 4.0“ würden nicht nur Produktivität und Innovation zunehmen, es erhöhe sich auch der Wettbewerbsdruck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2015)

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