Österreich verliert zweite Generation

Jeder vierte Jugendliche mit Migrationshintergrund hat hierzulande weder Job noch Ausbildung. Der Unterschied zu einheimischen Jugendlichen ist fast nirgendwo in der OECD größer.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Sie sind die große Sorge der Sozialpolitiker auf der gesamten Welt: Jugendliche, die weder einer Ausbildung nachgehen noch einen Arbeitsplatz haben – sogenannte Neets („Not in employment, education or training“). Hält dieser Zustand über mehrere Jahre an, laufen diese Jugendlichen Gefahr, zu einer verlorenen Generation zu werden. Österreich sah sich in diesem Bereich dank dualer Berufsausbildung und niedriger Jugendarbeitslosigkeit bisher immer auf der sicheren Seite. Sieht man sich jedoch spezifisch die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund an, dann zeigt sich, dass Österreich hier ein großes Problem hat, wie eine am Donnerstag veröffentlichte OECD-Studie („Indicators of Immigrant Integration“) zeigt.

Demnach ist hierzulande fast jeder vierte Jugendliche mit Migrationshintergrund ein Neet. Der Unterschied zu den einheimischen Jugendlichen ist innerhalb der OECD nur in Belgien noch größer (siehe Grafik). Besonders problematisch dabei: In nahezu allen anderen Ländern schneiden Jugendliche der sogenannten zweiten Generation (also bereits im Land Geborene) besser ab als solche, die selbst als Kinder ins Land kamen. „Nur in Österreich, Belgien, Finnland und Großbritannien zeigt sich dieses Bild nicht“, schreibt die OECD.

 

Indiz für Integrationserfolg

Doch gerade der Erfolg der zweiten Generation ist das entscheidende Indiz, ob Integrationsbemühungen in einem Land funktionieren, so die OECD weiter. Und hier zeigt Österreich auch in anderen Bereichen Schwächen – etwa beim Schulbesuch. So ist die Rate der vorzeitigen Schulabbrecher in Österreich bei Kindern mit Migrationshintergrund um zehn Prozent höher als bei jenen ohne. Das ist der zweithöchste Wert in der OECD – geschlagen nur von Finnland. Dabei muss Migrationshintergrund nicht automatisch schlechtere Bildung bedeuten, wie der internationale Vergleich zeigt. „Kinder mit Migrationshintergund haben in Kanada, Großbritannien und Israel sogar eine höhere Wahrscheinlichkeit eines Universitätsabschlusses“, schreiben die Studienautoren. In den anderen Ländern sind sie im tertiären Bildungssystem hingegen unterrepräsentiert – vor allem auch in Deutschland und Österreich.

Entscheidend ist dabei laut OECD weniger, woher die Eltern kommen, sondern welchen Bildungsstand sie haben. Und dieser hat sich bei den Zuwanderern in allen Industrieländern aufgrund der Anstrengungen bei der Steuerung der Einwanderung in den vergangenen Jahren verbessert. So hatte zuletzt jeder dritte Zuwanderer in der OECD und jeder vierte in der EU einen tertiären Abschluss.

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Bildung? Aber bitte im Inland

Dies führt dann aber auch zur zweiten Seite der Medaille. So hilft höhere Bildung zwar auf dem Arbeitsmarkt immer – wurde sie im Ausland erworben, ist dieser Effekt jedoch wesentlich geringer. Der Grund dafür: Die Bildungsabschlüsse werden schlicht nicht (genügend) anerkannt. Die Folge ist, dass 42Prozent der hoch qualifizierten Zuwanderer für ihren Job überqualifiziert sind, so die OECD. Dieser Wert ist doppelt so hoch wie bei Zuwanderern, die ihren Abschluss im Inland machten.

Bei der allgemeinen Arbeitslosigkeit weisen Zuwanderer in den meisten Ländern höhere Quoten aus als die angestammte Bevölkerung (siehe Grafik). In klassischen Einwanderungsländern ist dieser Unterschied aber naturgemäß geringer. Dies vor allem deshalb, weil dort der Großteil der Migration aus Erwerbsgründen und weniger aus humanitären Gründen erfolgt, so die OECD. In der EU liegt indes der Unterschied bei der Beschäftigungsquote zwischen erwachsenen Migranten und Inländern bei 15 Prozentpunkten.

Dieser mangelnde Integrationserfolg passt auch zum Gefühl der Diskriminierung. „Das Gefühl, diskriminiert zu werden, ist vor allem in den Niederlanden und Österreich hoch (wo rund ein Drittel der Personen mit Migrationshintergrund das empfindet) sowie in Frankreich und Großbritannien“, so die OECD.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2015)

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