Kulterer: „Mir ist das nackte Leben geblieben“

Über weite Strecken war es eine nette Plauderei. Ex-Hypo-Chef Kulterer erzählte im Hypo-Ausschuss über teure Abendessen, komplizierte Finanzprodukte, über eine Verschwörung gegen ihn – aber wenig Neues.

HYPO-U-AUSSCHUSS: KULTERER
Schließen
HYPO-U-AUSSCHUSS: KULTERER
HYPO-U-AUSSCHUSS: KULTERER – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Wien. Man hatte sich viel erwartet vom gestrigen Auftritt des Wolfgang Kulterer. Es sei „ein wesentlicher Tag für die Aufklärung des Hypo-Desasters“, hat die SPÖ gemeint. Man befrage „das kriminelle Mastermind“ des ganzen Desasters um die Hypo Group Alpe Adria, hat das Team Stronach geurteilt.

Am Ende ist es über weite Strecken eine nette Plauderei mit dem ehemaligen Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank geworden. Mit ein paar interessanten Erkenntnissen: dass Jörg Haider mit halb Kärnten per Du war, dass Mitarbeiter der Bank Finanzprodukte nicht verstanden haben und dass ein Abendessen mit Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer deshalb in Erinnerung geblieben ist, weil der Wein „sauteuer“ war.

 

Sechseinhalb Jahre Haft

Wirklich neue Erkenntnisse konnte man sich von Kulterer eigentlich auch nicht erwarten: Seine Version hatte er in der Vergangenheit schon in mehreren Gerichtsverfahren dargelegt, in denen er sich wegen seines Agierens bei der Hypo verantworten musste (er verbüßt derzeit eine sechseinhalbjährige Haftstrafe und wurde gestern von zwei Sicherheitsbeamten in Zivil zur Zeugenaussage begleitet).

Schon in seinem 20-minütigen Eingangsstatement hat der ehemalige Bankenchef klargemacht, in welche Richtung es geht: Er habe zwar Fehler gemacht, aber „ich habe nie kriminell gehandelt“. Hinter all den Anklagen vermutet er eine Verschwörung. „Bei der strafrechtlichen Verfolgung meiner Person gibt es bedenkliche Vernetzungen“, erklärte Kulterer. Man habe sogar eine PR-Agentur angeheuert, um Dirty Campaigning gegen ihn zu betreiben. Nun müsse er den Kopf für viele hinhalten, auch für Haider. Er sei „der Sündenbock“. „Man wollte den Hypo-Skandal“, sagt er an einer Stelle. Mittlerweile habe er drei Millionen Euro für Anwälte und Gerichtskosten aufgebracht. „Ich habe nichts mehr, mir ist das nackte Leben geblieben. Mir ist egal, was man mir jetzt noch antun wird.“

Ist es ihm dann doch nicht. Er wehrt sich teilweise heftig gegen Fragen, die er als Unterstellung bezeichnet, und trifft Klarstellungen zu Fakten, „die immer falsch dargestellt werden“. Etwa über das Sponsoring des „idiotischen Fußballstadions: Ich war immer gegen den Fußball in Kärnten eingestellt“. Die Bank sei jedenfalls „kein Selbstbedienungsladen“ gewesen, er habe aber einige Projekte auf Drängen der Politik unterstützt – „das tut mir leid“. Weisungen von Politikern habe es nie gegeben.

Zu allen Themenbereichen hatte sich Kulterer hervorragend vorbereitet, konnte mit detaillierten Daten aufwarten und mit vielen Erklärungen.

Nach seinen Ausführungen gab es zwei Gründe für den Niedergang der Bank. Einmal ein lokales Problem: Er konnte in Kärnten keine wirklich guten Manager finden. Und die Gehaltsvorstellungen von internationalen Experten seien inkompatibel mit den Vorstellungen Kärntner Landespolitiker gewesen.

Das zweite Problem: Die Swap-Verluste in Höhe von 300Millionen Euro. Da habe ein Mitarbeiter mit etwas spekuliert, das er nicht verstanden habe. Auch sonst niemand in der Bank. „Die Investmentbanken haben uns über den Tisch gezogen“, meinte Kulterer. Sein Fehler sei gewesen, die Verluste geheim zu halten. Diesbezüglich gab es doch Neuigkeiten: Kulterer behauptete, dass die Wirtschaftsprüfer mitdiskutiert hätten, um die Verluste in der Bilanz unterzubringen. Sie hatten das stets zurückgewiesen. Dass die Prüfer die Testate zurückgezogen hätten und man dies sofort öffentlich machte, wäre „eine brutalste Schädigung der Bank“ gewesen.

Auf den Einwurf eines Mandatars, er, Kulterer, sei für 15Mrd. Euro Schaden für den Steuerzahler verantwortlich, reagiert er ungehalten. „Tschuldigung, des geht ned.“ Der große Schaden sei eingetreten, als er gar nicht mehr in der Hypo gewesen sei. Die Bayern, die für die Bank „einen exorbitanten Preis“ bezahlt hätten, hätten die Kredite pro Monat um 500 Mio. Euro ausgeweitet. Und nach der Verstaatlichung sei die Hypo zur „goldenen Gans für Berater, Rechtsanwälte und Gutachter“ geworden.

Mehrmals waren Treffen mit Gusenbauer ein Thema („Die Presse“ berichtete), an ein Abendessen, bei dem es um „nicht Essenzielles“ gegangen sei, konnte er sich erinnern, weil es so teuer gewesen wäre.

Nach mehr als fünf Stunden wird Kulterer vom Untersuchungsausschuss entlassen. Die zwei Sicherheitsbeamten schleusen ihn über einen Seitenausgang an den Journalisten vorbei, dann geht es zurück in die Justizanstalt Hirtenberg nach Niederösterreich. Rechtzeitig zum Abendessen, das ihm immer um 17 Uhr serviert wird.

AUF EINEN BLICK

Wolfgang Kulterer war von 1992 bis 2006 Vorstandsvorsitzender der Hypo Group Alpe Adria. Nach Swap-Verlusten und dem Vorwurf der Bilanzfälschung musste er zurücktreten, war aber noch bis 2007 als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bank tätig. Er sitzt derzeit eine sechseinhalbjährige Haftstrafe ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2015)

Kommentar zu Artikel:

Kulterer: „Mir ist das nackte Leben geblieben“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen