Arbeitslosigkeit: Ältere Arbeitnehmer als Verlierer

Auf dem Arbeitsmarkt braut sich ein gefährliches Gemisch zusammen. Vor allem die Zahl der älteren Arbeitslosen steigt dramatisch an. Die jüngsten Regierungsmaßnahmen bringen wenig.

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THEMENBILD: ARBEITSMARKTSERVICE AMS – ARBEITSLOSENZAHLEN /ARBEITSLOSE / Bild: (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Wien. Die Älteren sind die großen Verlierer auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigt die am Montag veröffentlichte Statistik des Arbeitsmarktservice. Inklusive Schulungsteilnehmer suchten Ende Oktober in Österreich 410.854 Menschen einen Job. Das sind um 21.699 Personen mehr als vor einem Jahr. Überdurchschnittlich stark gestiegen ist die Arbeitslosigkeit bei Ausländern (plus 14,7 Prozent) und bei Menschen, die älter als 50 Jahre sind (plus 14,5 Prozent).

Der einzige Lichtblick ist die Situation bei den Jugendlichen (15 bis 24 Jahre) – bei diesen stagniert die Arbeitslosigkeit. Besonders viele Arbeitslose haben nur einen Pflichtschulabschluss. Doch auffallend ist, dass zunehmend Akademiker arbeitslos werden. Bei ihnen gab es im Jahresvergleich ein Plus von 18,3 Prozent.

Wie dramatisch die Situation vor allem bei Älteren ist, zeigt ein Langfristvergleich. „Die Presse“ hat dafür vom Arbeitsmarktservice eine Sonderauswertung bekommen. So gab es im Oktober 2007 genau 45.639 Menschen, die älter als 50 Jahre waren und einen Job suchten. Mittlerweile hat sich die Zahl auf 97.645 mehr als verdoppelt (siehe Grafik).

Um dies zu ändern, hat die Regierung in der Vorwoche beim Arbeitsmarktgipfel mehrere Maßnahmen beschlossen. So soll ein Bonus-Malus-System für ältere Arbeitnehmer eingeführt werden. Für Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien ist das jedoch „wenig zielführend“. Die Maßnahmen seien laut Mazal nicht geeignet, um die Zahl der älteren Arbeitslosen substanziell zu reduzieren. „Das neue System führt dazu, dass das Arbeitsrecht noch komplizierter wird“, kritisiert der Experte im „Presse“-Interview.

Gewerkschaften sollen sich ändern

Laut Regierungsbeschluss soll für jede Branche eine Quote berechnet werden. Diese soll festlegen, wie hoch die Beschäftigung älterer Menschen sein soll. Firmen, die diese Quote nicht erfüllen, müssen ab 2018 für jeden Mitarbeiter, den sie kündigen wollen, 236 Euro zahlen. Bislang waren es 118 Euro. „236 Euro werden keinen Unternehmer abhalten, einen älteren Beschäftigten zu kündigen“, sagt Mazal. Firmen, die mehr ältere Beschäftigte haben, erhalten einen Bonus und zahlen künftig weniger in den Familienlastenausgleichsfonds ein – der Anteil an der Lohnsumme reduziert sich um 0,1 Prozentpunkte. „Auch das ist als Anreiz zu wenig“, betont Mazal.

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Der Professor sieht bei älteren Arbeitslosen einen Teufelskreis. Denn die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen, während die physische Leistungsfähigkeit von älteren Arbeitnehmern tendenziell abnimmt. Hinzu kommt, dass ältere Mitarbeiter in vielen Branchen und Unternehmen wesentlich teurer sind als jüngere.

Als Lösung schlägt Mazal eine Verflachung der Gehaltskurve ab einem bestimmten Alter vor. Weiters kann er sich vorstellen, dass ältere Arbeitnehmer eine Reduktion des Lohns um etwa fünf Prozent akzeptieren, wenn sie im Gegenzug für eine gewisse Zeit einen Kündigungsschutz erhalten. Doch das geht nur, wenn die Gewerkschaften ihre bisherige Politik aufgeben, sich auf erworbene Rechte im Gehalt zu konzentrieren, und dafür Beschäftigung ermöglichen. Generell sieht Mazal auf dem österreichischen Arbeitsmarkt einen „tödlichen Cocktail“, der dazu führt, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird.

So senkt ein immer komplizierteres und teureres Arbeitsrecht die Lust auf Investitionen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Verantwortlich dafür sind aber nicht nur Flüchtlinge, sondern es gibt auch einen starken Zuzug aus den osteuropäischen Ländern, vor allem aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Gleichzeitig führen die Anhebung des Pensionsantrittsalters und Restriktionen bei der Frühpension dazu, dass es immer mehr ältere Arbeitslose gibt. Laut Mazal verlagert sich das Erwerbspotenzial immer mehr in Richtung 50 plus, weil die Menschen älter werden. „Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen stagniert auch deswegen, weil diese Gruppe immer kleiner wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2015)

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