Beschäftigung: Was auf dem Jobmarkt schiefläuft

In vielen Ländern sinkt die Arbeitslosigkeit. In Österreich steigt sie dagegen. Schuld daran sind die Bürokratie, zusätzliche Auflagen für Firmen und fehlende Qualifikationen.

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THEMENBILD: ARBEITSMARKTSERVICE AMS – ARBEITSLOSENZAHLEN/ ARBEITSLOSE / Bild: (c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Wien. Am gestrigen Dienstag haben mehrere Länder die jüngsten Zahlen über die Arbeitslosigkeit veröffentlicht. In den meisten europäischen Staaten geht die Zahl der Jobsuchenden zurück. In Deutschland beispielsweise sank die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 24 Jahren. Auch in Italien erreichte die Arbeitslosenrate den niedrigsten Wert seit drei Jahren. In Österreich dagegen verschlimmert sich die Lage von Monat zu Monat. Ende November suchten bei uns 430.107 Menschen einen Job. Das sind um 22.901 Personen mehr als im Vorjahresmonat. Nach nationaler Definition liegt die Arbeitslosenquote bei 9,2 Prozent (plus 0,6 Prozentpunkte).

Dramatisch ist die Situation bei Langzeitarbeitslosen. Die Zahl der Menschen, die seit mehr als zwölf Monaten keinen Job haben, hat sich auf 47.845 verdreifacht.

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In allen wichtigen Branchen hat die Arbeitslosigkeit zugenommen. Allein im Handel gab es ein Plus von 8,1 Prozent auf 50.609 Personen. Zählt man die Schulungsteilnehmer hinzu, sind es sogar knapp 60.000 Menschen. Mit der Pleite der Lebensmittelhandelskette Zielpunkt, wo 2658 Angestellte zur Kündigung angemeldet wurden, verschärft sich die Lage. Gewerkschaften und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) machen für die hohe Arbeitslosigkeit meist die schwache Konjunktur verantwortlich. Doch das stimmt nur teilweise. „Wir haben in Österreich massiv strukturelle Probleme“, sagt Professor Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien.

 

Schlechtes Klima für Firmen

„Bei uns gibt es kein beschäftigungsfreundliches Klima.“ Viele Firmen hätten mit der Abwanderung von Teilbereichen ins Ausland oder mit der Redimensionierung abgewartet, weil sie sich positive Effekte durch die Steuerreform erwartet hätten. „Doch nun ist klar, dass sich die positiven Auswirkungen der Steuerreform in Grenzen halten“, kritisiert Mazal im „Presse“-Gespräch. Neben den hohen Lohnnebenkosten kämpfen die Firmen auch immer mehr mit Vorschriften und Auflagen, die einen immensen administrativen Aufwand verursachen. Ein weiteres Problem sei das österreichische Arbeitsrecht, das in vielen Punkten ungenau sei. „Gleichzeitig gibt es seit Jahresbeginn extrascharfe Kontrollen durch die Behörden. Viele Firmen fragen sich, warum sie sich das in Österreich noch antun“, sagt Mazal.

Auf einen weiteren Punkt weist der Thinktank Agenda Austria hin. Seinen Untersuchungen zufolge finden immer mehr Menschen deswegen keinen Job, weil sie die dafür nötige Ausbildung nicht mitbringen. Trotz Rekordarbeitslosigkeit ist in Österreich im November die Zahl der offenen Stellen im Jahresvergleich um ein Viertel auf 31.021 gestiegen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wird in Österreich seit 2013 die Lücke zwischen der Arbeitslosigkeit und der Rate der offenen Stellen immer größer (siehe Grafik).

Das ist auch für die Agenda Austria ein starker Hinweis für strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt. So gehen in bestimmten Branchen Jobs dauerhaft verloren – etwa durch Abwanderung oder weil im Zuge der Digitalisierung Geschäftszweige schrumpfen oder ganz verschwinden. Ein Beispiel dafür sind die Banken, die in Österreich wegen der Digitalisierung massiv Filialen schließen.

 

Umschulungen für Arbeitslose

Daneben gibt es nach Ansicht der Agenda Austria in Österreich eine immer größer werdende Diskrepanz zwischen gesuchten und vorhandenen Qualifikationen: „Es ist schwieriger geworden beziehungsweise gelingt nicht in ausreichendem Maße, Arbeitnehmer für andere Jobs zu qualifizieren.“

Die Arbeitsmarktpolitik sollte sich daher besonders mit jenen Wirtschaftszweigen beschäftigen, die erheblich von einem strukturellen Wandel betroffen sind. Zu ihnen gehören beispielsweise Sektoren wie der Handel und der Bau. Wer in gefährdeten Branchen den Job verliere, habe nur ein probates Gegenmittel: eine Ausbildung, um in einem anderen Sektor Fuß fassen zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2015)

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