Die große unbekannte Revolution

Die Digitalisierung der Industrieproduktion kommt, daran besteht kein Zweifel. Fraglich ist nur, wann Österreichs Bildungssystem und Unternehmen ausreichend reagieren.

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(c) imago stock&people

Wien. Industrie 4.0 – eine leere Worthülse, die immer öfter durch Medien und Studien geistert, oder doch gelebte Realität? Konkret versteht man unter dem viel bemühten Schlagwort die digitale Vernetzung von Produktionsprozessen: Maschinen, die selbstständig miteinander kommunizieren, autonome Entscheidungen treffen und so zur Optimierung der Wertschöpfungsketten beitragen. Viele Experten erwarten sich von ihr einen Quantensprung in der Produktivitätssteigerung – ähnlich denen, die die Erfindungen der Dampfmaschinen, Elektrizität und IT-Technologie mit sich brachten. Bei richtiger Umsetzung spekulieren die Experten der Boston Consulting Group in ihrer jüngsten Studie gar darauf, dass Österreich hier eine industrielle Vorreiterstellung einnehmen und ausgelagerte Prozesse wieder in die Heimat rückübersiedeln könnte. Vorausgesetzt, man ist auf die Revolution vorbereitet. Die smartesten Roboter nützen dem heimischen Wirtschaftsstandort nichts, wenn es keine Fachkräfte gibt, die sie zu bedienen wissen. Zögerlich eröffnen nun immer mehr Fachhochschulen und Universitäten neue spezialisierte Lehrgänge. Im Sommer startete die TU Wien mit Förderungen des Technologieministeriums die erste österreichische Pilotfabrik, in der an neuen Produktionsverfahren geforscht wird.

Dennoch betont Wilfried Sihn, Geschäftsführer bei Fraunhofer Austria, die Kopflosigkeit der bisherigen Bemühungen: „Jeder sagt, es braucht Änderungen, aber keiner weiß wo.“ Bevor man neue Studienrichtungen ins Leben ruft, sei es nötig, zu evaluieren, welche Spezialisten den Branchen konkret abgehen und was bereits vom Bildungssektor abgedeckt wird. Erst nach dieser Analyse soll die Politik Förderungen ausschütten, so Sihn. „Mit der Gießkanne über alles drüberzugehen ist der falsche Ansatz.“ Der TU-Professor sieht die Antwort auf den internationalen Wettbewerb, in dem asiatische und US-Unternehmen Europa den Rang abgelaufen haben, in einer umfassenden Ausrichtung des Bildungssystems auf die digitale Revolution: „Das muss beim Kindergarten anfangen und beim MBA-Studium aufhören.“

Doch nicht nur bei den Auszubildenden herrscht Aufklärungsbedarf: In einer Umfrage des Automatisierungstechnikers Festo unter 200 Unternehmen gaben 55 Prozent der mittelständischen Industriebetriebe an, noch nie von dem Begriff Industrie 4.0 gehört zu haben. Und wenn er ihnen geläufig sei, so Sihn, bekomme er immer dieselben Fragen gestellt: „Was heißt das für mich? Und wie weit sind wir in Österreich?“ Das lässt sich wohl erst nach der von ihm geforderten Analyse des Ist-Zustands beantworten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)

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