Ein eigener Shop um zehn Euro

Im Geschäft 's Fachl im ersten Bezirk können Kreative ihr eigenes Regalfach mieten und so ihre Produkte verkaufen. Die Fächer waren innerhalb kurzer Zeit ausgebucht.

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Symbolbild Weinregal – imago/UPI

So ganz kann es Christian Hammer noch immer nicht glauben. „Mir läuft deswegen noch immer eine Gänsehaut über den Rücken“, sagt er. Hammer ist das geglückt, wovon jeder Unternehmer träumt. Seine Geschäftsidee hat vom ersten Tag an funktioniert. „Wir waren nach eineinhalb Monaten schon komplett voll. Wir haben auch nie erwartet, dass es so gut ankommt. Das hat uns völlig überrascht“, fügt er hinzu.

Hammer hat mit seinem Geschäftspartner, Markus Bauer, im Herbst das Geschäft 's Fachl im ersten Bezirk am Fleischmarkt eröffnet. Obwohl es auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Kreativgeschäft aussieht, das unter anderem Wein, Biohonig, Handtaschen und Schmuck von Wiener Designern anbietet, unterscheidet es sich von anderen in einer Sache grundsätzlich. Die Produkte, die Hammer und sein Team ausstellen, sind zwar von ihm bis zu einem gewissen Grad kuratiert, letztlich ist er aber davon abhängig, wer sich bei ihm meldet: Hammer und seine Kollegen vermieten nämlich Regalfächer an Kreative, die sich so den Traum vom eigenen (Mini-)Geschäft in Wien leisten können. Wenn sie etwa noch am Anfang ihrer Karriere stehen oder woanders ihr Standbein haben und sich auf dem Wiener Markt erproben wollen.

Zehn Euro kostet ein Fach pro Woche. Hammer und sein Geschäftspartner verdienen an den Mieten und zehn Prozent an den verkauften Stücken. 90 Prozent des Verkaufspreises bleibt beim Produzenten. Die Fächer sind alle ungefähr gleich groß und bestehen aus Obstkisten, die quer aufgestellt wurden. 15.000 dieser Kisten haben Hammer und sein Kollege in einer alten Lagerhalle gefunden, als sie auf der Suche nach passenden Regalen waren – sie haben sofort zugegriffen.

Im Geschäft werden die Kisten nun übereinandergestapelt. 320 dieser Kisten sind derzeit am Fleischmarkt zu finden. Wobei jetzt im Jänner wieder welche frei geworden sind. Die Mietdauer läuft von fünf Wochen bis zu einem Jahr. Eine allein bietet gerade einmal so viel Platz, dass darin mehrere Flaschen nebeneinanderstehen können. Das Fach Nr. 248 gehört etwa dem Weingut Sonnenhügel, das in der Nähe von Retz liegt und nun in Wien einen Jungen Rivaner 2015 und einen Zweigelt Baldur 2013 verkauft. Gleich zwei Fächer, Nummer 327 und 328, gehören der Styrian Culinary Connection. Das sind vier Steirer in Wien, die Gewürze, Pralinen, Essig, Öl und Senf anbieten. Im Fach Nummer 34 stellt Timea Vajkai ihre Armbänder und Produkte aus Paracord aus. Fach 215 gehört Tini-Wini-Hundezubehör, das Fellwesten, Brustgeschirre, Kleider und Spielsachen für Chihuahuas, Rehpinscher und noch kleinere Hunde ausgestellt hat. In anderen Fächern bietet eine junge Modedesignerin ihre Werke an, eine Frau ihre selbst gemachten Notizblöcke, eine andere ihre Taschen aus recyceltem Material. Abgesehen von den Fächern gibt es auch Tischflächen, Kleiderbügel und Bildflächen für Künstler im ersten Stock zu mieten. Der Raum wird auch für Veranstaltungen vergeben. Insgesamt befinden sich zwischen 5000 bis 6000 Artikel in den Fächern.

2000 Artikel in zehn Wochen. Der bunte Mix scheint den Kunden zu gefallen. Nicht nur die Fächer waren innerhalb kurzer Zeit ausgebucht, sondern auch Kunden kamen und kauften ein. „Wir haben in zehn Wochen 2000 Artikeln verkauft. Und das, obwohl uns niemand davor gekannt hat.“

Im Durchschnitt, sagt Hammer, verweilt ein Kunde 30 bis 40 Minuten im Geschäft. Das sei gar nicht so lang. „Bei 320 Fächern macht das pro Fach weniger als zehn Sekunden“, erklärt er. Der 35-Jährige kommt zwar aus der Kreativbranche, hat aber bisher in einem ganz anderen Bereich gearbeitet. Mit seinem 's-Fachl-Geschäftspartner, Markus Bauer, hat er auch die Firma echtleinwand.at, wo Kunden ihre Fotos auf Leinwände drucken lassen können. Zu ihren Kunden zählen dort etwa Schauspieler Sascha Wussow oder der bekannte Fotograf Manfred Baumann.

Die Idee für das 's Fachl ist den beiden Unternehmern daher eher zufällig eingefallen. Im Sommer 2015 sah Hammer eine Fernsehsendung über ein Ehepaar, das versuchte, privat Sachen zu verkaufen. Über eBay, Mietregale etc. „Ich habe mich dann erkundigt, was es für Möglichkeiten in Österreich gibt. Und nichts gefunden“, erzählt Hammer. Drei Tage später war die Geschäftsidee in Planung, im Herbst wurde aufgesperrt.

Seither läuft es. 30 bis 40 Prozent der Kunden seien Touristen, der Rest, sagt Hammer, seien Personen, die auf Individualität achten, auf Nachhaltigkeit. Der Großteil der Kulinarikprodukte im Geschäft sei im Einzelhandel nicht zu finden. Bei den Design- und Handwerksprodukten achtet er darauf, „dass sie mit Liebe gemacht sind“.

Kulinarik schlägt Design. Seine Mieter kommen aus ganz Österreich, auch aus Deutschland. Die meisten haben über Mundpropaganda zu ihm gefunden. „Witzigerweise melden sich nur die, die zu uns passen“, sagt er. Freilich seien auch die Ersten schon wieder gegangen. Auch gebe es Fächer, die nicht den geplanten Umsatz erreicht haben, den sich der Mieter erhofft habe.

„Grundsätzlich verkauft sich Kulinarik besser als Design“, erklärt Hammer. Auch weil Lebensmittel oft schneller gekauft werden als Designstücke. „Wenn jetzt aber jemand eine Tasche um 60 Euro kauft, dann gleicht sich das in Hinblick auf den Umsatz wieder aus“, sagt er.

Was die Mieter ausstellen und wie sie das Fach gestalten, bleibt ihnen überlassen. Auch wenn Hammer und Bauer ein Gestaltungs- und Nachfüllservice anbieten. Umfassende Beratung gibt es nicht. „Wir können zu jedem Produkt zwei bis drei Sätze sagen. Das hat bis jetzt gut funktioniert.“

Da der Start gut geglückt ist, gibt es bereits Expansionspläne. Für 2016 sind 's-Fachl-Geschäfte in einigen Landeshauptstädten geplant. Dann wird sich zeigen, ob die Geschäftsidee auch anderswo auf das gleiche Interesse wie in Wien stößt.

Auf einen Blick

's Fachl. Ein Fach kostet zehn Euro pro Woche, wobei die Fächer umgedrehte Obstkisten sind. Sie sind circa 56 Zentimeter breit und 36 Zentimeter hoch. Abgesehen davon gibt es noch Kleiderbügel (zwei Euro pro Woche), Tischabstellflächen (zehn Euro pro Woche) und Plätze für Bilder (auch zehn Euro pro Woche) zu mieten.

Das Geschäft wurde im Oktober von Christian Hammer und Markus Bauer eröffnet. 2016 will das Duo weitere
's-Fachl-Geschäfte in den Landeshauptstädten aufmachen. Auch ein Onlineshop ist geplant.

Adresse. 's Fachl, Fleischmarkt 16 im Hof, 1010 Wien, Öffnungszeiten 10 bis 19 Uhr (Mo–Fr) und Samstag 10 bis 18 Uhr. www.fachl.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2016)

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