Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Die Wiener Maßschuhmanufaktur Rudolf Scheer & Söhne belieferte schon Franz Joseph. Der zweihundertjährige Betrieb erfreut sich trotz geringer, teurer Produktionsmengen ungebrochener Beliebtheit.

Markus Scheer, umgeben von seinen Mitarbeitern.
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Markus Scheer, umgeben von seinen Mitarbeitern.
Markus Scheer, umgeben von seinen Mitarbeitern. – Die Presse

Betritt man das Gründerzeithaus in der Bräunerstraße Nummer vier im Herzen Wiens, bleibt für einen kurzen Augenblick die Zeit stehen. Nur um sich dann in gemächlicherem Fluss wieder in Bewegung zu setzen. Schweres Sternparkett knarrt beim Eintreten sanft. Luster bescheinen das kunstvoll vertäfelte Entree. An den Wänden hängen Briefe großer Staatsmänner. Daneben in den Vitrinen reihen sich ihre Leisten. Schuhleisten wohlgemerkt. Hier liegen die des deutschen Kaisers Wilhelm neben denen Franz Josephs und Erzherzog Karls in trauter Eintracht beisammen.

Wir befinden uns in der in siebenter Generation geführten Firma Rudolf Scheer & Söhne, ehemals kaiserlich-königlicher Hofschuhmacher Kaiser Franz Josephs. „Viele große Unternehmen saugen sich ihre Geschichte aus den Fingern. Das brauchen wir nicht“, fasst es Daniel Stifter, der Pressechef des Hauses, zusammen und öffnet mit einer gekonnten Handbewegung eine zurückhaltende Tür, die den Blick auf mehr als 4000 Leisten freigibt. Manche so alt wie der 1816 auf der Wiener Praterstraße gegründete und 1866 in die Nähe der neuen Burg übersiedelte Betrieb selbst. Mehr braucht es nicht, um die eben getroffene Aussage zu unterstreichen. Geschichte, Patina, Historie – wie immer man es nennen will – atmet dieses Haus aus allen Ritzen.

Etwas zu viel Patina war es für den heutigen Chef Markus Scheer, als er Anfang der Neunziger als Lehrling in den Familienbetrieb eintrat. Großvater Carl Ferdinand war in seinen Tagen ein Pionier. Einer der ersten Wiener Schuhmeister, der Orthopädie mit Design verwob, der der Maßschuhmanufaktur nach zwei Weltkriegen wieder über die Grenzen Österreichs hinweg Geltung verlieh. Vor Markus' Eintritt hatte die Familie bereits beinahe die Hoffnung aufgegeben, das Unternehmen weiterführen zu können. Die sechste Generation hatte andere Lebenspläne. Die fünfte, Großvater Scheer, sprang kurzfristig wieder ein.

„Entsprechend verstaubt habe ich es vorgefunden“, merkt sein Enkel an. Damals musste er sich selbst mit der Frage konfrontieren, wie zeitgemäß eine Fortführung noch war. Weder das alte Werkzeug noch die hochwertigen Stoffe noch die Fachkräfte seien im früheren Ausmaß verfügbar gewesen, so Scheer. Dennoch entschied er sich dafür. „Den Regeln einer modernen Betriebsführung entspricht das nicht. Ein Controller würde wohl nach drei Tagen aufgeben.“ Doch die Wirtschaftlichkeit seines Betriebs sei de facto nur Rahmen für einen Beruf, der im Kern Hobby ist.


Der Fuß, das unerforschte Körperteil.
Der heute 43-Jährige musste sich von der Pike auf hocharbeiten, in dem veralteten Rahmen behutsam ein neues Team um sich versammeln. Hocharbeiten, das bedeutet in seiner Familie nicht bloß, einen offiziellen Meisterbrief in der Tasche zu haben. Rund vier Jahre dauert eine normale Schuhmacherlehre. Doch: „Der Anspruch der Familie ist höher als der des Gesetzes“, erklärt Scheer schlicht. Neben handwerklichen Fertigkeiten braucht es eine orthopädische und eine psychologische Grundausbildung. Passenderweise erscheint Scheer zur Arbeit stets im Orthopädenmantel. Und er stellt klar: „Nur ein reflektierter Mensch ist imstande, Füße zu verstehen. Nichts außer dem Gehirn spielt ähnlich stark mit dem restlichen Körper zusammen – nur ist dieses besser erforscht.“ Von Schalk ist keine Spur in seiner Stimme.

Die Familie ist auf fast sizilianisch anmutende Weise auf ihren Generationenvertrag eingeschworen, der kompromisslose Qualität über und vor alles stellt. „Hauptsache, die Schuhe passen.“ Der Leitsatz Carl Ferdinands, der noch bis zu seinem Tod im Jahr 2011 hinter seiner Zeitung hervor Aufsicht hielt, hat auch Markus Scheer nie verlassen. Der perfekte Schuh, „innen wie Wolken, außen wie eine Skulptur“, muss über allem stehen. Um dem gerecht zu werden, brauche es mindestens zehn Jahre. Erst dann dürfe man seine Arbeit wahrlich „meisterlich“ nennen.

Acht Schuhmacher arbeiten unter dem Chef auf diese Auszeichnung hin. Nicht die Manufaktur findet sie. Die Bewerber finden die altehrwürdige Schuhmacherei. Viele, viele Bewerber aus allen Berufszweigen sind es, von denen eine auserlesene Zahl auch wirklich hier trainieren darf. Stifter bezeichnet es als ihr hausinternes Postdoc-Stipendium, das Upgrade für den Schuhmacher. Das weitergegebene Know-how hofft man natürlich im Haus zu halten. Markus Scheer plant bereits einige Jahrzehnte voraus. Schließlich hat die Familienhistorie gezeigt, dass die nächste Generation nicht immer geneigt ist, den vorgegebenen Weg zu beschreiten.

300 Schuhe, „plus, minus“, verlassen die Werkstatt pro Jahr. „Eher minus – da sind wir durch's Handwerk beschränkt“, erklärt der Pressechef fast entschuldigend. Für ein Erstpaar, für das zuallererst eine passgenaue hölzerne Leiste angefertigt wird, muss der Kunde rund 5000 Euro und mindestens drei Sitzungen über etliche Monate hinweg einkalkulieren. Dieses Holzmodell wird dann in den riesigen Fundus des Hauses aufgenommen. Theoretisch könnte man anschließend immer neue Schuhe nachbestellen, ohne je wieder das Atelier zu betreten. Doch, so Scheer: „Wir sind kein großer Freund von ,praktisch‘“. Und schließlich lebe die Qualität des Produkts von der Qualität der Kundenbeziehung. Daneben bietet Scheer auch Reparatur und Pflege an – auch für hausfremde Schuhe. „Dabei gehen wir von unserem Qualitätsanspruch nicht herunter. Da kann es sein, dass der Schuh danach besser ist, als er es im neugekauften Zustand war“, sagt Stifter halb scherzend. Man ist geneigt, ihm Glauben zu schenken.

Gearbeitet wird auf Schusterschemeln an niedrigen Werktischen. Inmitten von Barockkommoden, Lüstern, Kachelöfen, unzähligen Fotografien und dem Geruch von Lack, Leim und Leder, die den ersten Stock des Bürgerhauses dominieren. 60 Stunden Handarbeit braucht es, bis in hunderten kleinen Arbeitsschritten so ein Unikat entsteht.

Die Flügeltüren, zu Carl Ferdinands Zeiten streng geschlossen, stehen weit offen. Eine der ersten Handlungen Scheers als frischgebackener Chef war die Öffnung aller Wohnräume für Arbeitszwecke – Patina hin oder her. Wo sich heute feinstes Leder stapelt, war früher das Schlafzimmer der Großeltern. Wo heute die Werkbank des Chefs steht, speiste man zu Mittag, und im ehemaligen Wohnzimmer werden die Maße der Kunden genommen. Licht, Luft und eine familiäre Atmosphäre durchfluten so das gesamte Stockwerk.


Veränderung – aber bitte unmerklich. Auch das Entree, früher ein dunkler Vorraum, in dem man seinen Weg zur Treppe in den ersten Stock ertasten musste, wurde komplett renoviert, erhellt und wird heute von geschultem Verkaufspersonal bespielt. All das ein Tanz auf Messers Schneide. Denn natürlich wollte man die Historie des Orts, den Genius Loci erhalten. Nichts mache seinen Kunden mehr Angst, weiß Scheer, als die Zerstörung des Altgewohnten und Liebgewonnenen.

Seit 2011 hat sich in behutsamen Schritten dennoch einiges in der Bräunerstraße getan. Nicht nur im ersten Stock, auch zu ebener Erde. Das Entree wurde um zwei zugekaufte Geschäftsräume erweitert. Große Glasscheiben zieren die hinzugewonnene Straßenfront. Hinter diesen werden seit rund zweieinhalb Jahren handgefertigte Koffer, Taschen, Gürtel und Galanteriewaren der neu hinzugewonnenen Gürtler- und Taschnermeister des Hauses Scheer ausgestellt. Zehn Jahre Vorbereitungszeit habe man sich für die Aufnahme dieser neuen alten Gewerbszweige genommen. „Normalerweise braucht das eine Generation“, merkt Scheer stolz an.

Und in den ebenfalls renovierten Kellergewölben des Hauses wird seit geraumer Zeit die Tradition des Handwerkstischs wiederbelebt. Unter dem Namen Scheer Essen können Kunden und Freunde des Hauses hier in kleinem, illustrem Rahmen private Diners veranstalten. Oft ist der Chef, der seine Rolle als Verkäufer, Gastgeber und Entertainer perfekt zu beherrschen scheint, selbst zugegen. Die Rede von der gepflegten Kundenbeziehung bekommt da eine neue Tiefe.

Die Essen erfreuen sich großer Beliebtheit. „Auch weil wir Sehnsüchte bedienen“, weiß Scheer. Es sei diese Sehnsucht nach Werten wie Beständigkeit und Verlässlichkeit, die während eines Abends in den Räumen der Werkstatt erfüllt werde. Seine kleine autistische Welt bilde den Gegenpol zum Leben „da draußen“, das immer schneller und gefühlt oberflächlicher und gefährlicher wird. Die Kunden bei einem Essen in seine antitypische Berufswelt eintauchen und sie eine verlorene Zeit wiederfinden zu lassen, ist somit die logische Fortführung des Erfolgsrezepts „Scheer Schuhe“, das seine Kraft aus Tradition schöpft. Bei all dem bleibt Markus Scheer Realist: Die zweihundert Jahre, auf die das Haus heuer zurückblicken kann, „helfen nicht dabei, den morgigen Tag zu überstehen“. Gleichzeitig fügt er, wieder ganz der lockere Geschäftsmann und Entertainer, schmunzelnd hinzu: „Man darf gern kurz einmal beeindruckt sein.“

Die Anfänge

1816 von Johann Scheer auf der Wiener Praterstraße gegründet, stieg die Werkstatt unter seinem Enkel Rudolf zur renommiertesten Adresse für Maßschuhe in ganz Europa auf.

1866 kam man durch einen Umzug in die Bräunerstraße der Hofburg und damit dem adeligen Klientel näher. In dem Gründerzeithaus residiert der Familienbetrieb nach wie vor.

1878 wurde Rudolf der Titel »kaiserlicher und königlicher Hofschuhmacher« verliehen. Zu seinen Kunden zählten neben Franz Joseph der deutsche Kaiser Wilhelm sowie die griechischen und serbischen Könige.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2016)

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