Die Presse: Laut jüngsten Umfragen glauben nur noch sieben Prozent der jungen Österreicher an eine staatliche Pension. Wo bleibt der Aufschrei der Jungen, die Debatte über das schwere Erbe für diese Generation?
Wolfgang Gründinger: Wir sind ja eher eine pragmatische Generation. Glauben wir an keine staatliche Rente mehr, investieren wir eben in private Vorsorge. Ähnlich ist es am Arbeitsmarkt. Normale Beschäftigungsverhältnisse werden durch prekäre Jobs ersetzt. Was machen wir? Wir rebellieren nicht und fordern die Abschaffung der Altersprivilegien, sondern machen eben drei oder vier unbezahlte Praktika.
Seit der Pensionsreform haben unter 35-Jährige ein Viertel weniger Pension zu erwarten als heute. Obwohl sie letztlich die jetzigen und wohl auch ihre eigenen Pensionen bezahlen werden müssen. Wie könnte man das gerechter gestalten?
Gründinger: Das Pensionssystem krankt vor allem daran, dass es vor allem durch Abgaben auf Lohnarbeit finanziert wird. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigungsformen und stagnierender Löhne ist diese einseitige Fixierung auf die abhängige Erwerbsarbeit ein großes Problem. Darum bricht die Finanzgrundlage weg, und wir sind mit steigenden Beiträgen konfrontiert. Ich plädiere für eine Bürgerversicherung, deren Lasten auf mehrere und breitere Schultern verteilt werden. Das würde den Beitragssatz stabilisieren.
Wie wäre dieses Modell finanziert?
Gründinger: Man müsste auch Kapitaleinkommen in die Rentenversicherung miteinbeziehen, etwa Einkommen aus Vermietung. Außerdem müssten künftig alle, also Freiberufler, Selbstständige und Beamte, in die gleiche Versicherung einzahlen.
Heißt das, der Generationenvertrag soll, obwohl er ein unfinanzierbares Pensionssystem und überschuldete Krankenkassen hinterlässt, nicht aufgekündigt werden?
Gründinger: Die Idee des Generationenvertrags ist ja, dass die mittlere Generation für die ältere Generation zahlt. Zurzeit sind aber die meisten, die im erwerbsfähigen Alter sind, gar nicht in den Generationenvertrag einbezogen, weil sie keiner abhängigen Erwerbsarbeit nachgehen. Durch diese Veränderung der Erwerbsstruktur hat sich der Generationenvertrag fast aufgelöst und muss erneuert werden.
Dem könnte man die demografische Entwicklung entgegenhalten. Der Vorwurf an die Jungen lautet ja oft: Selbst schuld, wenn ihr keine Pension mehr bekommt, ihr bekommt ja auch keine Kinder.
Gründinger: Die alternde Gesellschaft wird immer als Todesstoß für die Sozialversicherungsmodelle dargestellt. Das stimmt so nicht, weil es nicht wichtig ist, wie alt die Gesellschaft ist, die den Kuchen bäckt, sondern wie groß dieser im Endeffekt wird. Es zählt nicht die Altersstruktur, sondern die Produktivität der Gesellschaft. Wenn wir das Pensionseintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln und zugleich in Bildung, Forschung und Integration investieren, stellt der demografische Wandel keine Gefahr für die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme dar.
Derzeit frisst das Pensionssystem ein Loch in die Staatskasse. Ist es sinnvoll, dafür Schulden aufzunehmen?
Gründinger: Staatsverschuldung ist nur dann legitim, wenn Investitionen getätigt werden, die in Zukunft Ertrag bringen. Das ist bei Pensionen sicher nicht der Fall.
Also bleibt nur eine höhere private Vorsorge?
Gründinger: Private Vorsorge ist wichtig und richtig, aber nur als Ergänzung zum Umlageverfahren. Ein plötzlicher Umstieg auf ein Kapitaldeckungsverfahren würde die junge Generation nämlich doppelt belasten. Sie müsste nicht nur die heutigen Pensionen finanzieren, sondern sich zudem auch ihre eigene Altersversorgung aufbauen.
Schwierig, denkt man daran, dass man bis 40 selten genug verdient, um sich eine Privatpension zu leisten. Das Geld kommt erst im Alter.
Gründinger: Auch hier sieht man: Es braucht einen Aufstand der Jungen. Nicht gegen die Alten, sondern gegen ein unfaires System. Es ist ungerecht, wenn Jüngere, die die gleiche Arbeit leisten wie Ältere, weniger verdienen und schlechter abgesichert sind. Ich setzte da auf die Antidiskriminierungsrichtlinie der EU. Eine Abschaffung des Senioritätsprinzips ginge auch nicht per se zulasten der Alten. Wer heute mit 50 arbeitslos wird, findet kaum einen Job, weil er zu teuer ist. Stattdessen erleben wir eine Frühpensionskultur, finanziert von der jungen Generation. Ein neues Systems würde allen Generationen helfen.
Das hieße auch, jeden Kollektivvertrag neu schreiben?
Gründinger: Daran führt auf Dauer kein Weg vorbei.
Ihr jüngstes Buch trägt den Untertitel: „Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können“. Zündstoff wäre vorhanden, von einem „Aufstand der Jungen“ ist aber nichts zu sehen. Hier argumentieren Jugendvertreter der Parteien ähnlich wie ihre älteren Parteikollegen.
Gründinger: Die Psychologie der Generationen ist auf ein Miteinander ausgelegt. Alt und Jung verstehen sich auf persönlicher Ebene so gut wie nie zuvor. Auf gesellschaftlicher Ebene nehmen Verteilungskonflikte zu. Wenn wir begrenzte Gelder zur Verfügung haben, muss man immer drastischer fragen, wohin diese Gelder gehen. Gehen sie in außerplanmäßige Pensionserhöhung und in die Subventionierung der Altersteilzeit? Oder gehen sie in Bildung und Kinderbetreuung? In einer Gesellschaft, in der jeder dritte Wahlberechtigte Pensionist ist, fürchte ich, dass diese Verteilungskämpfe nicht zugunsten der Jungen ausgehen werden.
Und dennoch halten sich die Jungen aus der Debatte raus.
Gründinger: Wir sind eine politische Generation, aber wir haben gelernt, dass wir ohnmächtig gegenüber der Politik sind. Jugendbeteiligung ist meist nicht ernst gemeint. Würden die Jugendlichen wirklich ihre Stimme erheben, bekämen die Politiker Angst, weil Jugendliche alles sofort und radikal wollen.
Wie bringt man eine desillusionierte Generation Praktika auf die Straße? Soll sie dort überhaupt hin?
Gründinger: In Deutschland waren zuletzt 300.000 Jugendliche beim Bildungsstreik. Die Ministerin fand das „irgendwie von gestern“. Damit zerstören sich die Parteien selbst. Viele Junge suchen ihre politische Zukunft lieber außerhalb des Parlaments. Die Politik sagt ja selbst, sie kann nichts lösen. Na gut, dann mischen wir uns woanders ein.
■Wolfgang Gründinger (25) gilt als „Stimme der Jungen“ in der Debatte um mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen.
■ Der deutsche Politik- und Sozialwissenschaftler ist Mitglied im Think Tank 30 (tt30) des Club of Rome, Vorstandsmitglied in der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und Buchautor.
■ Zuletzt erschienen: „Aufstand der Jungen – wie wir den Krieg der Generationen verhindern können.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2009)

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