Teuerung: Österreich leidet unter staatlicher Inflation

Wasserversorgung, Müllabfuhr, Abwasser: Die Gebühren steigen in Österreich seit Jahren viel schneller als in Deutschland. Eine Lösung ist nicht in Sicht. „Es wird in stillem Einverständnis einfach ignoriert“, sagt Wifo-Chef Karl Aiginger.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Österreich und die Teuerung: Seit Jahren liegt die Inflationsrate hierzulande deutlich höher als im Durchschnitt des Euroraums. Besonders bemerkenswert: Auch im Vergleich zu Deutschland kann Österreich eine kontinuierlich höhere Inflationsrate aufweisen – in der Regel steigen die Preise in Österreich um 0,5 bis 0,6 Prozentpunkte rascher als in Deutschland.

Im vergangenen Jahr lag die Inflationsrate in Österreich laut Statistik Austria bei 0,8 Prozent – in Deutschland aber nur bei 0,1 Prozent und im Euroraum insgesamt sogar bei null Prozent.

 

Wasser fast 40 Prozent teurer

Einer der wichtigsten Gründe für die Diskrepanz: die Preisgestaltung von Bund, Ländern und Gemeinden. „Der öffentliche Sektor spielt eine große Rolle“, sagt Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Steuern, Abgaben und Gebühren steigen in Österreich seit zehn Jahren viel rascher als im Nachbarland. Aktuelle Zahlen des Wifo, die der „Presse“ vorliegen, belegen das eindrucksvoll. So sind die Kosten der Wasserversorgung in den vergangenen zehn Jahren in Österreich um 39,4 Prozent angestiegen – in Deutschland aber nur um 16,6 Prozent. Der Unterschied: 22,7 Prozentpunkte. Noch ärger ist die Diskrepanz bei der Müllabfuhr. Diese hat sich in Österreich seit 2005 um 36,9 Prozent verteuert. In Deutschland sind die Preise aber bloß um 4,2 Prozent gestiegen. Unterschied: 32,6 Prozentpunkte. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Abwassergebühren – Österreich: plus 35,9 Prozent, Deutschland: plus 12,4 Prozent, Differenz: 23,5 Prozentpunkte.

Nimmt man alle Steuern, Abgaben und Gebühren zusammen, relativiert sich das Bild leicht und der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland schrumpft, da auch beim großen Nachbarn viele Preise und Steuern angehoben wurden. Insgesamt sind die vom Staat „administrierten Preise“ seit 2005 in Österreich um 21,3 Prozent gestiegen, in Deutschland um 15,3, was eine Differenz von sechs Prozentpunkten ausmacht.

Allein im vergangenen Jahr sind die „administrierten Preise“ in Österreich um 2,5 Prozent gestiegen, also doppelt so schnell wie das übrige Preisniveau. Das dürfte sich auch in den kommenden Jahren nicht ändern, wenn die Inflationsrate generell wieder anziehen soll. Das Wifo geht für 2016 von 1,2 Prozent und für 2017 von 1,8 Prozent Inflation aus. Das Institut für Höhere Studien (IHS) ist noch „optimistischer“ und liegt um jeweils 0,1 Prozentpunkte darüber.

 

Heuer steigende Reallöhne

In der Politik gibt es für das Problem der staatlich erzeugten Inflation bisher kein Bewusstsein. Im Gegenteil, sagt Wifo-Chef Aiginger: „Das ist in Österreich ein nicht beachtetes Problem. Es wird in stillem Einverständnis einfach ignoriert.“

Freilich: Auch wenn die staatliche Inflation in Österreich besonders hoch ist – für die Diskrepanz zu Euroraum und Deutschland ist sie nicht allein verantwortlich. Dass die Mieten und die Preise in Tourismus und Gastronomie hierzulande besonders stark steigen, dürfe man nicht außer Acht lassen, sagt Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker. „Aber natürlich gibt das zu denken. Wie schaffen es die Deutschen, in der öffentlichen Verwaltung immer günstiger zu sein als wir hier in Österreich?“

Die Inflationsrate hat auch eine direkte Auswirkung auf die Kaufkraft der Österreicher, also auf die realen Nettolöhne. Diese sind im vergangenen Jahr dank der grundsätzlich niedrigen Inflation zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder leicht gestiegen. Auch heuer wird die Kaufkraft dank der Steuerreform noch einmal ordentlich anziehen. Aber schon 2017 sollen die Reallöhne wieder sinken.
Der Grund? Die Inflation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)

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