Welchen Beruf Österreichs Politiker hatten

40 Prozent der politischen Führungskräfte kommen aus dem öffentlichen Sektor, aber nur etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen arbeiten im Staatsdienst.

Austria's Chancellor Kern stands next to Vice Chancellor Reinhold Mitterlehner as he delivers a speech in the parliament in Vienna
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Austria's Chancellor Kern stands next to Vice Chancellor Reinhold Mitterlehner as he delivers a speech in the parliament in Vienna
Einst Manager, jetzt Bundeskanzler: Christian Kern bei seiner Rede im Nationalrat. – REUTERS

Mit der Kür von Christian Kern zum neuen Bundeskanzler kam das große Aufatmen. „Endlich ein Manager aus der Wirtschaft“, hieß es da, und es war einerlei, dass Kerns Managerkarriere sich ausschließlich in staatsnahen und staatlichen Unternehmen – sprich Verbund und ÖBB – abgespielt hatte. Die Betonung liegt auf Manager. Und unterschwellig lautet die Botschaft: Unsere Politiker haben sich von der echten Lebens- und Arbeitswelt so weit entfernt, dass allein der Umstand eines Quereinsteigers als Befreiungsschlag empfunden wird.

Anlass genug, um sich die Berufskarrieren heimischer Politiker vor ihrem Einstieg in die Politik näher anzusehen. Welche Berufserfahrung haben die knapp 750 Mandatare und Regierungsmitglieder gesammelt, die in Landtagen, National- und Bundesrat sowie im Europaparlament tätig sind? Das Ergebnis ist ernüchternd, teilweise überraschend und manchmal auch ziemlich skurril.

Ernüchternd ist vor allem der Umstand, dass sich die Berufskarrieren von Politikern grundlegend von jenen in der Bevölkerung unterscheiden. So sind zwar 76 Prozent der knapp 4,15 Millionen Erwerbstätigen in diesem Land in der Privatwirtschaft beschäftigt. Aber nur 30 Prozent der Politiker haben Erfahrungen als Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft gesammelt.

Und selbst diese 30 Prozent sind mit großer Vorsicht zu genießen. Denn als „Privatwirtschaft“ gelten natürlich auch Parteien und NGOs. Allein im Wiener Landtag haben fast 17 Prozent der Mandatare ihren Weg in den Plenarsaal über eine Anstellung in ihrer Partei gefunden.

Auch wenn man sich hierzulande oft wie in einem Beamtenstaat fühlt, in der Arbeitswelt machen Beamte und Vertragsbedienstete lediglich zehn Prozent aller Erwerbstätigen aus. Im Vorjahr waren es exakt 419.999 Personen, die laut Statistik Austria im öffentlichen Dienst gearbeitet haben.

Allerdings kommen vier von zehn Politikern in Österreich aus dem öffentlichen Bereich. Den absoluten Rekord hält dabei der burgenländische Landtag, dort haben mehr als 67 Prozent ihre politische Karriere vom Staatsdienst aus gestartet. Immerhin 13 Prozent der Landespolitiker im sonnigsten Bundesland sind Lehrer (gewesen). Allen voran SPÖ-Landeshauptmann Hans Niessl.

„Der Bundestag ist mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer“, kalauerte einst der deutsche FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff. Der Satz kann in Österreich nur auf das Burgenland umgemünzt werden. Insgesamt sind weniger als sechs Prozent der heimischen Mandatare und Regierungsmitglieder aus dem Klassenzimmer in den Plenarsaal gewechselt.

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Da sind die Bauern schon viel dominanter. Gerade einmal 2,5Prozent der werktätigen Bevölkerung sind Landwirte, aber mehr als sieben Prozent der politischen Elite wird – größtenteils – vom Bauernbund gestellt. Mit anderen Worten: Der Bauernstand hat in der Politik dreimal so viel Präsenz wie ihm wirklichen Leben. Im niederösterreichischen und im Tiroler Landtag sind sogar mehr als 15 Prozent der Abgeordneten Landwirte.

Nur die Freiberufler sind noch stärker überrepräsentiert. Sie machen immerhin 6,4 Prozent der Politiker, aber lediglich 1,6 Prozent der Erwerbstätigen aus.

Viele Selbstständige. Dass hierzulande mehr Bauern in den Parlamenten als auf den Feldern unterwegs sind, mag nicht wirklich überraschen. Bemerkenswert ist hingegen, dass fast 14 Prozent der Politiker als Selbstständige tätig waren oder sind. Aber nur 7,3 Prozent der Erwerbstätigen sind ihre eigene Chefin, ihr eigener Herr.

Während aber bei den Bauern die politische Überpräsenz sich auch tatsächlich positiv für die Landwirte auswirkt – man erinnere sich nur, wie schnell nach den Frostschäden Steuergeld lockergemacht wurde –, dürften viele Unternehmer in den Parlamenten dem Unternehmertum in diesem Land nicht sonderlich zuträglich sein. Das soll wiederum die Hoffnung vieler Unternehmer nicht trüben, die sich mit dem Manager Kern auch mehr Engagement für den Wirtschaftsstandort wünschen. Aber die Ausrede, es seien zu wenig Selbstständige in der Politik, ist statistisch eindeutig widerlegt.

Ost-West-Gefälle. Andererseits kann „selbstständig“ und „Privatwirtschaft“ vieles bedeuten, vor allem in einer Statistik. Der ausgeschiedene Bundeskanzler arbeitete vor seinem Eintritt in die Wiener Landespolitik bekanntlich als Taxifahrer, mit Christian Kern folgt ihm einer aus dem Staatskonzern ÖBB nach. Dabei herrscht bei der SPÖ an Staatsdienern wahrlich kein Mangel. 57 Prozent der SPÖ-Mandatare kommen aus dem öffentlichen Sektor. Das ist verglichen mit allen anderen in den Parlamenten vertretenen Parteien einsame Spitze.

 

Übrigens: Je tiefer in den Osten, umso mehr „beamtete“ Politiker, könnte man sagen. Der Vorarlberger Landtag ist ohnehin das einzige Gremium, in dem die Privatangestellten die größte Gruppe stellen. In Salzburg und Tirol sitzen die Selbstständigen und Freiberufler zumindest auf Augenhöhe mit den öffentlich Bediensteten im Landtag.

Fazit: Zumindest statistisch betrachtet liegen zwischen Politikern und Bürgern Welten – Arbeitswelten.

Arbeitswelt

Politiker. „Die Presse am Sonntag“ recherchierte den beruflichen Werdegang von knapp 750 österreichischen Politikern, bevor sie ein politisches Mandat auf Landes-, Bundes- oder EU-Ebene ausübten.

40 Prozent der politischen Elite startete ihre politische Karriere aus dem öffentlichen Dienst. Als „öffentlich“ stufte „Die Presse“ auch Anstellungen bei den Sozialpartnern ein.

Sechs Prozent der Politiker waren in einer Partei oder Vorfeldorganisation angestellt, bevor sie Volksvertreter wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2016)

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