Wien. OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer gerät ins Visier der Justiz. Laut „Presse“-Informationen hat die Finanzmarktaufsicht (FMA) die Ermittlungen gegen den Manager wegen umstrittener Aktienkäufe vorerst abgeschlossen. Doch das Ergebnis dürfte Ruttenstorfer nicht gefallen. Denn die Börsenaufsicht hat den Konzernchef bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. „Bei uns ist der Sachverhalt am 4. August eingelangt“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Justiz will nun die Vorwürfe genau prüfen. In der Causa geht es um den Missbrauch von Insiderinformationen nach Paragraf 48 des Börsengesetzes.
Ruttenstorfer bestreitet Vorwurf
Wie die „Presse“ Ende April berichtete, hatte Ruttenstorfer am 23. März 2009 für rund 620.000 Euro OMV-Aktien erworben. Am selben Tag sagte Ruttenstorfer in einem Zeitungsinterview, sein Konzern werde den 21,2-prozentigen Anteil am ungarischen MOL-Konzern bis zum Jahresende halten. Nur eine Woche später, am 30. März, jedoch verkaufte OMV die Beteiligung an MOL. Nach der Transaktion ist der Aktienkurs von OMV gestiegen. Ruttenstorfer bestreitet den Vorwurf des Insiderhandels. Er habe sich an alle gesetzlichen Vorgaben gehandelt.
In einer Stellungnahme an die FMA erklärte Ruttenstorfer, er habe die OMV-Aktien nicht zu Spekulationszwecken erworben, sondern als Teil eines neuen Incentive-Programms (Prämien für Mitarbeiter) für die OMV-Führung. Eine OMV-Sprecherin bekräftigte auf „Presse“-Anfrage erneut diese Haltung. Es gilt die Unschuldsvermutung. Laut Gesetz drohen einem „Primärinsider“ bis zu fünf Jahren Haft, falls er durch unerlaubten Aktienhandel einen Vermögensvorteil von mehr als 50.000 Euro erzielt.
Verhandlungen über Zukauf
Für Ruttenstorfer kommen die Vorwürfe zur Unzeit: OMV gab am Mittwoch bekannt, unter Umständen die Mehrheit am türkischen Tankstellenbetreiber Petrol Ofisi zu übernehmen. Dazu sei das Unternehmen in Verhandlungen mit dem Haupteigentümer von Petrol Ofisi, der türkischen Dogan Holding, eingetreten. Die Holding besitzt 54,17 Prozent am Tankstellenbetreiber.
An der Börse in Istanbul wird der Anteils mit 1,4 Mrd. Dollar (970 Mio. Euro) bewertet. Analysten vermuten, dass die türkischen Investoren von den Österreichern aber einen um 30 Prozent höheren Preis verlangen werden. Petrol Ofisi betreibt 3200 Tankstellen und ist in der Türkei mit einem Marktanteil von 30 Prozent Nummer eins.
Im Großkundengeschäft, das die Treibstoffversorgung für die türkische Industrie umfasst, liegt der Marktanteil bei 48 Prozent. Gelingt die Übernahme, wäre dies der zweitgrößte Zukauf von OMV.
2004 hatten sich die Österreicher für 1,5 Mrd. Euro die Mehrheit an der rumänischen Petrom gesichert und waren damit nach eigenen Angaben zum größten Ölkonzern in Mittel- und Südosteuropa aufgestiegen.
Ruttenstorfer sagte, es gebe bei den Verhandlungen mit Dogan keinen Zeitdruck. Auch die Fortführung der jetzigen Partnerschaft sei als Ergebnis der Gespräche möglich.
OMV hatte 2006 bereits 34 Prozent an Petrol Ofisi erworben und seitdem den Anteil auf 41,58 Prozent erhöht. An der Istanbuler Börse legte die Aktie des Tankstellenbetreibers am Mittwoch um mehr als zehn Prozent zu.
Analyst Hasan Sener von Oyak Securites sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Dogan Holding, die in Rechtsstreitigkeiten wegen einer Steuernachzahlung steckt, könnte das Geld gut gebrauchen. Der von Aydin Dogan gegründete Konzern ist vor allem in der Medienbranche tätig. Mit den Massenblättern „Hürriyet“, „Milliyet“ und weiteren Zeitungen produziert die Holding fast vierzig Prozent der türkischen Tageszeitungsauflage.
Dogan kämpft gegen Fiskus
Vergangenen Februar wurde Dogan zu einer Steuernachzahlung von fast einer halben Milliarde Euro aufgefordert. Die türkischen Behörden werfen dem Investor Steuerhinterziehung beim Verkauf von Anteilen an der Fernsehsparte an den Axel-Springer-Verlag vor einigen Jahren vor.
Dogan wehrt sich. Seiner Ansicht nach sei der Zahlungsbescheid vom Fiskus politisch motiviert, da seine Zeitungen kritische Berichte über den türkischen Ministerpräsident veröffentlicht haben.
Ruttenstorfer nannte strategische Gründe für den Zukauf. „Die Türkei ist für uns eine strategische Brücke zu den großen Gas- und Ölförderregionen dieser Welt.“ Das Land am Bosporus sei ein wichtiges Transitland für die acht Mrd. Euro teure Erdgaspipeline „Nabucco“. Die Kriegskasse von OMV ist nach dem Verkauf des Aktienpakets an Mol prall gefüllt. Der Konzern hatte dafür 1,4 Mrd. Euro erhalten.
Wie bei internationalen Wettbewerbern in der Branche ist das Ergebnis von OMV wegen des niedrigeren Ölpreises und geringerer Raffineriemargen im ersten Halbjahr zurückgegangen. Die Erlöse sanken um 35 Prozent auf 8,4 Mrd. Euro. Der Periodenüberschuss nach Minderheiten schmolz um 84 Prozent auf 185 Mio. Euro zusammen.
In einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC sagte Ruttenstorfer, er erwarte in der zweiten Jahreshälfte höhere Gewinne.