Luxemburg. Die hohen Kollektivvertragsabschlüsse in Österreich, Deutschland und Frankreich hinterlassen just in dem Moment ihre Spur in der Statistik, in der mehr und mehr Europäer ihre Jobs verlieren, weil ihre Arbeitgeber zu wenige Aufträge bekommen. Laut Bericht des EU-Statistikamtes Eurostat stiegen die Arbeitskosten pro Stunde in den 16 Ländern der Eurozone zwischen dem zweiten Quartal 2008 und derselben Periode des heurigen Jahres nominal (also unter Nichtberücksichtigung der Inflation) um vier Prozent. In der gesamten EU betrug der Anstieg 3,7 Prozent.
Am stärksten war der Anstieg mit 15,5 und 11,7 Prozent in Rumänien und Bulgarien, was allerdings wenig verwunderlich ist, weil die Arbeitnehmer in diesen Staaten den niedrigsten Verdienst in ganz Europa haben.
Hochlohnländer treiben Kosten
Erstaunlicher waren die starken Steigerungen der Arbeitskosten in Hochlohnländern wie Finnland, Deutschland und Österreich, die bei 8,6 Prozent, 5,5 und 5,3 Prozent lagen. Zumindest in Deutschland sei das mit den hohen Tarifabschlüssen im öffentlichen Dienst zu erklären, sagte Marcus Kappler, Konjunkturforscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, zur „Presse“. „In Deutschland hatten wir jahrelang eine sehr starke Lohnzurückhaltung. Das wurde zu Jahresbeginn teilweise korrigiert.“
Auch in Österreich setzten die Gewerkschaften im vergangenen Jahr noch ziemlich üppige Erhöhungen der Kollektivverträge durch, weil die Basis für die Verhandlungen der Sozialpartner die jeweils zurückliegende wirtschaftliche Entwicklung ist.
Fürs Erste werde es solche hohen Abschlüsse nicht mehr geben, sagte Kappler. „Bei einer länger anhaltenden Krise sind die Bedingungen für solche Entwicklungen ungünstig. Solche Steigerungen werden wir vorerst nicht mehr sehen.“
Im Gegenteil: Es ist in Westeuropa mit einem Sinken der nominalen Löhne und Gehälter zu rechnen, denn in immer mehr Unternehmen verzichten die Arbeitnehmer aus Angst vor dem Jobverlust auf Teile ihres Einkommens. Kappler verwies dabei auf das „Paradebeispiel Opel“. In Litauen und Estland, jenen beiden Staaten, die besonders früh und hart von der Rezession getroffen wurden, sind die Einkommen im Verlauf des letzten Jahres bereits gesunken, nämlich um 6,2 beziehungsweise 0,6 Prozent.
Sollten die Löhne und Gehälter auch in den großen Volkswirtschaften Europas sinken, könnten jene Beobachter recht behalten, die vor einer Deflation warnen. Denn Arbeitskosten fließen natürlich in die Preise der Waren und Dienstleistungen ein. Kappler hält dies nicht für wahrscheinlich.
„Der Hauptgrund für die Preisentwicklung liegt in den Energiepreisen, die nun im Vergleich zum Vorjahr stark rückläufig sind.“ Dazu komme das „Schreckgespenst der ausgeweiteten Geldpolitik, dass also die Notenbanken die großen Geldmengen nicht rechtzeitig wieder vom Markt nehmen.“ Der ZEW-Experte ist der Ansicht, dass aus derzeitiger Sicht weder mit einer übertriebenen Inflation noch einer solchen Deflation zu rechnen ist. Das deckt sich auch mit der am Montag veröffentlichten Herbstprognose der EU-Kommission.
Bescheidene Aussichten
In Österreich starten die Lohnverhandlungen am 25. September mit den Metallern, deren Abschlüsse als richtungsweisend gelten. Angesichts der rückläufigen Produktivität gehen Experten davon aus, dass heuer nicht viel mehr als eine Abgeltung der Inflationsrate möglich sein wird – womit die Löhne zwischen 0,5 und 1,0 Prozent steigen könnten.
■Mitten in der Wirtschaftskrise sind die Arbeitskosten laut
Eurostat überdurchschnittlich
stark gestiegen.
Im ersten Halbjahr hat sich der Faktor Arbeit in Europa im Schnitt um vier Prozent verteuert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2009)


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