WU-Studie: Zahlen Spitzenverdiener zu wenig Steuern?

Die Gesamtsteuerbelastung beträgt in Österreich bis zu 47 Prozent. Die oberste Einkommensklasse zahlt zwar nominell am meisten, aber gemessen am Einkommen weniger.

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Wer mehr verdient, zahlt auch höhere Steuern - so lautet die landläufige Annahme. Eine vom Verein Respekt.net gemeinsam mit der WU-Wien durchgeführte Analyse kommt aber zu einem anderen Ergebnis. Demnach zahlen niedrige und mittlere Einkommen insgesamt vergleichsweise hohe Steuern, für absolute Spitzenverdiener sinkt die Steuerbelastung dagegen sogar. Während die Steuerlast bei der großen Masse der Einkommen (zwischen knapp 20.000 und 80.000 Euro pro Jahr) nämlich zwischen 35 und 40 Prozent liegt und danach auf bis zu 47 Prozent ansteigt, sinkt die Belastung der obersten Einkommen (über 400.000 Euro jährlich) wieder auf 40 Prozent. Dies unter anderem deshalb, weil für diese Gruppe die niedrig besteuerten Kapitaleinkommen eine deutlich größere Bedeutung haben.

Progressiv ist nur die Lohnsteuer

Progressiv ist in Österreich nur die Lohn- und Einkommensteuer - wer mehr verdient, zahlt also tatsächlich höhere Steuersätze von bis zu 55 Prozent. Allerdings wird dieser Effekt durch andere Abgaben wieder ausgeglichen: Die Sozialversicherung ist nach oben gedeckelt ("Höchstbeitragsgrundlage"), Kapitalerträge werden nur mit 27,5 Prozent besteuert und auch Konsumsteuern werden unabhängig vom Einkommen fällig.

Wie Mathias Moser vom WU-Forschungsinstitut Economics of Inequality bei einer Pressekonferenz am Dienstag kritisierte, wird bisher nicht erhoben, wie unterschiedliche Einkommensgruppen von den verschiedenen Steuern genau belastet werden. Klar ist das nur bei Lohn- und Einkommensteuer sowie Sozialbeiträgen, nicht aber etwa bei Konsum- und Kapitalertragsteuern. "Jede Steuerreform, die nicht weiß, wie die gesamte Abgabenlast aussieht, ist eine Steuerreform im Blindflug", kritisierte Moser.

Die am Dienstag vorgestellte Studie versucht, diese Lücke zu schließen. Dazu wurden bestehende Umfragen über Einkommen (der HFCS der Nationalbank) und Konsumverhalten (Statistik Austria) mit jenen Daten kombiniert, die der Verein Respekt.net über die Plattform SteuernZahlen.at gesammelt hat. Dort haben rund 13.000 Österreicher ihre Einkommens- und Steuerdaten eingegeben, 2000 Datensätze waren für die Studie verwertbar und haben - so Moser - insbesondere eine Datenlücke bei den Spitzenverdienern geschlossen.

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"Effekt in Praxis noch stärker"

Für Stefan Humer von der WU-Wien ist damit klar, "dass das Abgabensystem für das oberste Prozent regressiv wirkt". Er geht allerdings davon aus, dass dieser Effekt in der Praxis noch stärker ist, als aus der Studie ersichtlich, denn: "Die reichsten Österreicher mit den höchsten Einkommen sind in diesem Datensatz immer noch nicht erfasst."

Sowohl die Studienautoren als auch Josef Vinatzer von Respekt.net fordern daher eine umfassende Erhebung der Steuerbelastung der verschiedenen Einkommensschichten durch das Finanzministerium. "Nur so kann man für die nächste Steuerreform auf Basis von Fakten die richtigen Entscheidungen treffen", so Vinatzer.

(APA)

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