Ökonomie: Die Außenseiter aus Österreich

Die Vertreter der Österreichischen Schule hatten oft recht und wurden noch öfter ignoriert. Dafür wurden sie auch nie politisch vereinnahmt. Die Außenseiterrolle steht ihnen gut.

Carl Menger: Gründer der Österreichischen Schule.
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Carl Menger: Gründer der Österreichischen Schule.
Carl Menger: Gründer der Österreichischen Schule. – (c) Josef Löwy/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Wien. Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass es sich mit dem Wert einer Sache genauso verhält, hat Carl Menger 1871 herausgefunden – und in der Folge eine Revolution in der damals noch jungen Disziplin der Wirtschaftswissenschaften ausgelöst. Seine subjektive Werttheorie gehört bis heute zu den Grundpfeilern der Ökonomie – gemeinsam mit anderen Errungenschaften der von ihm begründeten Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Vor Menger dachten viele, der Wert eines Produktes ergebe sich aus der investierten Arbeitskraft. Manche unverbesserliche Marxisten glauben das noch heute. Aber Menger behielt recht – und setzte mit dem Grenznutzen noch eins drauf. Denn durch seine subjektive Wertlehre konnte er auch erklären, warum ein Glas Wasser in der Wüste unbezahlbar ist – aber der Wert von einer Million Gläsern Wasser woanders gegen null tendiert. Carl Menger kommt heute in kaum einem Ökonomielehrbuch vor. Dabei sind die subjektive Wertlehre und Grenznutzen allgemein akzeptierte Prinzipien. Und Mengers Nachfolger wie Eugen Böhm von Bawerk, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek haben der Österreichischen Schule im 20. Jahrhundert auch einen permanenten Platz im Chor ökonomischer Denkrichtungen gesichert. Aber die Österreicher sind trotzdem immer Außenseiter geblieben.

Nicht sehr „österreichisch“

Auch in ihrer Heimat hört man wenig von ihnen. Das liegt wohl daran, dass die Österreichische Schule nie sehr österreichisch im heutigen Sinne war. Sie war ein Kind der letzten Jahrzehnte der Habsburger-Monarchie. Menger selbst wurde im heutigen Polen geboren, Mises in der Ukraine. Hayek kam tatsächlich aus Wien. Wenn diese Ökonomen heute erwähnt werden, landen sie meist in einem Topf mit den im medialen Mainstream verhassten Neoliberalen der Chicago School. Oder sie werden mit Adjektiven wie „marktradikal“ belegt, um sie verächtlich zu machen.

Diese Reaktionen schlagen der international als Austrian School bekannten Denkrichtung keineswegs nur in ihrer alten Heimat entgegen. Menger, Mises, Hayek und Co. wurden von Anfang an angefeindet. Einerseits von den Kollegen – und andererseits von der Politik. Denn die Austrians waren immer der Meinung, dass es die erste Aufgabe eines Ökonomen sei, einer Regierung zu sagen, was sie alles nicht tun kann. Dass die Ökonomen nicht so tun sollen, als würden sie allwissend sein. Und dass Mathematik in der Ökonomie eigentlich keinen Platz hat. Diese Perspektive wurde aber hinweggespült von der Geschichte. Im 20. Jahrhundert ist die Überzeugung entstanden, dass die Wirtschaft steuerbar sei – und mit der Wirtschaft die Menschen.

Zwar hat Ludwig von Mises den Sozialisten schon in den 1920er-Jahren vorgerechnet, dass ihre radikalen Ideen in Not und Chaos enden würden. Aber das hat diese nicht beeindruckt. Den Zusammenbruch des Weltsozialismus 1989 hat Mises, der vor den Nationalsozialisten zuerst in die Schweiz und dann in die USA geflohen war, nicht mehr erlebt – aber immerhin vorhergesagt.

Bitcoin und die Österreicher

In der Mainstream-Ökonomie hat all das kaum Spuren hinterlassen. Die Überzeugung, mit mathematischen Modellen eine Gesellschaft steuern zu können, ist heute immer noch verbreitet. Politiker werden weiterhin dafür gewählt, dass sie versprechen, Jobs zu schaffen. Wenn schon nicht Marx, so hat der andere große Widersacher der Austrians den Sieg davongetragen: John Maynard Keynes.

Auch die Neoliberalen der Chicago School haben sich gegen die Grundsätze der Austrians gewandt. Während die Österreicher den Markt nur zu erklären versuchen, wollen Milton Friedmans Monetaristen ihn steuern – über die Geldmenge. Die Österreicher sind klassisch liberal, nicht neoliberal. Sie hatten mit vielen ihrer Warnungen recht – und wurden doch meist ignoriert. Das hat aber einen Vorteil: Sie wurden auch nie von einer politischen Ideologie vereinnahmt.

Das Internet hat die Karten neu gemischt. Dass die Austrians die Finanzkrise vorhergesagt haben und auch die lockere Geldpolitik der Zentralbanken seither scharf kritisieren, hat ihnen mehr Aufmerksamkeit gebracht als jemals seit den Lebzeiten von Menger und Mises. Und die auf den Prinzipien der österreichischen Geldtheorie basierende Internetwährung Bitcoin bringt heute die Ideen der alten Österreicher einer ganz neuen Generation näher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2016)

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