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„Sozialsystem schafft keinen Anreiz für Leistung“

08.10.2009 | 18:16 |   (Die Presse)

Wer mehr verdient, bekommt weniger Geld vom Staat: Ein Einkommensunterschied von fast 2000 Euro brutto verringert sich durch die Transferleistungen auf lediglich 39 Euro pro Monat.

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WIEN (rie). Hart arbeiten – das ist der Weg, um reich zu werden. Zumindest in den USA. In Österreich lautet das Motto dagegen: die Transferleistungen kennen. Denn mit harter Arbeit und damit mehr Einkommen bestraft man sich am Ende nur selbst. „Familien in der Gründungsphase, denen es finanziell überall am meisten mangelt“, urteilen zwei Studienautoren über das österreichische Steuer- und Sozialsystem, „wird es unmöglich gemacht, sich durch eigene Leistung zu verbessern“.

Schon ab einem Bruttoeinkommen von 2000 Euro würden österreichische Familien mit Kindern von der öffentlichen Hand bestraft, „weil diverse Sozialleistungen dann geringer ausfallen oder ganz gestrichen werden“. Die Untersuchung stammt von Franz Prettenthaler vom Institut für Technologie- und Regionalpolitik der Joanneum Research Forschungsgesellschaft und der Dissertantin Cornelia Sterner. Die Studie wurde im Rahmen des Projekts „Aufgabe Soziale Gerechtigkeit Steiermark“ durchgeführt und beruht auf Beispielen aus diesem Bundesland, die aber auf das ganze Bundesgebiet anwendbar seien.

Das bemerkenswerteste Ergebnis liefert ein Vergleich von zwei Familien, eine mit einem Bruttohaushaltseinkommen von 1900 Euro und eine mit einem von 3800 Euro. Rechnet man alle Transferleistungen hinzu, die die Familien von Bund, Land und Gemeinde erhalten können, kommt man auf ein verfügbares Einkommen dieser beiden Familien, das sich um gerade einmal 39 Euro pro Monat unterscheidet.

 

„Wozu überhaupt arbeiten?“

Das beweise, dass das österreichische Steuer- und Sozialsystem wenig Anreize für Besserverdiener bietet. Die Autoren beschreiben es so: „Die Frage ,Wozu überhaupt noch arbeiten?‘ bekommt angesichts dieser Zahlen einen anderen Klang. Es handelt sich dabei nicht mehr nur um das Raunzen von zwei Wohlsituierten, die sich bei einem Sektempfang darüber beklagen, dass sie mit einem zusätzlichen Aufsichtsratsmandat zur Hälfte für den Fiskus arbeiten. Es wird ein ehrlicher Ruf der Verzweiflung von Familien in der Gründungsphase, wenn es finanziell überall mangelt, es aber aussichtslos erscheint, sich durch eigene Leistung von der derzeitigen Situation zu verbessern. Gerade in der Lebensphase mit einer naturgegebenen hohen Leistungsbereitschaft wird es jungen Familien verunmöglicht, etwas aufzubauen. Stattdessen wird Mehrleistung mit einem Grenzsteuersatz von 100 Prozent bestraft.“

Grund für die Ungerechtigkeiten seien ein undurchschaubares Dickicht an verschiedenen Zahlungen und Gehaltsgrenzen für den Bezug diverser Leistungen. Soziale Transferleistungen von Bund, Ländern und Gemeinden bestünden „unkoordiniert nebeneinander“, heißt es in dem Bericht.

Probleme würden sich vor allem dann ergeben, wenn sich „Sozialleistungen für ein und dieselbe Person kumulieren, diese durch das Überschreiten willkürlich gesetzter Einkommensgrenzen sukzessive wegfallen, während der deutlich progressive Steuersatz lediglich auf das Bruttoeinkommen angewendet wird“.

 

Mehr Einkommen, weniger Geld

Das zeige sich deutlich bei den Familien. Ein Haushalt mit einem Bruttoeinkommen von 950 Euro könne etwa 2010 Euro an Transfers erhalten. Aufgrund des Verlustes bzw. der Einschleifung einkommensabhängiger Transfers erhält eine Familie mit dem doppelten Haushaltseinkommen (brutto 1900 Euro) noch 1600 Euro an Transferleistungen, eine mit 3800 Euro Haushaltseinkommen aber nur noch 587 Euro.

Das ergebe am Ende einen enormen Unterschied beim Nettoeinkommen plus Transfers: Die Familie mit 950 Euro Einkommen hat nur um etwa 440 Euro weniger zur Verfügung als die Familie, die 3800 Euro Haushaltseinkommen hat.

Das beweise: Aufgrund des Verlustes von Transferleistungen und der Erhöhung von Steuer- und Sozialversicherungsabgaben bestehe kein Anreiz, „die Leistung zu erhöhen und von Transfers unabhängig zu werden“.

Vielmehr verkehre es sich sogar noch ins Gegenteil, wie das Beispiel mit dem Haushaltseinkommen von 1900 Euro brutto zeige: „Wenn das Einkommen um 50 Euro erhöht wird, verringert sich das Nettohaushaltseinkommen plus Transfers von 3215 Euro auf 3087 Euro. Eine Erhöhung des Einkommens um 50 Euro führt also zu einem Verlust von ca. 130 Euro.“

Noch ein Phänomen des Steuer- und Sozialsystems belegen die Autoren: Bei niedrigem Erwerbseinkommen bestehe ein relativ hoher finanzieller Anreiz, Kinder zu bekommen, während bei hohem Erwerbseinkommen Familien ohne Kinder bzw. mit weniger Kindern finanziell deutlich bessergestellt sind.

Die Grenze beziffern Prettenthaler und Sterner mit „zwischen 2150 und 2950 Euro Bruttohaushaltseinkommen“. Das harte Urteil der Autoren: „So muss man den Eindruck gewinnen, der Gesetzgeber möchte Kinder bereits ab dieser Einkommensklasse verhindern und die gesellschaftliche Aufgabe, Kinder zu bekommen und zu erziehen, ausschließlich wirklich armen Bevölkerungsgruppen übertragen.“

 

Transfers zur Steuerberechnung

Die Konsequenz für die Autoren, um mehr Einkommensgerechtigkeit zu erreichen, ist klar: Sie schlagen unter anderem die Einrichtung eines sogenannten „Steuertransferkontos“ vor. Auf diesem sollen alle Einkünfte aufscheinen, zugleich müssten die Sozial- und Transferleistungen aller Gebietskörperschaften (Bund, Länder und Gemeinden) über das Finanzamt abgewickelt werden.

Weiters sollen Transferleistungen regressiv eingeschliffen werden, damit es nicht beim Überschreiten bestimmter Einkommensgrenzen plötzlich einen Wegfall der Leistung gibt. Mithilfe des Familiensplittings sollen Kinder bei der Besteuerung stärker berücksichtigt werden, ohne notwendigerweise den Anreiz zur Erwerbstätigkeit des zweiten Partners zu gefährden.

 

Bewegung in der Debatte

Mit dem System würden beispielsweise Eltern und Kinder gemeinsam veranlagt werden und das zu versteuernde Einkommen der Familie durch die Anzahl der Personen dividiert werden. „Der sich gemäß der progressiven Grundtabelle daraus ergebende Steuerbetrag wird schließlich mit der Zahl der Familienmitglieder multipliziert, um die Steuerlast der Familie zu erhalten.“

Einen Schritt in die richtige Richtung machten nach Ansicht der Autoren der Bund und ein Bundesland in der jüngeren Vergangenheit: Einmal dadurch, dass mit der Steuerreform 2009 die Kosten für Kinderbetreuung erstmals bis 2300 Euro von der Steuer abgesetzt werden können.

Und zweitens dadurch, dass Wien Gratiskindergärten für alle Buben und Mädchen einführte.

Diese Maßnahme hat für heftige Debatten gesorgt. Für Prettenthaler ein durchaus positiver Effekt: Damit komme immerhin „Bewegung“ in die Diskussion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2009)

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14 Kommentare
Gast: Familienvater
23.10.2009 08:37
0 0

Finde diese Studie nicht?

Gibt es irgendwo einen Link zu dieser Studie bzw. wo man diese erhält?

Gast: danieln
20.10.2009 18:22
0 0

wie gut ist diese Studie?

Nicht beachtet wurde, dass eine Beihilfe enfällt wenn man von anderer Stelle eine bekommt.
Das einfache adieren aller möglichen Beihilfen ist ja ganz witzig aber verrät nur wie weit die Studienautoren von der Materie entfernt sind.

Gast: Oberhauser
16.10.2009 16:20
0 0

In Wahrheit ist es noch ungerechter!!!

In Wahrheit ist es noch ungerechter, weil diese Studie nicht berücksichtigt, dass Arbeiten auch Geld kostet. Wer wie im obigen Beispiel beschrieben 3.800 Euro brutto verdient kann nicht in Fetzen zu Fuss zur Arbeit gehn, das heißt durch den Job entstehen zusätzliche Kosten die derjenige der nicht arbeitet nicht hat. Unterm Strich denke ich kann festgehalten werden, dass die Familie des Arbeitslosen gegenüber der Familie des arbeitenden in Österreich finanziell im Vorteil sein kann und das macht irgendwie so gar keinen Sinn.

Gast: rosenholzer
14.10.2009 07:46
0 0

Ursache ist das Kinderbetreuungsgeld

Dieser Vergleich wurde scheinbar für den Zeitraum des Bezuges des Kinderbetreuungsgeldes vorgenommen. Bei der Familie C ist das Einkommen so gewählt, dass die Zuverdienstgrenze gerade 16.200 Euro überschreitet und somit 436.- Euro für das Kinderbetreuungsgeld wegfallen. Nebenbei möchte ich noch bemerken, das hohe Leistung im Job nicht überall zu höherem Gehalt führt und umgekehrt ein hoher Gehalt nicht unbedingt eine hohe Leistung widerspiegelt.

DieZeit
13.10.2009 09:38
0 0

Die Revolution der Produktiven

ein toller aber etwas komplex geschriebener Artikel von Peter Sloterdijk

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell

Antworten Gast: ProConsul
21.10.2009 22:18
0 0

Re: Die Revolution der Produktiven

"Um das Phänomen der heutigen Steuerduldsamkeit bei den Wohlhabenden zu würdigen, sollte man vielleicht daran erinnern, dass Queen Victoria bei der erstmaligen Erhebung einer Einkommensteuer in England in Höhe von fünf Prozent sich darüber Gedanken machte, ob man hiermit nicht die Grenze des Zumutbaren überschritten habe. Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet."

"Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen."

danke für den Link.

Gast: Familienvater
12.10.2009 13:14
0 0

Einkommen und Transfers

Der Aufruf, wo die Familienverbände bleiben, ist mehr als verständlich. Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun: Nehme ich meine Verantwortung als Familienvater war, habe ich kaum Zeit für zusätzliche Aktivitäten. Habe ich keine Familie, keine Kinder, aber vielleicht einen gleichgeschlechtlichen Lebenspartner, habe ich Zeit für Lobbying und Verbandsarbeit. Daher werden jene, die laut und organisiert schreien, sehr wohl wahrgenommen, jene, auf deren Rücken das ausgeht, aber nicht.
Abgesehen davon ist IN ALLEN PARTEIEN das Thema Familien-Gerechtigkeit von alleinerziehenden berufstätigen Müttern oder Kampfemanzen besetzt - und die drücken effektvoll einerseits die "Nur" Mutter und andererseits die Väter mit Totschlagargumenten aus der öffentlichen Diskussion hinaus. Beispiele gefällig? Nach Kampfemanzen wie Dohnal, Prammer oder Petrovic haben wir da Steibl, Rauch-Kallat usw.
Die Stimme der Vernunft - unangenehm, aber überlebensnotwendig - wird totgeschwiegen, aus der Öffentlichkeit entfernt und verfolgt.
In der Berichterstattung übrigens - und da gibt es nur gaaanz wenige Gegenbeispiele - spiegelt sich das genauso wieder. Wer wird den Journalist/in? Wieviele intakte Familien gibt es denn in der Journaille? Und da wundert man sich noch, dass eher über Schwule und deren Anliegen berichtet wird als über das was das Leben wirklich ausmacht.
Punkt

lb15
10.10.2009 18:30
0 0

Aufstand

Eigentlich müßte es ja einen Aufstand derer geben, welche zwar die Transferleistungen für viele andere verdienen, aber im Endeffekt nicht mehr haben.
Ich habe schon früh bemerkt, dass ab einem bestimmten Einkommen ein Mehrverdienst von 20 % nichts bringt, da manche Beihilfen wegfallen. Ich bin aber trotzdem sehr erstaunt, dass heute es auch nichts bringt, das Doppelte zu verdienen.

Wo bleiben die Familienverbände?

Die sollten wenigstens halb so aktiv sein wie die Rentnervereine. (Und ich sage das, obwohl ich schon bald zu Zweiteren gehören werde).

Gast: biserl
10.10.2009 12:19
0 0

Noch was

Gibts eine Quellenangabe für diese Studie?

Gast: Thomas Eppinger
10.10.2009 00:55
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Familiengröße

Weiß jemand, wie viele Kinder die Familien in den Rechenbeispielen haben?

lb15
10.10.2009 18:25
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Re: Familiengröße

In der Printausgabe waren es 2 Kinder, wenn ich nicht irre.

Gast: biserl
09.10.2009 22:44
0 0

Skandal

Eigentlich ist das ein Skandal, aber man möchte ja die Bevölkerung mit so irrelevanten Details nicht belasten. Oder haben unsere Politiker Angst das dann weite Teile der Bevölkerung sich für die Sozialhilfe NEU entscheiden?

Was hier noch nicht erwähnt wurde, da nur Steuern und Transferleistungen berechnet wurden, daß eine Familie die EUR4000 produziert bei gleicher Ausbildung mehr Zeit braucht als eine Familie die EUR2000 produziert. Mehr Zeit bedeutet aber, gelinde gesagt mehr Geld. Entweder etwas nebelös als "Lebensqualität", oder einfach gesagt, dadurch das genug Zeit da ist alle Sonderangebote in den Supermärkten zu überblicken, und da massiv Geld zu sparen.

Folgerung, die Familie mit den 2000 Brutto ist effektiv besser dran, weil die 50€ holens locker mit billigerem Nahrungsmitteleinkauf rein.


Gast: ivoryhunters
09.10.2009 09:49
1 0

erwachet

Zitat: "Noch ein Phänomen des Steuer- und Sozialsystems belegen die Autoren: Bei niedrigem Erwerbseinkommen bestehe ein relativ hoher finanzieller Anreiz, Kinder zu bekommen, während bei hohem Erwerbseinkommen Familien ohne Kinder bzw. mit weniger Kindern finanziell deutlich bessergestellt sind."

das heisst letzten endes, dass dumme und ungebildete Menschen mehr kinder haben als intelligente.
auch das ist evolution.
steuerregulierte verdummung des genpools.....

Gast: yamo
08.10.2009 22:31
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Vereinfachung und bewusste(!) Gestaltung

statt Steuer- und Abgabendschungel, das wär' schon was. Und in Zeiten der Rechenmaschinen könnte man endlich auch die alten Stufensysteme zugunsten von linearen oder anderen mathematisch definierten Verläufen aufgeben. Diese Sprünge führen sonst immer wieder zu absurden Situationen.