Wien. Sie tragen alle rote T-Shirts und blaue Latzhosen mit Namensschildern. Rein optisch unterscheiden sich die Jugendlichen, die an der ÖBB-Lehrwerkstätte in Wien-Floridsdorf ausgebildet werden, nur wenig voneinander. Doch die Wege, wie sie zu den ÖBB gekommen sind, sind höchst unterschiedlich. Einige haben sich aktiv beworben und Aufnahmeprüfungen bestanden. Andere werden im Auftrag des AMS ausgebildet, weil sie keine Lehrstelle bei einem Betrieb gefunden haben. An diesem Tag sind sie alle damit beschäftigt, Parallelschraubstöcke herzustellen.
Technikerinnen gesucht
Auch Katharina (16). Sie hatte eine Lehre als Einzelhandelskauffrau abgebrochen, bevor sie zu den ÖBB kam. „Es war nicht Meines, Kunden zu bedienen.“ Sie landete in einem AMS-Kurs. Irgendwann hieß es, die ÖBB würden Mädchen für technische Lehrberufe suchen. Also meldete sie sich, denn eigentlich wollte sie immer schon einen technischen Beruf erlernen. „Es macht mir Spaß, etwas herzustellen“, sagt sie.
Die jungen Frauen, die gerade Spannungsmessungen durchführen, hatten ursprünglich andere Vorstellungen. Stephanie (16) wollte Kosmetikerin lernen. Kurz vor Schulschluss entdeckte sie, dass sie der typische Frauenberuf doch nicht interessierte. Sie bewarb sich bei den ÖBB und bestand die Aufnahmsprüfung. Rosine (20) träumt eigentlich von einem Beruf als medizinisch-technische Assistentin. Doch das könne sie später noch immer machen, gibt sie sich pragmatisch. Und eigentlich gefällt ihr die Ausbildung hier auch.
Das hört Franz Nigl gern. In den vergangenen Wochen war der ÖBB-Personalchef im Zuge der Krankenstandsdaten-Affäre unter Druck geraten. Dazu will er an diesem Tag keine Stellung nehmen.
Lieber spricht er über das Engagement der ÖBB in Sachen Ausbildung. Die Bahn ist eines jener Großunternehmen, die den „Pakt für Lehrlinge“ unterzeichnet und sich verpflichtet haben, den Lehrlingsstand zumindest konstant zu halten. Derzeit bilden die ÖBB 1808 Lehrlinge in 18 Berufen aus– darunter technische Berufe, Metall- und Elektroberufe, Bürojobs.
160 davon sind sogenannte „AMS-Lehrlinge“: Wenn Jugendliche keine Lehrstelle finden, greift die „Ausbildungsgarantie“ des Staates. Sie landen an einer überbetrieblichen Ausbildungsstätte – oder bei einem Unternehmen wie der Bahn, an die diese Aufgabe delegiert wird.
Österreichweit gibt es 12.300 geförderte Ausbildungsplätze, 1500 davon bei Unternehmen. Das AMS vermittelt auch „echte“ Lehrstellen. Doch davon gibt es heuer in Österreich weniger als vor einem Jahr. Die Lücke zwischen lehrstellensuchenden Jugendlichen und gemeldeten offenen Lehrstellen bei Firmen hat im September 3173 betragen. Es ginge sich nicht einmal aus, wenn alle Jugendlichen genau dort wohnten und jene Berufe erlernen wollten, wo es Plätze gibt.
Also springt zunehmend der Staat in die Bresche. Daran gab es zuletzt Kritik von der Opposition wie vom Ex-Lehrlingsbeauftragten Egon Blum: Mit einer betrieblichen Ausbildung sei das nicht zu vergleichen, die Jugendlichen hätten später weniger Chancen. Und auf einem geförderten Platz in einem Betrieb seien sie bei der Bezahlung benachteiligt.
„Gleiche Dienstkleidung für alle“
„Bei uns merkt man keinen Unterschied zwischen den eigenen Lehrlingen und den AMS-Lehrlingen“, versichert Nigl. „Weder bei der Bezahlung noch bei der Dienstkleidung.“ Normalerweise erhalten Jugendliche auf geförderten Plätzen nicht die volle Lehrlingsentschädigung. Diese beträgt etwa für Metallverarbeiter im ersten Jahr 496 Euro, für Bürolehrlinge 425 Euro, später bekommt man mehr. Auf geförderten Plätzen erhält man anfangs nur 240 Euro vom AMS. Anders bei den ÖBB: Die Bahn stockt die Differenz auf die normale Lehrlingsentschädigung auf.
Ministerium zahlt Differenz
Andere Firmen, die für das AMS ausbilden, seien nicht so großzügig, räumt AMS-Chef Johannes Kopf ein. Die ÖBB haben es freilich leicht: Das Geld für die höhere Entschädigung kommt vom Infrastrukturministerium. Und viele Lehrlinge würden nachher übernommen. Laut Nigl sind es 70 bis 80 Prozent. „Wenn sie das wollen.“
Die Gefahr, dass sich Unternehmen ihre Lehrlingsausbildung vom AMS bezahlen lassen, sieht man zumindest beim AMS nicht: „Wenn Jugendliche, die sich das Unternehmen nicht ausgesucht hat, später aufgrund ihrer guten Leistungen doch vom Unternehmen übernommen werden, haben wir nichts dagegen“, sagt AMS-Sprecherin Beate Sprenger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2009)

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