Nur wenige Flüchtlinge finden Arbeit

Die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge ist um ein Drittel gestiegen. Erst 15 Prozent haben nach einem Jahr einen Job. Ihr Bildungsniveau schätzt das AMS aber weiter hoch ein.

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Wien. „Kein Grund zum Jubeln, aber auf Plan“: Das ist das Fazit von AMS-Chef Johannes Kopf zur Situation der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Immerhin 15 Prozent der Menschen, die im Rahmen der großen Flüchtlingswelle nach Österreich gekommen sind, bleiben dürfen und als arbeitslos gemeldet waren, haben mittlerweile einen Job gefunden. Das ist, für ein Jahr danach, sogar mehr als der internationale Erfahrungswert. Aber freilich erst der Beginn einer „langen Reise“: In fünf Jahren will Kopf der Hälfte aller Asylberechtigten einen Job vermittelt haben. Was nicht bedeutet, dass die andere Hälfte arbeitslos wäre: Kinder, Alte und etwa Frauen mit Babys sind abzuziehen. Auch unter Österreichern liegt die Beschäftigungsquote nur knapp über 70 Prozent.

Ähnlich differenziert ist das Bild bei der Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge: Dass sie 2016 um ein Drittel auf knapp 29.000 gestiegen ist, ergibt sich aus der langsamen Abarbeitung der Asylanträge und war so zu erwarten. Fast zwei Drittel drängen sich in Wien zusammen, wo Flüchtlinge schon über ein Zehntel aller Arbeitslosen ausmachen. Aber steht das meiste nicht noch bevor, angesichts der über 130.000 Anträge in den letzten beiden Jahren? Hier sind auch jene wegzurechnen, die keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Für viele wichtige Herkunftsländer – etwa Afghanistan, Iran und Irak – liegen die Anerkennungsquoten aktuell nur mehr zwischen 20 und 30 Prozent.

Ob die Abgewiesenen abgeschoben werden oder nicht: Auf dem Radar der Arbeitsvermittler scheinen sie nie auf. Weshalb Kopf sich für heuer auf die 8000 Syrer konzentrieren kann, deren Verfahren noch offen ist. Denn von den Schutzsuchenden aus diesem Bürgerkriegsland werden immer noch 90 Prozent anerkannt. Und sie haben bessere Jobperspektiven wegen ihrer im Schnitt guten Ausbildung.

Das ist ein Ergebnis des weiter ausgebauten Kompetenzchecks. Zur Erinnerung: Ein Pilotprojekt mit 900 Personen erntete vor einem Jahr neben Jubel auch Skepsis und Kritik. Denn das Ergebnis – das Bildungsniveau der Flüchtlinge sei im Schnitt höher als das der Österreicher – zweifelten viele an. Mittlerweile wurden knapp 6000 der beim AMS Vorgemerkten „abgeklopft“. Die Stichprobe entspricht nun recht gut der Gesamtverteilung, im Hinblick auf Geschlecht (nur ein Viertel Frauen) und Herkunftsländer. Beim Ergebnis fühlt sich das AMS „bestätigt“: Weiterhin kommt ein überraschend hohes formales Niveau heraus. Mehr als die Hälfte hat demnach Matura oder Uniabschluss. Wobei die Unterschiede gewaltig sind: Syrer profitieren vom (früher) besten Bildungssystem im arabischen Raum. Bei den Afghanen aber hat die Hälfte nicht einmal einen Pflichtschulabschluss. Über 500 – und damit jeder Zehnte – sind sogar Analphabeten.

 

Diskrepanz mit Statistik

Eine Diskrepanz bleibt: Die offiziellen Statistiken des AMS weisen ein im Schnitt viel schlechteres Flüchtlings-Bildungsniveau aus, mit einer Akademikerquote von neun statt 23 Prozent. Wie passt das zusammen? Kopf erklärt es im „Presse“-Gespräch so: Die gewohnte Statistik basiere auf kurzen Erstbefragungen aller Antragsteller. Bei Flüchtlingen könnten AMS-Mitarbeiter nicht nachbohren. Deshalb stuften sie diese bewusst vorsichtig ein – womit das Niveau unterschätzt werde. Der Kompetenzcheck hingegen sei wie ein Gutachten und damit „viel aussagekräftiger“. Ein Vergleich mit Deutschland macht auch nicht sicherer. Dort gibt es nur Erstbefragungen bei der Registrierung der Asylwerber. Als Akademikerquoten ergeben sich zwischen zehn und 17 Prozent. Da aber fast ein Drittel die Angaben verweigert, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ. Einen flächendeckenden Kompetenzcheck wie das AMS starten die deutschen Kollegen erst im Sommer. Aber selbst wenn die heimischen Ergebnisse kein zu rosiges Bild malen: Matura oder Uniabschluss bedeuten nicht, dass ein Flüchtling leichter einen Job findet – was auch Kopf betont.

Denn meist fehlt ihnen praktische Erfahrung. Besonders Frauen haben in der Regel noch nie gearbeitet. Und wer einen höheren Beruf anstrebt, braucht dafür auch besonders gute Deutschkenntnisse. Sie zu erwerben, braucht viel Zeit. Auch hier zeigt sich: Die „lange Reise“ hat eben erst begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2017)

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