Der Niedergang einer Vorzeigefabrik

Nestlé sperrt in Linz sein letztes österreichisches Werk. Die 127 Mitarbeiter geben nicht Wien, sondern den Konzernbossen im fernen Vevey die Schuld.

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(c) REUTERS (Denis Balibouse)

Jetzt wirst du noch berühmt.“ Das hört Gerhard Frei seit zwei Wochen häufiger. „Darauf könnte ich gut verzichten“, sagt er. Bald 30 Jahre arbeitet Frei in der Linzer Nestlé-Fabrik als Controller. Seit zwölf Jahren ist er der österreichische Zentralbetriebsrat des Nahrungsmittelkonzerns. Wenn Ende März 2018 die letzte Maschine in der Linzer Franckstraße angehalten wird, verliert er wie 126 Kollegen seinen Arbeitsplatz. Davor muss Frei aber noch den Sozialplan für sie alle aushandeln. „Meine Lebensplanung war schon eine andere“, sagt der 60-Jährige.

Wenn man sich nichts zuschulden kommen ließ, nicht stahl oder trank, ging man im Linzer Nestlé-Werk, das Großküchen mit Saucen und Suppen beliefert, in Pension. Das war eine bekannte Tatsache. Knapp die Hälfte der Beschäftigten sind zwischen 48 und 60 Jahre alt, rund ein Drittel hat zwanzig Dienstjahre angesammelt. „Wenn die Schließung nicht wäre, könnte man die schönere Geschichte erzählen: davon, dass man nicht nur junge Mitarbeiter haben muss“, sagt Frei.

Die oberste Order aus der Konzernzentrale im Schweizer Vevey kam am Ende auch für den österreichischen Nestlé-Chef, Fabrice Favero, abrupt. Dass es Linz nicht gut geht, war schon das letzte Jahrzehnt kein Geheimnis. In fünf Jahren war das Produktionsvolumen um ein Viertel auf 6000 Tonnen eingebrochen. Die Fabrik habe konstant Verlust geschrieben und die Österreich-Tochter mehrere Millionen gekostet, sagt Favero. Ihm kam die undankbare Aufgabe zu, ein Jahr nach Amtsantritt das Ende des letzten im Land verbliebenen Produktionsstandorts zu verkünden. „Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ich bin auch ein Businessman“, argumentiert er die Schweizer Entscheidung.

„Es ist eine Entscheidung von Leuten, die uns alle nicht kennen“, stellt ein Verpackungstechniker im Linzer Werk fest. Er scheint damit eine Grundstimmung unter den Mitarbeitern aufzufangen. Seinen Namen will er nicht nennen – der Sozialplan ist noch nicht durch, die Höhe der Abfertigungen noch lange nicht besiegelt. Er gehe auf die Sechzig zu, sei gesundheitlich gehandicapt und wisse, dass seine Chancen auf dem Jobmarkt schlecht stehen. Dennoch sei er ein „leidenschaftlicher Nestléaner“. Die Firma habe ihn vor zwölf Jahren durch eine schwere Krankheit begleitet, die Sozialleistungen wären toll. „Wir haben kein Feindbild, oder wenn, nur ein fernes.“


Keine Mitsprache

Der Meinung ist auch Frei: „Nestlé Österreich hat keine Mitsprache.“ Weit über 90 Prozent der hier erzeugten Großgebinde gehen an europäische Schwesterkonzerne. Wenn die Nachfrage dort nachlässt beziehungsweise nicht von den anderen Managern und der Schweizer Zentrale forciert wird, kann Favero wenig ausrichten. Und die Linzer, die von Natur aus am kleinen Standort aus dem Jahr 1879 mit ihrem breiten Großküchensortiment weniger wirtschaftlich arbeiten als die Großkaliber unter den 447 Nestlé-Fabriken, konnten nur mit Unbehagen auf die jährlich abnehmenden Absatzmengen blicken. „Es hat nicht wie ein Blitz zugeschlagen“, sagt Frei. „Aber es kratzt an dem Glauben an die Firma, die alles kann und schafft.“

Den Glauben sieht auch die Gewerkschaft stark erschüttert. Als die Schließung in der Vorwoche verkündet wurde, reagierte die Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, die die 83 angelernten Arbeiter in der Fabrik vertritt, umgehend: Der Nestlé-Konzern habe 2016 einen Reingewinn von umgerechnet 8,3 Mrd. Euro gemacht und seinen Aktionären eine Anhebung der Dividende versprochen. Gleichzeitig kündigte der neue Firmenchef, Ulf Mark Schneider, im Februar auf seiner ersten Pressekonferenz ein Sparprogramm von 500 Mio. Schweizer Franken an. So soll der Weltkonzern, der sein selbst gestecktes Umsatzziel 2016 zum vierten Mal in Folge verfehlte und rückläufige Gewinne vermelden musste, vom Neuen wieder auf Spur gebracht werden. Die Schlussfolgerung des Pro-Ge-Branchensekretärs Gerhard Riess folgte am selben Tag per Aussendung: „Anscheinend erwirtschaftet Nestlé seine Profite auf dem Rücken der Arbeitnehmer.“

„Wenn man gewollt hätte . . .“, setzt ein Controller in seinen Dreißigern, der ebenfalls nicht namentlich in der Zeitung stehen will, an und lässt den Satz unvollendet in der Luft schweben. „Wenn man gewollt hätte.“ Der Vorwurf schwingt in Linz immer unterschwellig mit. Aber Favero betont, er und seine Vorgänger hätten gewollt: Eine neue Produktlinie wurde 2012 eingeführt, aber vom Markt nicht angenommen. Die tragende Decke in der alten Fabrikhalle ließ man vor nicht langer Zeit noch für 100.000 Euro renovieren. Die einzige noch verbliebene Option wäre der Komplettumbau der Linzer Fabrik gewesen, und dieser komme viel zu teuer, sagt Favero. Billiger ist der nun eingeschlagene Weg: Süßes soll bald nach Serbien, Salziges in die slowakische Nestlé-Fabrik verlagert werden.

Zwischen dem Karriereende des mächtigen Kärntner Managers Peter Brabeck-Letmathe und dem völligen Rückzug von Nestlé aus der österreichischen Produktion will Betriebsrat Frei keinen Zusammenhang annehmen. Stimmen, die den scheidenden Präsidenten als die schützende Hand über Linz gesehen haben, habe es immer gegeben. Doch am Ende müsse Frei als Controller ehrlich sein: „Wir haben lange gekämpft. Und Nestlé ist eine Kapitalgesellschaft, die auf Zahlen schaut.“


Teure Abfertigungen

In den kommenden Wochen wird auch in Linz und Wien viel gerechnet werden. Favero hat bei ersten Verhandlungen zugesagt, eine Arbeitsstiftung ins Leben zu rufen, in der die Mitarbeiter bis zu vier Jahre lang bei Bezug von Arbeitslosengeld umgeschult werden können. Wie viel Geld auf die Seite gelegt wird, will Favero noch nicht sagen. Er betont, „faire Lösungen“ anzustreben. Andreas Stangl, Leiter der oberösterreichischen Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA DJP), befürchtet, dass der Ton rauer werde, sobald es ums Finanzielle geht – etwa um Abfertigungszuschläge für 20 Dienstjahre, für fortgeschrittenes Alter, Familienanhang oder Invalidität.

Der junge Linzer Controller macht sich keine Sorgen um seine Zukunft, auch wenn die Nachricht von der Schließung für ihn zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt kommt. Nächste Woche beginnt der junge Vater mit dem Hausbau. Der Bagger ist schon bestellt. „Arbeit gibt es genug, aber die Frage ist, ob ich das familiäre Klima wiederfinde.“ Mit dem familiären Klima endet kommenden März auch ein Stück Linzer Wirtschaftsgeschichte. Schon die Familie Franck – einst die größten Kaffeeersatzproduzenten der Donaumonarchie –, von denen Nestlé 1973 das Linzer Werk übernahm, war für ihr soziales Engagement bekannt. Werkskindergarten, Schule und Mitarbeiterwohnungen sind längst abgerissen oder verkauft. Im herrschaftlichen Fabrikgebäude erinnert noch eine Plakette an den deutschen Firmengründer Johann Heinrich Franck und seine karitativen Linzer Nachfahren. „Ich werde Sie stets guth und redlich bedienen“, steht in Stein graviert. Die Plakette kennen die Nestlé-Arbeiter nur von früher. Vom Stammhaus neben der heutigen Fabrikhalle musste man sich längst trennen.

Nestlé ÖSterreich

Nach dem Ende der Linzer Fabrik im März 2018 beschäftigt der Nahrungsmittelkonzern noch 850 Mitarbeiter in Österreich.

Ein Großteil arbeitet in der Wiener Zentrale und bei der Tochter Nespresso mit ihren zwölf Boutiquen.

Nestlé Österreich wies 2015 einen Umsatz von 195 Mio. Euro und ein EGT von 8,5 Mio. Euro aus. Die Zahlen für 2016 werden demnächst veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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