Linz/Wien. Der Überlebenskampf ist fast vorbei. Zwar klammere man sich bei Quelle Österreich an einen „letzten Strohhalm“, berichtet Vorstandschef Wolfgang Binder, aber selbst bei Quelle bezeichnet man die Chancen als „äußerst gering“. Wenn dieser Strohhalm, eine Investorengruppe, die eventuell einen Alleingang von Quelle Österreich finanzieren würde, Quelle nicht bis Montag oder Dienstag übernimmt, werde man am Donnerstag den Insolvenzantrag stellen.
Damit steht nach Konsum und Libro die drittgrößte Handelspleite in Österreich bevor. Der KSV schätzt die Passiva auf über 100Mio.Euro. Damit wäre Quelle in etwa die zehntgrößte Insolvenz in Österreich seit dem Jahr 2000. Bei einer Pleite würden im schlimmsten Fall 1100Quelle-Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Das AMS wird Ende kommender Woche eine eigene Außenstelle einrichten. Auch eine Insolvenzstiftung von AMS und Land Oberösterreich werde es geben (Siehe Seite 12).
Der Name „Quelle“, lange das Synonym für Versandhandel, und die 1500Seiten starken Kataloge, die halbjährlich an 1,2Millionen Haushalte verschickt wurden, werden damit aller Voraussicht nach aus Österreich verschwinden. Schließlich gehören die Rechte an der Marke bereits der deutschen Otto-Gruppe. Diese hätte zwar mit Quelle verhandelt. Nun heißt es, Otto hatte nie Interesse an einer Übernahme, sondern nur am Namen, um diesen künftig vom Markt und möglichen Konkurrenten fernzuhalten. Allerdings würde man den Namen, sollte es zu einer Übernahme kommen, wieder zum Verkauf anbieten. Ein Aus würde auch rund 175 Quelle-Shops treffen. Diesen Franchise-Geschäften mit je zwei bis drei Mitarbeitern droht dasselbe Schicksal wie ihrem Franchisegeber, schließlich dürften sie den Namen Quelle nicht mehr verwenden und würden keine Waren mehr bekommen.
Die Überlebenschancen waren schon nach der Pleite der deutschen Mutter bescheiden, obwohl Quelle Österreich an sich profitabel ist. Die Waren kommen großteils aus Deutschland, auch der Druck der Kataloge wurde gemeinsam organisiert und finanziert. Binder wollte nach der Pleite in Deutschland Quelle Österreich zur Drehscheibe für das Geschäft in Zentral- und Osteuropa machen. Der Plan wurde zunichte gemacht, als Quelle Deutschland die lebenswichtigen Markenrechte im gesamten Konzern sowie die Russland-Tochter an Otto verkauft hat. Einer Stand-Alone-Lösung geben Branchenkenner allerdings keine großen Chancen. Binder bedauere besonders, dass mit Quelle Österreich ein an sich gesundes Unternehmen in Konkurs gehen würde.
In welcher Form es nach einem Konkursantrag weitergeht, wird der Masseverwalter entscheiden. Ohne Investor kann der Betrieb nicht mehr lange aufrechterhalten werden. Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, nach der Insolvenz zu verkaufen.
Die Chancen, einzelne Teile zu verkaufen, schätzt man selbst bei Quelle als gering ein. „Außer der Logistik bleibt da aber nicht viel über“, meint ein Sprecher. In dieser Sparte arbeiten 400Menschen. Branchenkenner vermuten, dass Quelle, so wie die deutsche Mutter, abgewickelt und der Betrieb eingestellt wird, sobald die Lager leer sind. Eine vollständige Abwicklung könnte bei einem Unternehmen dieser Größe bis zu fünf Jahre dauern, erklärt Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner vom KSV.
Kunden können Bestellung stornieren
Die Kunden von Quelle müssen noch nicht um ihre Bestellungen oder ihr Geld bangen. Schließlich werden die Waren meist erst bezahlt, nachdem sie bei den Kunden angekommen sind. Werden Order nicht innerhalb von 30 Tagen geliefert, können Kunden von einer Bestellung zurücktreten.
Probleme können bei Garantieansprüchen auftreten. Diese richten sich zwar üblicherweise an den Hersteller, im Fall der Haushaltsgeräte-Eigenmarke Privileg aber an Quelle. Diese Ansprüche können verfallen. Vorsicht ist auch bei den Daten geboten. Dank einer möglichen Zustimmung zur Datenweitergabe im Kleingedruckten könnten die wertvollen Kundendaten zu Geld gemacht werden. Otto hat daran bereits Interesse bekundet. Wer die Weitergabe seiner Daten verhindern möchte, sollte die Zustimmung zur Weitergabe schriftlich widerrufen.
Schwerer Schlag für die Post
Eine Pleite der Quelle würde weite Kreise ziehen: Die Post will die Ausfälle nicht beziffern. Der Umsatz, den Kataloge und Pakete der Post gebracht haben, wird auf bis zu 25 Mio. Euro pro Jahr geschätzt, das entspricht etwa drei Prozent in der Paketsparte. Auch bei Hermes könne man die Folgen nicht einschätzen, heißt es. Personelle Konsequenzen werde es nicht geben. Die Zusteller hoffen, dass sich das Geschäft von Quelle künftig auf andere Versandhändler verteilt. Otto, Universal oder Neckermann wickeln den Versand ebenso wie Quelle über den Vertragspartner Hermes ab, dieser wiederum hat die Zustellung der Post übergeben.
Die ÖBB haben mit dem Haushaltsgeräte-Transport im Vorjahr 4,5 Mio. Euro Umsatz gemacht, für heuer wurden 4,9 Mio. Euro erwartet. Auf das Betriebsergebnis werde sich der Ausfall mit einem Rückgang um zwei Mio. Euro niederschlagen. Personelle Konsequenzen seien nicht nötig. Auch Druckereien, Spediteure oder Kartonagefirmen würden bei einem Aus Teile ihres Geschäfts verlieren. Folgeinsolvenzen sind möglich.
■Der Konkursantrag bei Quelle Österreich wird bereits vorbereitet. Kommenden Donnerstag soll er eingereicht werden, falls der letzte Interessent Quelle nicht doch noch übernimmt. Das gilt als sehr unwahrscheinlich. Schließlich gehören die Markenrechte schon Otto. Damit wird Quelle voraussichtlich nach 50Jahren aus Österreich verschwinden.
1100 Mitarbeiter von Quelle-Österreich bangen um ihre Jobs. Ein Aus würde zahlreiche weitere Unternehmen treffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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