Design-Dildo statt Kabinen-Porno

Beate Uhse, Europas größter Erotikhändler, klagt über schlechte Geschäfte. Haben Sexshops ausgedient? Mitnichten. Zumindest, solange sie neue Kunden ansprechen. Der Konzern der verstorbenen Primadonna meldete sinkende Umsätze.

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(c) APA (DPA)

Beate Uhse leidet. Der Konzern der verstorbenen Primadonna des Erotikhandels meldete kürzlich sinkende Umsätze und einen Gewinneinbruch zwischen Jänner und September von 90 Prozent. Schon im ersten Halbjahr 2009 musste der Konzern Umsatzeinbußen von 14 Prozent auf 59 Mio. Euro verzeichnen.

Braucht man in der Krise keine Pornos, Vibratoren und Dessous mehr? Bei Umfragen und Sexualtherapeuten scheiden sich die Geister. Einmal heißt es, wenn schon Krise, dann wenigstens mehr Sex zum Trost, andere wähnen den generellen Frust auch in den Schlafzimmern. Die heimischen Erotikhändler wollen davon nichts wissen und berichten nach wir vor von guten Geschäften. Beate Uhse habe bloß zu spät auf den großen Trend reagiert. Dieser Trend heißt Lifestyle. Helle, freundliche Sexshops zum Wohlfühlen statt dunkler Läden mit Pornokabinen. „Die Männer, die in einen Sexshop mit verklebten Scheiben gehen und sich dort ihre Hefte und DVDs holen, sind eine aussterbende Spezies“, meint Klaus Lang, der Marketingleiter von Beate Uhse Österreich.


Keine reine Männerdomäne mehr. Und so wandern die Sexshops von den Bahnhofsvierteln in die Innenstädte und Einkaufszentren. „Die Zielgruppen laufen auseinander. Auf der einen Seite Sexshops an Stadtausfahrten und in Rotlichtvierteln, auf der anderen die edlen Innenstadt-Geschäfte“, sagt Folke Postmeyer, der Geschäftsführer von Orion Österreich. „Langfristig muss jeder, der in dem Business den Kopf über Wasser halten will, auf Lifestyle setzen.“

Bis vor etwa zehn Jahren, so Postmeyer, waren Sexshops reine Männerdomäne. Nun werde die Gesellschaft immer offener, die Hemmschwelle, in einen Sexshop zu gehen, schwindet. Zu Orion kommen mittlerweile auch Paare, 40 Prozent der Kunden sind Frauen.

Eine Pionierin auf dem Gebiet der neuen Sexshops ist Ingrid Mack. 1994 hat sie in Wien das „Condomi“ eröffnet, zehn Jahre später wurden dort, getreu ihrem Motto „Ein Kochlöffel und ein Vibrator gehören in jeden guten Haushalt“, auch Sextoys verkauft. Die Nachfrage war groß, so wurde im Jahr 2008 das „Liebenswert“, Wiens erster Sexshop für Frauen, eröffnet. „Ich wollte zeigen, dass Frauen einen anderen Zugang zu Sex haben. Sie gehen nicht in ein Geschäft, in dem Dildos in Form abgeschnittener Riesenpenisse verkauft werden, die nur der Männerfantasie dienen“, erzählt Mack. Der Laden „für feminine Lebensart“ zieht nicht nur Frauen an. Jeder dritte Kunde ist ein Mann, die Hälfte der Besucher sind Paare. Auch in Salzburg wurde kürzlich ein Sexshop für Frauen eröffnet, in Deutschland findet man solche schon in jeder mittelgroßen Stadt.


Raus aus der Schmuddel-Ecke. Auch bei Beate Uhse hat man den Trend spät, aber doch erkannt und 2008 eine große Umstrukturierung gestartet. Künftig soll es nur mehr zwei Shop-Typen geben: Abgelegene „Fun-Center“ und Premium-Shops. Der Konzern kämpft mit Problemen, seit das Internet verschlafen wurde. Vor 15 Jahren haben Filme für zwei Drittel des Umsatzes gesorgt, nun ist es nur mehr eines. In Österreich betreiben die Lizenznehmer (der Konzern selbst ist nicht aktiv) gut 30Beate-Uhse-Geschäfte. Harte Pornos und Zubehör aller Art findet man dort nur in den hinteren Ecken der Geschäfte. Dessous, Massageöle oder pastellfarbene Vibratoren in Tiergestalt: So bekämpft man das Schmuddel-Image.

Wie groß der heimische Erotikmarkt ist, lässt sich schwer sagen. Schließlich gibt es unzählige Anbieter, gerade im Internet, auch Drogerien bieten längst Vibratoren und Kondome an. In der Branche schätzt man den gemeinsamen Umsatz der reinen Erotikhändler auf „einige hundert Millionen“, bei den eigenen Zahlen halten sich die Händler bedeckt. Für Beate Uhse Österreich, neben Orion und Fun-X eine der drei großen heimischen Ketten, weist das Firmenbuch für 2008 einen Umsatz von knapp 13 Mio. Euro aus. Tendenz steigend.

Das Internet stört das Geschäft der Sexshops kaum, heißt es bei Orion und Beate Uhse. Die Umsätze würden sich in den Läden deutlich besser entwickeln. Auch wenn der Anteil der DVDs stetig schwindet, seit wenige Klicks auf „Youporn“ reichen, um dasselbe Programm gratis zu sehen. Andere Zubehöre holen sich viele doch lieber im Geschäft. Schließlich müsse man nur an der Tür eine Hemmschwelle überschreiten und könne dann anonym einkaufen, sagt Postmeyer. Der Diskretion der Online-Shops trauen viele nicht. Auch die Konkurrenz durch DM oder Bipa, die zum Beispiel Vibratoren anbieten, fürchtet man nicht. „Im Sexshop ist man unter Gleichgesinnten, in einer Drogerie wird man eventuell angestarrt“, so Postmeyer. Noch.

Immerhin ziehen Sextoys nach und nach ins Sortiment der Handelsketten und Markenhersteller ein. Selbst Elektrokonzerne trauen sich langsam, ihre Produkte beim Namen zu nennen. Philips zum Beispiel hat 2008 edle Design-Vibratoren auf den Markt gebracht. „Beziehungspflege“ heißt die Linie. Frei nach Pionierin Beate Uhse. Die nannte ihren ersten Laden, den ersten Sexshop der Welt, 1962 schließlich auch „Fachgeschäft für Ehehygiene“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2009)

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