Währungskriegen fehlt die Waffe

Verbilligt sich die Währung eines Landes, ziehen seine Exporte an: Was früher als selbstverständlich galt, funktioniert oft nicht mehr richtig. Dahinter dürfte die Globalisierung stecken.

Der Welthandel hat seine eigenen Regeln. Der Wechselkurs galt dabei immer als einer der wichtigsten Faktoren. Aber seine Bedeutung nimmt ab.
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Der Welthandel hat seine eigenen Regeln. Der Wechselkurs galt dabei immer als einer der wichtigsten Faktoren. Aber seine Bedeutung nimmt ab.
Der Welthandel hat seine eigenen Regeln. Der Wechselkurs galt dabei immer als einer der wichtigsten Faktoren. Aber seine Bedeutung nimmt ab. – (c) Reuters (Carlos Barria)

In wirren Zeiten ist man froh, wenn es noch Gewissheiten gibt. Etwa diese: Schwächt sich der Wert der eigenen Währung ab, stärkt das die Exporte und verbessert die Leistungsbilanz. Eben deshalb fühlen sich Geldpolitiker verlockt, den Kurs zu drücken und damit Handelskriege anzuzetteln. Eben deshalb wettert US-Präsident Trump gegen die Chinesen, als Yuan-Manipulatoren, und gegen die Deutschen, als Trittbrettfahrer eines schwachen Euro. Und eben weil die Staaten Südeuropas unter dem Korsett der Einheitswährung das bewährte Werkzeug Abwertung nicht mehr nutzen können, sagten ihnen in der Krise viele ein Tal der Tränen ohne Ausgang voraus.

Aber ach: Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Die Anzeichen mehren sich, dass der Mechanismus, den jedes Schulkind kennt, nicht mehr richtig funktioniert. Jüngstes Beispiel: der Absturz des Pfund nach dem Brexit-Votum. Im letzten halben Jahr zogen die britischen Exporte lehrbuchgemäß an, die Importe aber noch stärker. Das Defizit in der Leistungsbilanz wurde also nicht kleiner, sondern größer.

Schon nach der Finanzkrise, als das Pfund gewichtet zu den Währungen der wichtigsten Handelspartner um ein Viertel einbrach und sich jahrelang nicht erholte, machten sich die Exporteure von der Insel umsonst Hoffnungen. Ganz ähnlich erging es ihren japanischen Kollegen ab 2012. Natürlich finden sich immer Erklärungen: Den Briten brachen die Erträge ihrer Auslandsinvestitionen weg, den Japanern kam Fukushima dazwischen, und beide litten unter der Schwäche ihrer Exportpartner. Aber für die Ökonomen passieren die Ausreißer schon zu oft. Sie haben den Verdacht, dass sich etwas fundamental geändert hat. Eine mögliche Ursache zieht sich durch alle Studien: die immer stärkere internationale Verflechtung in den Wertschöpfungsketten. Kurz: die Globalisierung.

Wie hat der Mechanismus bisher funktioniert? Wertet eine Währung ab, verteuern sich die importierten Waren, was die Inflation treibt. Die Exporteure verdienen, in Fremdwährung gerechnet, weniger. Aber es gibt Reaktionen: Die Konsumenten kaufen weniger ausländische Güter. Die Unternehmen nutzen es aus, dass sie nun preislich wettbewerbsfähiger sind, und verkaufen mehr ins Ausland. Beides kommt der Leistunsbilanz zugute. Was hat sich daran geändert? Für einen Unternehmer, der Material und Vorprodukte aus fremden Ländern in fremder Währung bezieht, liegt die Antwort auf der Hand: Durch die Abwertung verteuert sich generell sein Einkauf. Nur bei jenen Fertigwaren, die er exportiert, könnte er die Preise senken – aber nicht so stark, wie es das Lehrbuch nahelegt.

Modell obsolet. Das bisherige Standardmodell zur preislichen Wettbewerbsfähigkeit geht nur von Fertigprodukten und einem einzigen Sektor aus. Weshalb es die Ökonomen der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) in einer aktuellen Arbeit als „zunehmend obsolet“ bezeichnen und an Alternativen basteln. Kollegen von der Weltbank haben Firmen in Polen unter die Lupe genommen und sie nach Größe und Sektor unterschieden.

In der polnischen Automobilindustrie etwa ist die Vernetzung über die Grenzen groß, vor allem mit Deutschland. Stabile Beziehungen sind wertvoll, man wechselt den Lieferanten nicht, nur weil kurzfristig der Złoty-Kurs rauf oder runter geht. Je größer eine Firma ist, desto besser kann sie sich gegen solche Schwankungen absichern, mit Krediten in Fremdwährungen oder Finanzderivaten. Der Anteil der Großunternehmen steigt. Wenn sie ihre schon bestehenden Exportkanäle ausbauen, dann weniger wegen günstiger Wechselkurse, sondern weil sie ihre Produktivität verbessern konnten. Am stärksten ist der Anreiz einer Abwertung für kleinere, wenig vernetzte Firmen – etwa eine Brauerei, die nur polnischen Hopfen und Malz einkauft. Sie müsste sich einen Exportmarkt erst neu erobern. Das ist für kleine Hersteller riskant, und sie brauchen dafür die Hilfe einer Bank. Oft sind Abwertungen aber die Folgen von Finanzkrisen, in denen Kredite Mangelware sind.

Noch manch anderer Grund der sinkenden Rolle von Wechselkursen für die Leistungsbilanz lässt sich ausmachen: Die Kosten des Imports von Waren aus einem Schwellenland sind nur ein kleiner Bruchteil der Kosten für den Vertrieb im Hochpreisland. Dienstleistungen, deren Anteil generell zunimmt, sind oft weniger preissensibel. Und im boomenden Finanzmarkt laufen die Geschäfte oft ohnehin in fremden Währungen. Die Folge all dessen zeigt die OECD auf: Der Rückgang der globalen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen seit der Finanzkrise ist nur zu einem Siebentel einer Anpassung der Wechselkurse zu verdanken. Gewiss: Eurokrisenländer wie Spanien, Portugal oder Irland hatten keine andere Wahl, als den schmerzlichen Weg einer „inneren Abwertung“ mit sinkenden Löhnen zu beschreiten. Der Prozess dauerte lange, aber er kam zum Ziel, allen Unkenrufen zum Trotz. Freilich: Dass eine Volkswirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit nur aus eigener Kraft nachhaltig stärken kann, wissen wir schon seit den Abwertungsspiralen im Italien der Achtzigerjahre – eine Symptombekämpfung, die den Patienten auf Dauer geschwächt hat. Nun kommt hinzu: Die Medizin wirkt oft auch kurzfristig nicht mehr so richtig. Was vielleicht kein Fehler ist, wenn es künftig Handelskriege weniger attraktiv macht. Womit die Globalisierung auch auf diese Weise der Welt ein wenig mehr Frieden bringt.

In Zahlen

14,9 Prozent an Vorprodukten aus dem Ausland steckten 1995 wertmäßig in den Exportgütern der Industriestaaten.

24,3 Prozent war dieser Anteil im Jahr 2011. Stärker stieg er in Schwellenländern – in China etwa verdreifachte er sich fast, von zwölf auf 34 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2017)

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