Liveberichte aus dem Rindermagen

Die steirische Firma Smaxtec stand vor dem Ruin. Doch die Gründer glaubten an ihre Idee eines digitalen Herdenmanagements für Kühe. Sie erwirtschafteten zuletzt rund eine Million Euro Umsatz.

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Themenbild: Kuh vor dem Fotoaparat – (c) www.BilderBox.com

Die eigentlichen Stars der Geschichte heißen Conny, Emma und Kuh Nr. 71. Alle drei leben auf deutschen Bauernhöfen – Conny in einem Großhof mit rund 750 Tieren, Emma in einem Familienbetrieb und Kuh Nr. 71 auf einem Biohof. Alle drei bekamen in den vergangenen Tagen ein Kalb. Als „Superkühe“, beobachtet von zigtausenden Zuschauern des Westdeutschen Rundfunks (WDR), die seit Wochenbeginn 30 Tage lang allen Ereignissen in und rund um den Kuhstall in ungewohnter Nähe folgen können. Denn ein Sensor im Netzmagen der Tiere sendet ständig in Echtzeit, also live, Daten zum pH-Wert oder der Körpertemperatur. Und so erfährt, wer will, über soziale Medien wie Facebook oder aus einem Onlinetagebuch rund um die Uhr, wann die Milchkühe trinken, fressen oder eine Pause einlegen.

Die Technologie für das deutsche TV-Experiment kommt aus Österreich, genau gesagt aus Graz. Und der ursprüngliche Anstoß dafür aus der obersteirischen Lehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein. Dort wünschte sich ein Tierarzt für seine Forschung ein neues Messinstrument. Er wollte mehr über das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kühe in den Betrieben erfahren – und wandte sich an die beiden TU-Studenten Stefan Rosenkranz und Mario Fallast. „Er kannte das Problem, wir die Lösung“, sagt Fallast heute.

Der angehende Wirtschaftsingenieur und der Elektrotechniker gründeten 2009 das Start-up Smaxtec und entwickelten einen faustgroßen zylindrischen Sensor, den die Kuh schluckt. „Der Landwirt steckt ihn ihr in den Schlund, so wie er den Tieren auch Medikamente verabreicht“, erklärt Fallast. Von dort wandert das 220 Gramm schwere Gerät in den Netzmagen, wo es absinkt und liegen bleibt. Mitunter ist es dort nicht allein, denn hier landen auch sogenannte Käfigmagnete. Diese geben Landwirte ihren Tieren, damit sie mitgefressene Nägel oder Metallteile anziehen und sich die Tiere keine inneren Verletzungen zuziehen.


Brunst automatisch erkennen

Der Grazer Sensor zeichnet alle zehn Minuten Daten im Magen auf. Das System überträgt sie automatisch, wenn die Kuh an einer Auslesestation vorbeispaziert. Der Bauer bekommt die Ergebnisse schließlich grafisch übersichtlich aufbereitet auf sein Smartphone, Tablet oder den Laptop geliefert. An den Informationen sieht er etwa, ob die Tiere ausreichend trinken. Die Temperaturmessung verrät, ob eine Kuh krank wird, noch bevor das am Verhalten erkennbar ist. Auch Hitzestress lässt sich feststellen. Schließlich zeigt sich schon vorab, ob eine Kuh brünstig ist oder bald abkalben wird. Durch die genaue Prognose kann der Landwirt besser planen.

Das Besondere: „Unsere Daten werden völlig unverfälscht erhoben. Es gibt keine Einflüsse von außen, die die Messergebnisse stören“, schwärmt Fallast. Außerdem könnten manche Daten, etwa der pH-Wert, von außen gar nicht erfasst werden. Warum dieser wichtig ist? Weil sich durch ein Absinken des Säuregrads beispielsweise eine Überfütterung mit bestimmten Nährstoffen zeigt: Durch hohen Stärke- oder Zuckeranteil sterben Bakterienstämme ab, die die Kuh für den Stoffwechsel braucht. Ist dieser gestört, erkrankt das Tier – und das macht sich auch bei der Milch- und Fleischqualität bemerkbar.

Mit der Entwicklung lassen sich Zucht und Milchproduktion gezielter in Richtung Spitzenleistung steuern. Die beiden Unternehmensgründer haben damit manche Idee der Industrie 4.0, also der Digitalisierung der Produktionsprozesse, vorweggenommen. Aber es gehe genauso um das Wohl der Tiere, die man so artgerechter halten und füttern könne und rascher behandeln, wenn sie krank werden, sagt Fallast. Er ist heute der Innovationsmanager des 20 Mitarbeiter zählenden Unternehmens. Die Geschäftsführung hat er abgegeben und setzt den Fokus auf seine Leidenschaft: gute Ideen umzusetzen. Denn 2013 standen die Erfinder mit ihrem System, das die Landwirtschaft schlauer machen soll, knapp vor dem Aus. „Wir haben immer an unsere Idee geglaubt“, erzählt Fallast. Schließlich wurde ein Investor gefunden, die Firma umstrukturiert – mit Erfolg.

„Wir haben 2016 einen Umsatz von rund einer Million Euro erzielt“, sagt Geschäftsführer Robin Waluschnig. Man wolle jedes Jahr um das Zwei- bis Dreifache wachsen, meint er selbstbewusst. Der Telematiker und BWL-Absolvent ist nach fünf Jahren Beratungserfahrung bei McKinsey im März in das Unternehmen eingestiegen – und tourt nun durch die Kuhställe der Welt. „Unser Ziel ist die globale Expansion“, sagt er selbstbewusst. Wichtigster Absatzmarkt war bisher Großbritannien. Erst kürzlich ist er aus Russland retour gekommen, wo er das System verkauft hat, zuvor war er u. a. in Brasilien und Korea unterwegs. Im September starte die erste Farm in Afrika, berichtet er. Damit sei man mittlerweile auf allen Kontinenten vertreten: Rund 20.000 Sensoren sind aktuell im Einsatz.

Das Geschäftsmodell funktioniert wie ein Handyvertrag. Man zahlt pro Kuh eine monatliche Grundgebühr. Die Bauern binden sich für mindestens zwölf Monate. Waluschnig beruft sich auf Zahlen der UNO, wenn er das weltweite Potenzial für das smarte Produkt, das einen permanenten Überblick über Gesundheit, Fruchtbarkeit und Fütterung der Tiere liefert, auf rund 100 Millionen Milchkühe schätzt. Der Großteil würde derzeit von keiner Technologie begleitet. „Wir haben eines der wenigen österreichischen Exportprodukte, das auf Pansensaftverträglichkeit geprüft ist“, schmunzelt Fallast.

Unterhaltsam könnte es auch werden, wenn der WDR die Informationen aus dem Kuhmagen in den sozialen Medien in Botschaften „übersetzt“: Wie geht es den Tieren? Was tut sich im Stall? Ob auch Fallast mit Conny, Emma oder Kuh Nr. 71 chatten wird? Freilich, sagt er. Denn er probiert gern Neues aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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