Die Energiezukunft steht unter Strom

Bis 2030 wollen die heimischen Versorger 50 Mrd. Euro investieren, um den Anteil von Strom am Energiemix von 20 auf 33 Prozent zu steigern. Die Politik soll für rasche Verfahren sorgen.

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(c) Die Presse

Wien. Um vollmundige Ankündigungen sind die österreichischen Stromerzeuger nicht verlegen: Sie planen das „größte Infrastrukturpaket der Zweiten Republik“, wie Leonhard Schitter, der neue Präsident von Energie Österreich, am Mittwoch erklärte. In Summe 50 Mrd. Euro wollen sie bis zum Jahr 2030 investieren, was (direkt und indirekt) für 30.000 neue Jobs sorgen werde. Das Geld soll ausschließlich in „saubere“ Energien fließen. Dabei geht es nicht nur um neue Wasserkraftwerke, Windparks und Solaranlagen, sondern auch um Speicher und vor allem den Netzausbau. Denn je mehr die produzierte Menge von Wind und Wetter abhängt, desto wichtiger werden die Zwischenspeicherung und der schnelle Transport.

Es kann nicht überraschen, dass die Branche ihre hochfliegenden Pläne kurz vor der Nationalratswahl in Erinnerung ruft. Natürlich betont der Verband, dass seine 140 Mitgliedsunternehmen dazu Hilfe von der Politik brauchen. Aber wer kein Kenner des Sektors ist, mag sich wundern, um was es dabei geht. Staatliche Unterstützung für die Investitionen? Nein, sie stemmen das selbst. Mehr Förderungen für Ökostrom? „Ganz im Gegenteil“, sagt Generalsekretärin Barbara Schmidt. Zwar wählt man eine Formel, die niemand wehtut: „So viel Wettbewerb wie möglich, so viel Förderung wie nötig“. Aber konkret setzen die professionellen Anbieter auf ein Ende der „verzerrenden“ Einspeiseförderung. Sie ließ über eineinhalb Jahrzehnte auch unwirtschaftlich produzierende private Kleinanbieter gut leben, wie Landwirte mit Biomasseanlagen oder Solarpanelen am früheren Kartoffelacker.

 

Widerstand „unüberwindbar“

Freilich fordert die Lobby auch finanzielle Hilfen, wie eine „Energieforschungsmilliarde“. Oder Subventionen für unwirtschaftlich gewordene Gaskraftwerke, die bei einer Flaute in der Ökostromerzeugung die Versorgung weiter garantieren. Aber vor allem geht es ihr darum, ihre Projekte rascher durchzubringen. Jeder Masten, jedes neue Windrad „stößt auf kaum überwindbare Widerstände“ der Anrainer, die Verfahrensdauer „läuft aus dem Ruder“. Schmidt erinnert an den erst zweiten Kärntner Windpark, der diesen Samstag eröffnet wird: Es gingen zehn Jahre ins Land, bis er genehmigt war.

Bleibt es bei diesem Tempo, verstauben die kühnen Pläne in der Schublade. Die Ziele wären: eine Erhöhung der Windkraft-Kapazität um 170 Prozent, teils durch mehr Anlagen (heute sind es knapp 600), teils durch bessere Ausbeute. Weiters 100.000 zusätzliche Fotovoltaikanlagen (das entspricht der gesamten Dachfläche von Wien plus Graz). Und auch mehr Wasserkraft, um ein Volumen, das zwei Donaukraftwerken entsprechen würde. Das alles wäre machbar und rentabel – wenn die Bürger und Behörden mitspielen.

Wie aber argumentieren die Erzeuger ein Interesse der Gesellschaft an einem so massiven Ausbau? Der Anteil an „sauberem“ Strom ist in Österreich mit 76 Prozent ja schon höher als in jedem anderen Land der EU – dank vieler Flüsse mit großem Gefälle. Ein wenig Steigerung auf 85 Prozent sei bis 2030 noch drin, als Rest bleiben Gaskraftwerke, die vorerst weiter die Schwankungen ausgleichen müssen. Nicht zu erwarten ist auch eine stark steigende Nachfrage aus den gewohnten Anwendungsbereichen. Allenfalls die Industrie könnte (bei guter Wirtschaftsentwicklung) trotz Einspardruck mehr Strom brauchen.

 

Weniger Importe als Ziel

Der große Mehrbedarf soll vielmehr aus neuen Themen kommen: Verkehr und Wärme. Wollte man von heute auf morgen alle Benziner und Diesel durch Autos mit E-Antrieb ersetzen, bräuchte man dafür um 14 Prozent mehr Strom. Und natürlich flächendeckende Ladestationen, für die wiederum die Politik gefragt ist. Ein Teil dieser Umstellung sollte bis 2030 schon vollzogen sein.

Zudem wettert der Stromverband gegen die 600.000 Ölheizungen in den heimischen Haushalten, die mit 24 Jahren im Schnitt stark überaltert sind – und empfiehlt stattdessen strombetriebene Wärmepumpen, die Umweltwärme aus der Luft, dem Wasser und dem Erdreich nutzen.

Durch diese Vorstöße in neue Gefilde soll der Anteil von Strom am gesamten Energiemix von 20 auf 33 Prozent steigen. Schon dazu müssten die Versorger 14 Terawattstunden oder 19 Prozent mehr produzieren. Zusätzlich wollen sie aber auch die Abhängigkeit von Importen lindern. Österreich war in den 1980er-Jahren noch ein Nettoexporteur von Strom, mittlerweile kommt aber rund 14 Prozent der Elektrizität aus dem Ausland – und dann meist von fossilen Kraftwerken oder AKWs. In Summe wollen die Versorger 20 Terawattstunden zusätzlich auf die Beine stellen, ein Plus von rund 27 Prozent.

Es soll zu je einem Drittel aus den Quellen Wasser, Wind und Sonne kommen. Womit man auf die genannten Ausbauziele bei den Anlagen kommt. Ob sie wirklich realisiert werden, entscheiden die Bürger – und die Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2017)

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