Von der Kauflust zur Kaufsucht

Fast jeder dritte Österreicher (30 Prozent) ist gefährdet, der Sucht nach Konsum zu verfallen, besagt eine Gallup-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK). Vor einem Jahr waren es noch 28 Prozent.

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(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

WIEN (cim). Berge von Babykleidung, verpackt und unbenutzt, die sich in einer Abstellkammer stapeln, horrende Schulden, Schuldgefühle, Depression, Eheprobleme– so berichtet eine anonyme Kaufsüchtige über ihren Zwang zum Shoppen. Fast jeder dritte Österreicher (30 Prozent) ist gefährdet, der Sucht nach Konsum zu verfallen, besagt eine Gallup-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK). Vor einem Jahr waren es noch 28 Prozent.

Viele gönnen sich zumindest gelegentlich einen „Frustkauf“. Sie konsumieren „kompensatorisch“, also nicht, um ein paar Schuhe oder einen Lippenstift zu besitzen, sondern nur wegen des Glücksgefühls beim Kauf. 20 Prozent der 1000 Befragten seien „durch ausgeprägten kompensatorischen Konsum deutlich kaufsuchtgefährdet“, heißt es in der Studie. Etwa jeder zehnte Österreicher gilt als kaufsüchtig.

„Von Kaufsucht spricht man, wenn ein innerer Drang, eine Leere oder Spannung nur auszuhalten ist, wenn man kauft“, erklärt Psychotherapeutin Irene Kautsch. „Kann ein Süchtiger nicht kaufen, treten Entzugserscheinungen auf: Anspannung und Unwohlsein“, so Kautsch. Der Konsumrausch kompensiere, wie andere nicht stoffgebundene Süchte (etwa nach Arbeit, Sport oder Internet) Probleme in der Beziehung oder der Familie, Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühle oder Frust am Arbeitsplatz.

 

Junge Frauen besonders betroffen

Vor allem Frauen neigen zum „pathologischen Kauf“ und holen sich Glücksgefühle an der Kassa. Junge und Singles sind besonders betroffen. 68 Prozent aller Kaufsuchtgefährdeten sind Frauen, bei jungen Frauen zwischen 14 und 24 Jahren ist etwa jede Dritte stark kaufsuchtgefärdet, ebenso viele sind leicht kaufsuchtgefährdet. Shopping gilt bei diesen, glaubt man den Trendforschern, als eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten.

Geringer ist die Gefahr, dass der Konsumrausch überhandnimmt, bei Menschen in Partnerschaften, die politisch interessiert sind. Ab einem Alter von 45 Jahren schwindet die Gefahr von Konsumsucht. In Tirol und Vorarlberg ist sie vergleichsweise gering ausgeprägt. Die Kaufsucht ist allerdings kein Phänomen der Konsumgesellschaft. Bereits 1909 wurde die „Oniomanie“, die wie Kleptomanie, Pyromanie oder Spielsucht zu den Störungen der Impulskontrolle gehört, erstmals beschrieben.

Die AK ortet dennoch gesellschaftliche Auslöser: „Die Anforderungen, vor allem an Frauen, wachsen durch die Werbung“, sagt Karl Kollmann von der Abteilung Konsumentenpolitik der AK. Schließlich suggeriere die Werbung, dass man Glück kaufen könne. Daher solle man Werbung „sozialverträglicher“ gestalten, fordert Kollmann.

Die Arbeiterkammer plädiert außerdem für ein Unterrichtsfach „Verbraucherbildung“ in der Schule zur Prävention. Diese Inhalte – das Ministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz hat bereits Unterrichtsmaterialien für Lehrer herausgegeben – könnten auch in bestehende Lehrpläne, etwa in das Fach Geografie und Wirtschaftskunde, integriert werden, schlägt Kollmann vor.

Eine ausgeprägte Kaufsucht endet schnell in hohen Schulden. „Angebote von Ratenzahlungen oder Kontoüberziehungen machen das Einkaufen leicht – die Nachwehen sind dann umso schlimmer“, sagt Kollmann.

Neben der Prävention fordert die AK schnellere Hilfe bei Überschuldung. Einerseits durch mehr Geld für die Schuldnerberatung, andererseits auch durch eine Reform des privaten Insolvenzrechtes. Etwa eine Entschuldung in fünf statt sieben Jahren oder eine Quote von fünf statt zehn Prozent.

 

Kurzer Kick als Warnzeichen

Aus einer ausgeprägten Sucht selbst helfe aber nur therapeutische Unterstützung, sagt Kautsch. Schließlich hängt diese Sucht oft mit Depressionen, Zwangs- und Angststörungen zusammen. Die Shopaholics selbst erkennen ihr Problem allerdings kaum. „Wenn man drei-, viermal pro Woche auf Schnäppchenjagd geht, kann man schon darüber nachdenken“, so Kautsch. Auch ein starker Drang zum Shopping und ein Glücksgefühl beim Kauf, das nur einen Moment anhält und in Schuldgefühle umschlägt, seien Warnzeichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2009)

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