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Niederlande: 775 Euro Selbstbehalt für Kranke

09.04.2010 | 18:36 |  Von unserem Korrespondenten HELMUT HETZEL (Die Presse)

In der kommenden Legislaturperiode müssen 35 Milliarden Euro eingespart werden. Die 16,5 Millionen Holländer werden sich von vielen Errungenschaften des Sozialstaates verabschieden müssen.

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Den Haag. Die Niederländer wählen am 9. Juni ein neues Parlament. Aber unabhängig davon, wie die künftige Haager Regierung zusammengestellt sein wird, ist eines schon jetzt klar: Es wird ein Gruselkabinett für die Bürger. Denn in der kommenden Legislaturperiode müssen 35 Milliarden Euro eingespart werden – und die Maßnahmen, die in Diskussion sind, sind keine Kleinigkeit.

Die 16,5 Millionen Holländer werden sich von vielen Errungenschaften des Sozialstaates verabschieden müssen, wenn die Ideen umgesetzt werden, die von einer Sachverständigenkommission jetzt zur Einbremsung des Defizits vorgeschlagen werden.

An erster Stelle steht beispielsweise gleich die Abschaffung des Kindergeldes. Das komme den Staat viel zu teuer. Als nächste Idee folgt eine Selbstbeteiligung der Bürger an der allgemeinen Gesundheitsversicherung in Höhe von 775 Euro pro Person. Das hieße, wer künftig in den Niederlanden krank wird, der muss für die Kosten seiner Behandlung einen Selbstbehalt von 775 Euro bezahlen. Kostet eine ärztliche Behandlung 600 Euro, sind die selbst zu zahlen. Erst ab 775 Euro sollen die Kosten von der staatlichen Gesundheitsversicherung übernommen werden.

 

Aus für Stipendien

Für Häuslbauer wird es eng, weil die Absetzbarkeit der Hypothekenzinsen abgeschafft oder zumindest massiv eingeschränkt werden sollen. Für jeden Hausbesitzer ein Horrorszenario: Einerseits könnte er die Kredite nicht absetzen, andererseits aber muss er schon jetzt eine relativ hohe Grundsteuer bezahlen. Experten halten einen solchen Schritt für gefährlich, weil dadurch der Immobilienmarkt zum Erliegen kommen könnte.

Weitere Sparvorschläge: Die Kürzung des Mindestlohnes um zehn Prozent; die Kürzung des Arbeitslosengeldes um mindestens zwanzig Prozent. Keine Stipendien mehr für Studenten, sondern nur noch staatliche Kredite, die die Studenten nach Abschluss ihres Studiums in voller Höhe zurückzahlen müssen. Radikale Kürzungen des Verteidigungsetats und der Entwicklungshilfezahlungen. Radikaler Umbau des öffentlichen Dienstes und des Beamtenapparats, der kräftig schrumpfen soll. Allein hier orten die Experten ein Sparpotential von fünf Milliarden Euro.

Selbst vor traditionsreichen Einrichtungen macht man nicht halt: Die Feuerwehr solle privatisiert werden, lautet ein Vorschlag. Auch das bringe Millionen, die das Budget dringend benötige.

 

Arbeiten bis 67

Schließlich der heikelste Punkt: Die Erhöhung des Rentenalters von bisher 65 auf künftig 67 Jahre. Das wurde von der im Februar gescheiterten Großen Haager Koalition zwar schon beschlossen. Doch das neue Rentengesetz hat die parlamentarischen Hürden noch nicht genommen, so dass das Thema Rentenalter einer der zentralen Knackpunkte bei den Koalitionsverhandlungen der künftigen Haager Regierung nach der Wahl im Juni sein wird.

Grund für den diskutierten massiven Sparkurs ist die ausufernde Neuverschuldung infolge der Wirtschaftskrise. Das Defizit könnte heuer sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen – doppelt so viel, wie im Maastricht-Vertrag erlaubt. Und nachhaltig bringe man die Staatsfinanzen nur durch Staatsfinanzen in den Griff, glauben die Experten.

Dass man die Sparmaßnahmen offen vor der Wahl diskutiert, wird nicht als Nachteil gesehen. Denn mehr als Einschnitte fürchten die Niederländer vor allem eines: Dass sie das Griechenland Nordwesteuropas werden.

Auf einen Blick

35 Milliarden Euro müssen die Niederlande in den kommenden Jahren einsparen. Aufgrund der Wirtschaftskrise stieg die Neuverschuldung heuer auf knapp sechs Prozent des BIPs. Eine Expertenkommission schlägt jetzt tiefe Einschnitte in den Sozialstaat vor, unter anderem die Abschaffung des Kindergeldes und einen Selbstbehalt beim Arztbesuch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2010)

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12 Kommentare
Gast: webmax
12.04.2010 15:55
0 0

An sich und ihre Diäten, Rentenbeiträge ...

Spesen etc. haben die hohen Herren natürlich auch gedacht, oder?!?

0 0

Die Senkung der Mindestlöhne bringt mehr Wettbewerbsfähigkeit = mehr Beschäftigung = weniger Arbeitslose = gesunde Staatsfinanzen


Der Selbstbehalt im Gesundheitssystem ist die einzige nachhaltige Maßnahme zur Kostendämpfung. Es ist erwiesen dass fast ein Drittel der Arztbesuche unnötig sind, detto die Medikamentation und die mehrfachen teuren Untersuchungen usw. Der Patient steht auf dem Standpunkt: Viel hilft viel - und kostet nichts. Aber:

"There ain't no such thing as a free lunch"

http://de.wikipedia.org/wiki/No-free-Lunch-Theoreme

Steininger
10.04.2010 12:57
0 0

Man fragt sich unwillkürlich

was die Kürzung des Mindeslohns mit der Sanierung der Staatsfinanzen zu tun haben soll?

Es ist ja noch nicht ausgemacht ob irgendwas von diesem Sammelsurium von Neoliberalismen auch tatsächlich eintritt.
Die Presse bleibt uns ja schuldig welche "Experten" diese Vorschläge machen und welcher Thinktank den Katalog herausgebracht hat.

Hokii
10.04.2010 10:10
0 0

Ein Blick in die nahe Zukunft

Wenn da unsere "christlich-sozialen" im Verbund mit den "nur-sozialen" nicht auf den Geschmack kommen wie das Budget richtig sanier(r)t werden könnte?

Soziale Gerechtigkeit werden Faymann und Pröll dann mutmasslich so definieren: Stiftungen werden steuerfrei gestellt, die Einheitswerte der Landwirtschaft werden auf das Jahr 1965 rückgestuft, für Leistungsträger mit Einkommen ab 150.000 Euro gilt ein einheitlicher Steuersatz von 12%-private Zusatzversicherungen bei Krankheit übernimmt bis zu 100.000 Euro die öffentliche Hand und, und....

Faymann wird erklären für die Anliegen der schwächsten gekämpft zu haben. Stolzes Ergebnis: das Kindergeld nur halbiert, keine Mindestlöhne, Selbstbehalt von nur 300 Euro je Krankheit, jeder muss jeden Job annehmen(außer Politiker und ihre Avatare), das Arbeitslosengeld wird durch die Löwelstraße ausbezahlt, und, und.....

Der Strache wird in den Discos smart lächelnd und mühelos noch mehr jener Frustrierten und Chancenlosen auflesen die dankbar seinen Lösungen lauschen und sich freuen das ihre berechtigten Sorgen endlich Gehör finden.

Unsere, durch jahrzehntelange Inzucht, degenerierten staatstragenden Parteien werden weiter unbeirrt ihre komisch-tragischen Figuren versorgen, gleichzeitig versprechen mit Proporz und Vetternwirtschaft endlich Schluss zu machen und .....

...... staunend anmerken, dass "trotzdem wir keine Fehler machten" die Menschen sich unverständlicherweise DIESER FPÖ zuwenden.

DANKE


Gast: matt03
10.04.2010 09:53
0 0

von mir aus

Ja wenn der Staat aufhört mir monatlich horrende Summen fürs Gesundheitssystem abzuziehen kann man darüber reden

Gast: Novalis
10.04.2010 08:33
1 0

Weitere Sparvorschläge: Die Kürzung des Mindestlohnes um zehn Prozent

Inwieweit ist das ein "Sparvorschlag" ?

Kleinere Einkommen = geringere Steuern

---

Insgesamt : man zahlt Unsummen an Steuern, bekommt aber kaum Leistungen dafür.

Und die Bankenmanager, die uns dieses Schlamassel eingebrockt haben (Ausplündern der Staatskassen für "Bankenhilfspakte"), bewilligen sich selbst weiter Millionen-Boni ...

Gast: pferdekopf
10.04.2010 08:19
0 0

bin ich froh

dass ich ein österreicher bin. der staat gibt zwar schon seit generationen mehr geld aus als er zur verfügung hat, aber solche einschnitte würden unsere millionäre in der regierung nie zulassen.

Gast: Gast
10.04.2010 08:10
0 1

Kleine Zukunftsaussicht auf die realen Auswirkungen der Wirtschaftkrise

Jaja, bis jetzt hat noch niemand etwas gespürt, außer dass die AMS mehr zu haben. Doch nun beginnen die realen Auswirkungen auf die Menschen in Europa.

DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI!

Wird bei uns auch bald losgehen, bevor alles Untergeht...

EU ade, ade, ade

Gast: kritiker
09.04.2010 22:14
2 1

Krankenversicherung ade

Leider sagt der Artikel nicht, ob der Selbstbehalt pro Behandlung oder für einen bestimmten Zeitraum (Jahr) gelten soll.
Wäre er für jeden Krankheitsfall, käme das grossteils einer Abschaffung der Krankenversicherung gleich, denn 770€ sind einGrossteils des Gehalts für einen kleinen Mann, dessen Familie nicht mehr zum Arzt gehen kann, weil sie dann kein Geld mehr zum Leben haben.
Unfall zu Hause, Knochenbruch, einige Tage im Spital... jedesmal 770€, wer kann das zahlen?

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andere mentalität

da merkt man, dass die nüchternen nordeuropäer eine andere mentalität haben. solche vorschläge vor einer wahl in österreich auch nur anzudenken käme keinem politiker in den sinn, der in den nächsten 20 jahren ein öffentliches amt bekleiden möchte...

Gast: ASVG-Sklave
09.04.2010 20:38
9 0

kein Geld mehr da

Sie werden ihre multikulturelle Bereicherung lieben lernen (müssen).

Gast: Hellboy
09.04.2010 20:03
2 0

da könnten sich...

unsere Grokonellen ein paar Anleitungen zum Sparen holen ;-)

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